PERSISTENCE TOUR – Hamburg/Große Freiheit 36 – 23.01.2017

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EMP hat im Januar zum zwölftägigen Abriss quer durch Europa geladen. Unter dem Titel PERSISTENCE TOUR machte die bunte Pöbel-Karawane auch auf dem Hamburger Kiez halt.

An einem Montagabend ist der  Kiez eher leergefegt. Umso mehr fallen die Bandana- und Cap-tragenden Horden auf, die in Richtung Große Freiheit 36 strömen, um dem Familientreffen der Hardcore-Szene beizuwohnen. Sowohl auf, als auch vor der Bühne stehen heut Jung und Alt einer scheinbar in den letzten Jahren wieder erstarkten Gemeinschaft. Insgesamt sieben Acts stehen auf dem Programm, sodass es schon recht früh losgeht. Die kalifornischen MIZERY haben daher hier keinen leichten Start, denn der gemeine Hardcore-Hörer sitzt noch in seinem Büro und verkauft ein paar Investment-Fonds  oder tätowiert noch diverse Körperteile fremder Menschen (letzteres tut übrigens auch der Bassist von WALLS OF JERICHO, wie wir in einem Interview erfahren durften, dazu aber an anderer Stelle mehr).
MIZERY geben sich alle Mühe die Leere vor der Bühne durch eine ansehnliche Show auf der Bühne zu kompensieren. Hier und da lockt es auch den Einen oder Anderen in den Pit, wo er nun ganz für sich Arme und Beine durch die Gegend schleudern kann. Ein guter Opener, aber ein zu schüchternes Publikum.
Als nächstes versuchen sich die New Yorker BURN. Der selbst betitelte Progressive-Hardcore kommt etwas ruhiger und gesetzter um die Ecke als die Band vorher, sodass es zwar ein wenig voller wurde, aber nicht unbedingt mehr Bewegung im Publikum herrschte. Der Gitarrist, ein wahres Tier, geizt nicht mit Effekten und abgefahrenen Sounds und erinnert einen hier gerne mal an „Rage Against The Machine“. Mit der Zeit bildet sich ein großes Loch vor der Bühne, welches nach einem Circle Pit schreit, aber Hamburg ist noch nicht wach, wie auch die Band trotz ihrer  Ansagen feststellen muss.
Anders wird es dann bei DOWN TO NOTHING. Langsam rührt man sich und der erste Circle Pit des Abends lässt nicht lange auf sich warten. Der Hardcore-Punk der Jungs aus Virginia geht gut nach vorn und findet im Publikum viel Anklang. Es wurde Zeit für den ersten großen Namen.
Modisch aus den Rockerbanden der 80er entsprungen, bilden MUNICIPAL WASTE einen großen Kontrast zu den bisherigen Bands. Als erste Band mit zwei Gitarren an diesem Abend, feuern sie ihren Thrash-Hardcore Mischmasch in das mittlerweile hungrige Publikum. Der Saal ist gut gefüllt und die Band macht keine Gefangenen. Auf Grund der vielen Bands ist die Spielzeit leider sehr kurz, aber dafür geben Band und Publikum am Ende zum Song „Born to Party“ noch mal richtig Gas.
Als nächstes geben sich WALLS OF JERICHO die Ehre. Candace Puopolo und ihre Jungs hauen so dermaßen auf die Ka…, dass das Publikum ab dem ersten Song kocht. Der muskelbepackte Rotschopf scheint heute Kilometergeld zu kriegen, denn sie rennt und springt von einem Bühnenende zum nächsten. Das Publikum wird bei Songs wie „A Trigger full of Promises“ oder „The American Dream“ regelrecht zusammengeschrien und bedankt sich dafür mit amtlichen Circle Pits und einer spontanen und perfekt selbstorganisierten Wall of Death. Das Set endet mit einem Ausflug des Bassisten ins Publikum und dem Song „Revival Never Goes Out of Style“ bei dem das Mitsing-Potenzial vollumfänglich ausgenutzt wird. Ein schneller und intensiver Auftritt, der die beste Vorbereitung für die nun kommenden Alt-Meister AGNOSTIC FRONT ist. Die New-Yorker Hardcore Institution um Gitarrist, Gründer und Spaßvogel des Abends, Vinnie Stigma legt ein ordentliches Brett hin. Mit Hits wie „For my Family“ oder „Gotta Go“, die textsicher von der Meute vor der Bühne mitgesungen werden, zelebrieren AGNOSTIC FRONT ein Hardcore-Fest sondergleichen. Im Laufe des Konzerts hat Vinnie Stigma gefühlt jedem Gast im Publikum mindestens einmal zugewunken, jedem Security einmal durchs Haar gewuschelt und Grimassen geschnitten, die jeden Botoxer vor Neid erblassen lassen. Das Finale wird mit einem Cover des berühmten „Blitzkrieg Bob“ besiegelt.
Wenn auch die beiden letzten Bands deutliche Headliner Qualitäten aufweisen, gebührt dieser Platz heute SUICIDAL TENDENCIES. Mit klassischenem und schnellem Hardcore holt die Band hier zur späten Stunde noch mal alles aus dem Publikum raus. Zu Gangshouts und für Hardcore-untypische Gitarrensoli geht Sänger Mike Muir ähnlich energiegeladen ab, wie zuvor nur Candace Puopolo. Die Erfinder der hochgeklappten Baseballmützen präsentieren hier ihre symbiotische Mischung aus Groove und Tempo in Perfektion. Das Publikum singt gefühlt das halbe Set mit, was bei Songs wie „Subliminal“ (GTA V lässt grüßen) oder „Pledge your Allegiance“ nicht verwundert. Mit letzterem schließt auch dieser grandiose Abend. Trotz anfänglicher Startschwierigkeiten ein Familientreffen der Hardcore-Szene, welches man gerne in Erinnerung behält. Man kann sich nur wünschen, dass die Persistence Tour 2018 ähnlich hochkarätig und interessant sein wird.