SWEEPING DEATH - Astoria
Sweeping Death - AstoriaGenre: Progressive Thrash Metal
Label: Independent
Veröffentlichung: 19.01.2017
Bewertung: Klasse (8/10)

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Die Bezeichnung Progressive Thrash Metal ist eigentlich nur die Hälfte einer passenden Umschreibung des Stils von SWEEPING DEATH. Die Jungs sind nämlich weitaus vielseitiger und bedienen sich dutzende Male im Old School Metal oder lassen sogar gelegentlich klassische Elemente einfließen, die so sauber eingearbeitet sind, als gehörten sie schon immer dorthin.

Wie die Schriftart des Logos der Band vermuten lässt, das man irgendwo in der Art schon mal gesehen hat, fühlt man sich beim Hören der Platte in die Vergangenheit zurückversetzt, was mitunter sicherlich der enormen Wandelbarkeit der Stimme von Elias Witzigmann zu verdanken ist. Diese weist unglaublich viele Facetten auf, die es einem schwer machen zu glauben, dass nur eine einzige Person dahinter steckt. Mal ist es ein spitzer Schrei, der seiner Kehle förmlich entflieht (vermutlich aus Angst vor der eigenen Schrillheit, weswegen dieses Etwas genauso schnell wieder verschwunden ist, wie es auch gekommen ist), mal ist es ordentlicher gutturaler Gesang in den verschiedensten Formen, die ohne Ausnahme alle sauber beherrscht werden.

Trotz der Vielseitigkeit fällt auf, wie penibel die Vocals zur Instrumenten-Fraktion passen, was beispielsweise in „Pioneer Of Time“ deutlich zum Vorschein kommt. Ein fast zu gutes musikalisches Zusammenspiel um wahr zu sein. Da hat sich jemand wirklich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, wie man aus fünf Leuten eine funktionierende Band baut.

In diesem Song wird auch zum ersten Mal auf der Platte das Klavier zwischendurch ausgepackt, das zuerst nichts Böses vermuten lässt, als es in etwa der Mitte des Songs einsetzt und Zeit zum durchatmen schafft. Doch plötzlich schlägt einem unerwartet die volle Ladung SWEEPING DEATH ins Gesicht und das wars dann auch schon mit Pause.

Zu meiner Überraschung lassen die Prog-Einflüsse nicht lange auf sich warten und sind keineswegs subtil in der hinterletzten Ecke versteckt, sondern heben sich stolz vom thrashigen Old School Rest ab, ohne den Flow zu unterbrechen. Man wird geschickt vom Intro zum Verse und zu diversen, nicht klar identifizierbaren Parts geleitet und findet sich irgendwann mitten im Song wieder, ohne zu wissen, wie man dort überhaupt hingelangt ist. Genauso rätselhaft wandert man weiter und weiter, bis man den Überblick verloren hat und gute 30 Sekunden später realisiert: Es ist immer noch derselbe Song wie vorhin. Was keineswegs schlecht ist. Im Gegenteil, man versinkt einfach unkontrolliert in verschachtelten Soli und merkt nicht, dass die Zeit vergeht.

Da liegt der Gedanke, die Jungs als Vollprofis zu bezeichnen nicht fern. Sie schustern ihre Songs locker flockig mit ernsten Absichten zusammen und geben dabei jedem Mitglied einen Freiraum zum ausleben. Sogar der Bassist wird ausnahmsweise mal nicht außen vorgelassen, wie das sonst manchmal üblich ist. Ein gutes Beispiel dafür ist der Titeltrack „Astoria“ (der nebenbei bemerkt ebenfalls mein absoluter Favorit ist). Hier wirkt Andreas Bertl allen Bassisten-Klischees entgegen und löst sich deutlich von dem lustigen Grundtonspieler-Kaffekränzchen ab. Er ist einer derjenigen, die sich fleißig hinsetzen, um mehr als nur Tonleitern zu üben, und sich trauen, ihr Instrument zu gebrauchen anstatt es nur zu streicheln. Denn genau das sticht hervor und nicht nur in diesem einen Song, sondern überall, wenn man sich nur die Mühe macht und entgegen aller Gewohnheit auf den Bass achtet. (Es lohnt sich, versprochen.)

Vor dem letzten Track hatte ich zugegeben dezent Angst. Allein der Titel „Till Death Do Us Part“ weckte in mir horrorartige Szenarien von einem weiteren der unzählbaren, kitschigen Liebeslieder, vor denen man sich kaum retten kann. Also Zähne zusammenbeißen, sind ja nur drei Minuten. Doch was sich hinter diesem Track verbirgt, hat mich so überrascht, dass ich gar nicht glauben kann, wie jemand einen derartig ausgelutschten Titel für so einen grandiosen Song wählen kann.

Fernab von kitschig fängt alles mit einem dramatischen Piano und Bass an. Mit der Zeit steigert sich das Ganze in ein Gitarrensolo, bis der Hauptteil anfängt, über den sich schöne, hallige Vocals legen. Insgesamt zwar ein eher schlichter Song, dafür aber perfekt ausgearbeitet.

Wenn man also Lust auf ein kleines Abenteuer hat und gerne in den „guten alten Zeiten“ verschwindet, ist dieses Album genau richtig. Wobei SWEEPING DEATH nicht versuchen, so alt wie möglich zu klingen, sondern ihre Musik eher auf ein anderes Niveau heben und sich dadurch von anderen Bands abgrenzen und wirklich ihr eigenes Ding machen.

Darüber hinaus ist „Astoria“ keineswegs nur etwas für eingefleischte Prog/Thrash Metal Anhänger, da es so viel mehr zu bieten hat. Man bedenke, dass die Jungs begabt sind UND sich trauen, mal die Tür aufzumachen, um aus der Welt des steinharten Metals herauszutreten.

Allerdings klingt das Schlagzeug ein wenig wie das „Schlagzeug aus der Dose“, bei dem sich niemand die Mühe gemacht hat, es wenigstens ein bisschen aufzuwärmen. Jedoch kann man angesichts der Superhaftigkeit „Astoria“ mal großzügig ein Auge zudrücken.