SHORES OF NULL – Black Drapes for Tomorrow

SoN-BlackDrapes-cover-WEB-500x500Genre: Doom Metal / Dark Metal
Label: Candlelight Records
Veröffentlichung: 14.4.2017
Bewertung: Bombe (9 von 10)

Facebook

 

Schubladendenken verbittet man sich ja im gesellschaftlich-politischen Bereich heutzutage, denn Stereotype haben stets etwas Unzulängliches und Engstirniges. Wenn es allerdings um Reviews geht, dann erwartet der Leser seinen Lieblingsstempel, denn viele erweisen sich doch beim Musikhören als konservativ und bequem. Bei SHORES OF NULL erhofft sich der geneigte Leser also nun eine Scheibe, die in die Kategorie Ahab, Candlemass oder My Dying Bride fällt, aber da muss ich besagten enttäuschen, denn die Kategorisierung gestaltet sich bei den Italienern gar nicht so einfach, auch wenn die Doom-Szene sehr breitgefächert ist. Das Schriftzug-Orakel verrät dennoch, dass keine Blasts oder Breakdowns zu erwarten sind, sondern traurige Melodien.

Die CD startet im Song „Tributory Waters“ sogleich mit treibenden, mittigen Gitarren, die von gleichmäßigen Drums unterlegt werden, dazu melodischer, nicht zu kräftiger Clean-Gesang á la Sentenced oder End of Green (Achtung Schublade!), unterlegt mit Screams, die gern mehr in den Vordergrund treten dürften. Unbestritten führt das zielstrebige Songwriting in einen melancholischen Strudel, der den Hörer sicher nicht in Stimmungshöhen entführt, sondern mit den düsteren Texten auf den Grund der Trübsinnigkeit hinabzieht. Der Titelsong „Black Drapes For Tomorrow“ beginnt doomiger mit schleppenden Gitarren und tiefem Gesang in Pete Steele-Manier, geht dann aber wieder rasch in fließende Riffs über, denen zuweilen klassische Moll-Linien darüber gelegt sind. Fehlende Unterbrechungen wie Breakdowns (falsches Genre!) oder Gitarrensoli kreieren einen angenehm strömenden Effekt ohne zu langweilen, wofür auch das abwechslungsreiche Songwriting verantwortlich ist.

„The Enemy Within“ in der Mitte des Albums erzeugt als instrumentales Interludio aus Akustik-Gitarren mit viel Hall eine kurze Verschnaufpause an den Ufern der Melancholie, bevor das starke Stück „Carry On, My Tiny Hope“ den Hörer mit voller Breitseite trifft. Dieser Song hat definitiv Hitcharakter! Hier spielen zum ersten Mal auch tiefe Basstöne eine Rolle, die dem ganzen sogar etwas Grooviges verleihen. Typischer Doublebass unterlegt die filigranen Gitarrenläufe, im Vordergrund mäandert der variable Gesang, der nun zwischen doppelspurigem Klargesang und Growls wechselt. Da könnte man im Sinne eines Heldensongs sogar einen Schwall Amon Amarth vermuten, um eine ganz andere Kategorie zu bemühen. „We Ain‘ Ashes“ kommt nur langsam ins Fließen und bleibt auch im Midtempo-Bereich, bereichert wieder von den starken Growls, die mit dem Strudel der Gitarren nach unten führen.

Alles in allem findet man hier ein echt gelungenes Album, das so variabel geschrieben wurde, dass es sich in keine Schublade pressen lässt – man hört doomiges, deathiges, dark rockiges und etliche Gesangsvariationen, die dem Hörer das Zuhören abnötigen. Besonders gelungen ist das Fließende des Songwritings, das aber kein Plätschern ist, und viele Strudel und Kehrungen und wirklich neue Riffs zu bieten hat. Vielleicht einziger Wermutstropfen: der Klargesang ist auf Dauer etwas anstrengend, ansprechender sind fast die Growls. Unbedingt anhören!