KORA WINTER - Welk (Review)
Kora Winter - WelkGenre: Hardcore/Postcore
Label: Revolver Distribution Services
Veröffentlichung: 21.04.2017
Bewertung: Klasse (8/10)

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Schaut man sich einmal die Tracks an, bekommt man so langsam ein Gefühl dafür in welche Richtung KORA WINTER gehen, denn es ist weitaus mehr als stumpfer Hard- bzw Postcore und der Weg führt uns keineswegs zur Einhornwelt mit Bälleparadies und IKEA-Småland. Vielmehr wandern wir in die komplett entgegengesetzte Richtung, in der man lediglich einen finsteren Wald erahnen kann, ohne Anfang und ohne Ende. Diese Platte ist wirklich mal harter Tobak, an dem man so schnell nicht vorbeikommt, sei es aufgrund der Lyrics oder der massiven und energetischen Musik, die einen mitreißt, als wäre man selbst Teil davon.

Das Album, oder besser gesagt die EP, fängt mit „Bluten“ zuerst sehr ruhig mit zurückhaltendem Gesang und minimalistischen Gitarrenklängen an und man mag denken, dass es für eine geraume Zeit so weiter geht, doch schon nach ein paar Sekunden schallen einem ordentlich brachiale Disharmonien entgegen. Sofort wird klar: KORA WINTER haben viel zu erzählen. Ob es nun Wut oder Verzweiflung ist, sie lassen alles raus ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, da kann einem auch mal ein verlorenes „Hurensohn“ herausrutschen. Dies passiert allerdings nur zwei Mal, was mich persönlich erleichtert, da ich kein Fan von solch primitiven Beleidigungen bin und es deutlich stilvoller umgesetzt werden kann (wenn man denn darauf besteht, Schimpfworte zu verwenden).

Was mich dahingegen sehr überrascht und zugleich auch verwundert hat, ist das Saxophon-Solo (ja, kein Witz), das sich nach der Hälfte des ersten Songs in die steinharte, von musikalischen Abrissbirnen geprägte Masse schleicht. Man muss es wirklich einmal gehört haben um zu verstehen, wie es genau in so eine Art von Musik passt. Natürlich präsentiert es sich in einem der sorgfältig ausgesuchten ruhigeren Parts, aber nichtsdestotrotz verleiht es „Bluten“ eine gewisse Note, die den Song zum leuchten bringt und ein Licht am Ende des Tunnels darstellt, auch wenn  wir uns eigentlich in einem Wald befinden.

Wer denkt, den höchsten Härtegrad auf dieser EP sei schon direkt im ersten Track erreicht, wird sich wundern, wenn es mit „Stiche“ weitergeht. Dort wird alles aus dem Opener noch einmal übertroffen, bis auf das nette Saxophon-Solo natürlich. Hier findet man dafür ein mit einem sehr hübschen Reverb gespicktes Gitarren-Solo, sowie ein Outro, das von chaotischem Durcheinander nur so strotzt.

Die größte Überraschung mag wohl „∞“ sein, das nur mit der Stimme von Lisa Toh und einem kirchlichen Hall auskommt, das innerhalb der fast vier Minuten, je nachdem wie es grade gebraucht wird, mehr oder weniger hallig wird. Hier ist sehr schön zu hören, wie sich die Arbeit mit dem Reverb auswirkt und wie viel man mit einem recht simplen Effekt arbeiten kann, da man mal kein großes Drumherum an Instrumenten hat und seine Aufmerksamkeit gänzlich auf den bedachten Gesang richten kann. Dieses Lied, welches ursprünglich von ALEXANDRA stammt und eigentlich „Es war einmal ein Fischer“ heißt, ist eine gute Möglichkeit um einmal Kraft zu tanken und sich für den letzten und vierten Track zu wappnen. Lisas Stimme ist dafür mehr als nur geeignet und man merkt gar nicht wie die Zeit vergeht, da vier Minuten a cappella manchmal schon anstrengend werden können.

Im letzten Track „Narben“ werden die ersten beiden Songs nochmal thematisch aufgegriffen, allerdings nur subtil, so dass es trotzdem noch ein komplett anderes Werk bleibt, welches Platz für eine eigene Geschichte hat. Auch hier wird mit Tempo- sowie Lautstärkewechseln gearbeitet und im Chorus darf man sich an schweifendem Clean Gesang erfreuen, der, wie sollte es auch anders sein, mit gutturalem Gesang noch einmal zusätzlich getoppt wird.

Zudem wird hier besonders deutlich wie akkurat die Instrumentalisten zusammen spielen, sich gegenseitig Freiraum lassen, so dass der Fokus mal auf den Gitarren und dann mal auf den Drums liegt. Und wenn sie drauf hauen, dann alle zusammen bis nichts mehr steht. Das Ende kommt jedoch etwas plötzlich, denn wie vom Blitz getroffen hört die Band auf, während der Sänger noch ein letztes Wort schreit. Doch wenn man dies erst einmal weiß und sich darauf vorbereiten kann, klingt es schon derbe cool und schließt das kleine Werk perfekt ab.

Leider sind es nur um die 20 Minuten gewesen, die KORA WINTER hier zusammengebastelt haben und ich bin wirklich ein wenig traurig, dass es nur eine EP und kein Album ist, denn was diese Band hier leistet ist ausgesprochen großartig. Es wird nicht lange gefackelt, die Jungs kommen auf den Punkt und experimentieren hier und da noch mit verschiedenen Sounds oder bringen stellenweise andere Genres mit ein, ganz nach dem Moto „Qualität über Quantität“.

Um Probleme wie Eintönigkeit oder Unkreativität, die im Hard- bzw Postcore leider zu oft vertreten sind, machen KORA WINTER gekonnt einen Bogen. Bei dem Aufbau der Songs gibt es zwar die eine oder andere Parallele, die man auf Biegen und Brechen wohl nie ändern kann, aber der Rest ist überaus intelligent und mit Bedacht geschrieben, so dass sie gute Chancen auf einen hohen Wiedererkennungswert haben.

Zudem sind die Lyrics weitaus anspruchsvoller, als solche, die man mal beim Duschen vor sich hin trällert und zudem voller Metapher. Man könnte sich gut und gerne stundenlang damit beschäftigen, den Sinn hinter all dem nachzugehen und zu verstehen, was uns in der Dunkelheit erwartet oder besser noch, weshalb wir grade dahin gekommen sind und trotzdem keine Antwort auf all die Fragen finden.

Ein Kritikpunkt ist wie so häufig, die Undifferenziertheit der Gitarren. Sie sind leider nur ein verwaschenes Etwas, man hat Schwierigkeiten sie voneinander zu trennen und so geht mächtig viel Druck verloren, der grade bei diesem Musikstil gebraucht wird.

Aber allein deswegen sollte man nicht davor zurückschrecken „Welk“ anzuhören, da es, wie schon bereits erwähnt, eine überdurchschnittliche EP ist, die Bock auf mehr macht und ohne langweilig zu werden für die nächsten paar Wochen in Dauerschleife laufen kann. Ich bin gespannt, wie sich KORA WINTER in Zukunft entwickelt, denn wenn es so weiter geht, werden die Jungs sicherlich noch viel Großes vor sich haben.