OVERSENSE - The Storyteller
Oversense - TheStorytellerGenre: Melodic Power Metal
Label: Dr. Music Records
Veröffentlichung: 12.05.2017
Bewertung:Sehr Gut (7/10)

Facebook

„The Storyteller“ ist das Debutalbum der fünfköpfigen Band aus Süddeutschland und wie man schon anhand des Titels erahnen kann, handelt es sich bei den Songs um ideenreiche Geschichten, bei denen es auch mal um die Gedanken eines Massenmörders geht. Im Metal ist dies zwar keine wirkliche Seltenheit, trotzdem ist die Umsetzung hier überdurchschnittlich gut gelungen, sowohl textlich als auch musikalisch. Aber bevor das ganze im Chaos endet, fange ich wohl besser vorne an.

„Forgotten Tales“ heißt das Intro der Platte und fügt sich schon gleich zu Beginn hervorragend in das Thema ein. Man taucht langsam, begleitet von Geige und Piano, in atmosphärische, ja, sogar mystische Filmmusik ab, die vor dem inneren Auge sagenhafte Landschaften erzeugt, die man auf einer abenteuerlichen Reise durchquert.

Diese Stimmung wird jedoch nach knappen zwei Minuten von einer treibender Double Bass unterbrochen und wir bekommen den ersten „richtigen“ Song zu hören. „Wild Hunt“ sticht nicht nur durch die Tempowechsel und einem überraschend zurückhaltendem C-Part hervor sondern hält auch ein Gastsolo des Avantasia/Ex-Heaven’s Gate Gitarristen Sascha Paeth versteckt. Dieses Solo hat eine Passgenauigkeit wie die Faust aufs Auge und gibt dem Ganzen einen Wiedererkennungswert, den dieser Song zwar nicht unbedingt nötig gehabt hätte, trotzdem kann man sich aber darüber freuen, dass es genau an dieser Stelle eingebaut wurde.

Kommen wir nun zum Massenmördersong, der übrigens von einer Bertholt Brecht Oper inspiriert wurde. Allein schon zu Beginn kommt ein leichtes Horrorfilm-Feeling auf, was den einsamen Tönen einer Spieluhr und einem verlorenen Pfeifen zu verschulden ist. Lange dauert dies aber nicht an, zum Glück, denn für die Zartbeseiteten unter uns wäre es bestimmt alles andere als lustig, wenn man konzentriert zuhört und wie aus dem Nichts, schreit dich auf einmal ein musikalischer Jump Scare an. Überraschenderweise taucht in diesem Track neben dem von Folk beeinflussten Intro, ein recht swingiger 3/4 Takt auf. Abgerundet wird alles durch die empathischen Lyrics von Sänger Danny, die die verrückten Gedankengänge des Killers Mr. Mackies außerordentlich gut beschreiben.

Die Einflüsse aus verschiedenen Stilrichtungen der Rock- und Metalwelt ziehen sich durch das gesamte Album, jedoch bleiben OVERSENSE sich dabei ihrem „eigentlichen“ Stil treu und fahren nicht einmal querbeet durch die gesamte Musikgalaxie. Gegen Mitte des Albums kommen beispielsweise vermehrt Folkelemente zum Einsatz und auch die balladesken Refrains sind überwiegend Power Metal lastig. Gerne werden diese mal zum Ende eines Songs in einer gefühlten Endlosschleife gespielt, so dass man kurz davor ist, selbst zum nächsten Track zu schalten, doch dann wird man schockartig von einem sehr gelungenen extra Outro überrascht und von den tausend Wiederholungen erlöst.

Auch vor minimalistischen Akustik-Parts schreckt die Band nicht zurück und baut gut und gerne mal zwei bis drei Stück in einen einzigen Song ein, was bei einer durchschnittlichen Tracklänge von etwa sechs Minuten sportlich ist. Es lohnt sich wiederum, da so mehr Charakter in die ganze Sache gebracht wird und immer nur draufhauen ist doch auch irgendwann langweilig.

So kommt es vor, dass „The Heart Begins To Shiver“ zu Beginn schon fast suggeriert, es wäre rein akustisch gehalten, weil es einige Zeit dauert, bis die komplette Band einsetzt. Allerdings wird hier nicht wie so oft das Tempo gewechselt, sondern es bleibt schön einheitlich, denn zu viele Wechsel würden das Gesamtbild an dieser Stelle dann doch zerstören. Irgendwann bekommen die Vocals für ein paar Takte mehr Reverb als sonst, was zugegebenermaßen schon ganz cool klingt, an dieser Stelle jedoch nichts verbessert. Ohne hätte es also auch getan.

Gelegentlich könnte die Gitarrenarbeit innovativer sein, denn nach ca der Hälfte von „The Storyteller“ wird sie auf einmal sehr langatmig und es fällt schwer die Konzentration aufrecht zu erhalten. Zumindest setzt zeitweise ein Chor ein, der etwas mehr Dramaturgie in die Songs bringt und somit das Fehlen der geistreichen Gitarrenriffs nicht ganz so auffallen lässt.

Zuerst fehlte mir an einigen Stellen der gewisse Rotz in den Vocals, doch im Laufe des Albums hat sich herausgestellt, dass genau dieser Kontrast zwischen einem sauberen Gesang und dem rotzigen Rest ein nahezu perfektes Zusammenspiel ergibt. Bei dem Bonus Track „Big Bang“ wird diese Idee noch einmal aufgegriffen und OVERSENSE geben alles was sie zu bieten haben, um das Album abzurunden, obwohl es „nur“ ein kleines Extra ist und nicht direkt zur Platte an sich gehört.

Betrachtet man dieses Werk einmal als Ganzes, kann man getrost sagen, dass es ein  hervorragendes Debut geworden ist, was viel weiteres gutes Zeug verspricht. An der einen oder anderen Baustelle lässt sich bis zum nächsten Release sicherlich noch arbeiten, aber OVERSENSE sind schon auf einem guten Weg dahin, was allein schon an dem Aufbau der einzelnen Songs zu erkennen ist, bei dem man sich erst einmal einfinden muss. Allerdings sollten sie sowas wie „We’re Gonna Bring The Thunder“ eher weglassen oder lieber abschwächen, da es einfach zu gezwungen fröhlich und aufdringlich klingt, grade der Chorus und das Intro.

Aber nichtsdestotrotz lohnt es sich „The Storyteller“ in einer ruhigen Stunde zu genießen, denn es ist wirklich ein Album, dass man als kleines Kunstwerk betrachten kann, bei dem alles aufeinander abgestimmt ist.