EISREGEN - Fleischfilm
Eisregen - FleischfilmGenre: Dark Metal
Label: Massacre Records
Veröffentlichung: 05.05.2017
Bewertung: Sehr Gut (7/10)

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Würde man die Schlagwörter ‚Thüringer‘, ‚Fleischfilm‘ und ‚Eisregen‘ bei der Google Suche einhacken (vorsicht Wortwitz!), könnte ich mir vorstellen, dass man recht schnell einen bizarren Zeitungsartikel über einen Autounfall mit Viehtransport findet. Die Schlagzeile könnte ungefährt wie folgt lauten:
„Kunst-LK Gruppe aus Thüringen filmt zufällig grausamen Autounfall nach plötzlichem Eisregen, bei dem sich alle 121 Insassen des Viehtransporters, einschließlich des Fahrers, plötzlich in Würstchen verwandelt haben.“
Was man jedoch wirklich findet, sind lauter News über das am 05.05.2017 erschienene Album ‚Fleischfilm‘ des deutschen Dark-Metal Urgesteins EISREGEN. Die feinen Herrschaften aus Thüringen veröffentlichen mit ‚Fleischfilm‘ das erste mal nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte ein Konzeptalbum. Die Idee dahinter sei „eine Verbeugung vor dem wilden italienischen Kino der 70er und frühen 80er Jahre“, da man „mit Filmen der Herren Fulci, Argento, Deodato, Margheriti, D’Amato, Bava und vieler weiterer Filmschaffender aus Italien“ aufgewachsen sei. Das klingt doch schon mal nach einer Badewanne voll Spaß! Also Platte rein, und Cover begutachten.

Während ich also den ersten Track namens ‚Drei Mütter‘ abspiele, untersuche ich das Cover. Das Artwork ist ein erschrockenes, weit aufgerissenes Auge, dem dicke Bluttropfen entgegenspritzen. Der Zeichenstil erinnert etwas an 80er Jahre Comics, hat aber auch ein bisschen was vom ‚Sin City‘-Film. Reiht sich also ganz schlüssig ein in das Ensemble der EISREGEN Cover. Ehe ich fertig mit der Betrachtung des Covers durch bin, ist der erste Track auch schon vorbei, denn er geht nur zwei Minuten und zwölf Sekunden. Also Cover bei Seite legen und den ersten Track nochmal starten. Der Track beginnt mit einem Synthesizer-Intro ohne weitere Schnörkeleien. Ein dickes Drumflill tritt nach wenigen Sekunden die Tür ein, und lässt die ganze Band herein. Soundtechnisch bin ich im ersten Moment schon mal sehr angetan. Schnittige Gitarren und solide Drums, die durch einen unauffälligen Bass begleitet werden, prägen das Erscheinungsbild der Rhythmusfraktion. Der Synthesizer verrichtet Atmosphäre bildend seine Arbeit im Hintergrund. Im Pre-Chorus steigt auf einmal ein Chor ein, der etwas Lateinisches singt, und da ich Französich im Abitur hatte, bleibt mir die Bedeutung dessen verborgen. Und irgendwie sitzt der Chor nicht so richtig im Gesamtmix. Er klingt dort ein wenig fremd (mag an dem Hall liegen, der ihm unterlegt ist). Aber da dieser nur an der Stelle vorkommt, wollen wir mal nicht so sein. Sänger Michael Roth präsentiert sich währenddessen sehr facettenreich. Mal melodisch singend, mal flüsternd aber überwiegend düster krächzend. Durchgängig jedoch sehr emotionsreich, was einen Großteil der düsteren Stimmung ausmacht. Bis auf den Chor gefällt der Song, aber irgendwie kann ich mir nicht helfen und muss mir das Synthesizer-Intro nochmal anhören. An irgendwas erinnert mich das. Nach wiederholtem Hören kommt bei mir das Gefühl auf, dass ich sowas Ähnliches schon mal in einem 80er Jahre Synthi-Pop-Song gehört habe (konnte es bis heute nicht fest machen; wer es herausfindet, soll mir bitte eine Mail schreiben).

Track zwei namens ‚Hauch des Todes‘ beginnt mit einer Mischung aus Glockenschlag und Chor, wobei hier der Chor nicht eingesungen ist, sonder wohl auch aus einem Synthesizer kommt. Gefolgt wird der Part von einer mächtigen Kirchenorgel, die wiederum von einem noch mächtigeren 80er Jahre Synthesizer gefolgt wird (80er Jahre gewinnt immer!). Also vor Synthesizern scheinen sie ja keine Angst zu haben. Langsam kommt bei mir die Frage auf, ob EISREGEN live auch so ein riesiges Keyboardgestell auf der Bühne haben, wie Alf Ator von KNORKATOR. Der Rest des Songs gibt sich wie zuvor schon düster und episch, mit allerhand verschiedenen Synthesizer-Einsätzen. Der Chorus bildet hier eine kleine Ausnahme, die ich jedoch recht erfrischend finde. Zur Textzeile „Tanze nackt im Hauch des Todes“ komm bei mir irgendwie sehr fröhliche Stimmung auf. Vielleicht, weil ich mir gut vorstellen kann, mich auf einem Open-Air dazu im Indianertanz im Kreis zu bewegen (wir werden dies ausführlich auf dem Summer Breeze, wo EISREGEN diese Jahr spielen, testen und berichten).

Die weiteren Songs auf dem Album führen die düstere Stimmung fort und überzeugen mit Refrains, die definitiv mitsingbar sind. Auch Kopfnickerparts sind dabei wie z.B. in der Mitte von Track 8 ‚Menschenfresser‘, der jedoch mit Off-Beat, quirliger Gitarre und einem Cembalo beginnt. Eine sehr witzige Mischung, die ich so noch nicht gehört habe. Dafür gibts es bei mir Pluspunkte für Kreativität. Vor dem Hintergrund, dass es sich hier um eine Konzeptalbum handelt, welches das italienische Kino der 70er und frühen 80er thematisiert, muss man sagen, dass die Songs doch sehr zum Kopfkino anregen. Vor allem durch die sehr bildliche Beschreibung in den Texten ist eine gute Voraussetzung dafür geschaffen. Nach dem ersten Durchhören, kann man grob zusammenfassen, dass es meistens darum geht, dass irgendjemand oder irgendetwas jemand anderen umbringen möchte. Dies wird dann recht detailreich und bildlich im Text ausgedrückt. Würde jetzt mal sagen, dass es vom textlichen Inahlt etwas zu brutal ist für kleine Mädchen, die ansonsten gerne RAMMSTEIN hören.

Aber alles in allem muss man EISREGEN lassen, dass sie hier ein echt nettes Konzeptalbum abgeliefert haben (vor allem vor dem Hintergund, dass es deren erstes ist). Bildliche Songs, die gespickt sind mit allerhand witzigen Parts und Synthesizern, die einen in die 80er versetzten, bilden auf dem Album eine sinnige Einheit, obwohl sie teilweise doch sehr verscheiden erscheinen. Sogar für kurze Instrumental-Parts zum Durchatmen ist mal Platz (Track 6 ‚Tiefrot‘), und der ein oder andere Song hat auch auf jeden Fall Live-Potential.