SHOTGUN JUSTICE - State Of Desolation
shotgun-justice_kleinGenre: Heavy Metal
Label: Kernkraftritter Records
Veröffentlichung: 08.01.2016
Bewertung: Gut (6/10) 
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Eine wichtige, aber mitunter auch schmerzliche Erkenntnis im Leben ist, dass man es nicht allen recht machen kann. Manchmal will man einfach zu viel, will jeden bedienen, alles zeigen, was man drauf hat, allen gefallen. Doch – Achtung, nächste Floskel – weniger ist manchmal mehr! Weniger Wollen, mehr Können. Ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung und Bescheidenheit und das Fokussieren aufs Wesentliche, nämlich die Musik, die Songs, das Werk, würden mancher Band gut zu Gesicht stehen.

Die bereits 2003 gegründeten SHOTGUN JUSTICE aus dem niedersächsischen Peine legen nach einigen Demos mit ´State Of Desolation´ ihren ersten Longplayer vor und wollen damit hoch hinaus. Das zumindest vermittelt die bandeigene Homepage, auf der man kaum einen Superlativ bei der Beschreibung des eigenen Schaffens und der neuen CD auslässt. Da ist von Songs die Rede, die „abwechslungsreich, frisch und genau auf den Punkt“ sein sollen, was natürlich noch im Rahmen und bedingt durchaus nah an der Realität ist. Jedoch das Eigenlob, es stinkt… Die angepriesenen „gewaltigen Headbang-Attacken“ vor den Bühnen will ich gar nicht anzweifeln, find ich jedoch als Erwähnung ähnlich großspurig und selbstdarstellerisch wie die tiefen Einblicke in die Entstehung und die Inhalte der einzelnen Songs. Zitat der Website: „Wir haben hier quasi alles gegeben, mehr geht nicht: die gesangliche Performance von Marco ist brilliant – die Strophe lässt mich fast ein wenig an Ozzy Osbourne denken – , und ich spiele hier mein bestes Solo auf der Scheibe“ (bezogen auf den Titeltrack).

Eines ist klar: Ein Künstler, der sein eigenes Œuvre nicht wertschätzt, nicht zu den eigenen Produkten steht, sollte die Kunst besser an den Nagel hängen. Eigenliebe ist wichtig. Aber wenn der Künstler sein eigenes Werk rezensiert und die (positive) Kritik quasi schon vorweg nimmt, stimmt in meinen Augen etwas nicht. Dabei hätten SHOTGUN JUSTICE das gar nicht nötig. Die zehn Songs (inklusive Intro und Instrumental) der fünf Old-School-Metaller sind teilweise interessant aufgebaut und werden solide vorgetragen. Der Hörer begreift sofort, welchen (akustischen) Stoff die Herren privat konsumieren. Hier ist nichts – aber auch rein gar nichts – modern, weder Stil, noch Produktion. Was ich persönlich als Pluspunkt empfinde. Der Sound beamt einen förmlich in den Proberaum oder das improvisierte Aufnahmestudio. Gar nicht mal uncharmant!

Die Band vermischt klassischen Heavy Metal mit Elementen des Thrash und zuweilen Progressive Metal. Mal schleppend, mal mit Tritt aufs Gaspedal, dann wieder Breaks und punktuell Überraschendes. Die gute Gesangsleistung von Marco Kräft ist nicht wegzudiskutieren, da gibt es ein paar sehr gelungene Passagen. Auch gefallen mir einige Gitarren-Soli sehr gut. Das textliche Konzept der Scheibe ist gesellschaftskritisch, anklagend und eher düster, was dann doch dem aktuellen Zeitgeist entspricht, aber auch gut zum 80s (Progressive) Thrash passt.

Womit ich ein Problem habe, ist das, was andere auch als Facettenreichtum bezeichnen: die Mischung aus allem, das Zuviel, die Anleihen bei zig verschiedenen Musikern, Bands und Richtungen. Maiden meets Ozzy meets Metallica meets Doom meets Epic meets Kauz… Ballistic, Nevermore, Artizan, Wicked Angel – an alle diese großartigen Truppen muss ich denken und an noch etliche mehr. Nur dass genannte Kombos alle ein unverkennbares Profil haben. SHOTGUN JUSTICE hingegen klingen nicht wirklich eigenständig. Mich jedenfalls holt das nur mäßig ab, zu kompromisslos geil sind da im direkten Vergleich doch die originalen Vorbilder.

´State Of Desolation´ist alles in allem trotzdem ein gutes Album. Eines, das man auf der Autofahrt zu nem Underground-Festival abspielt, von dem man zu Beginn einer Metalparty im Club ruhig mal nen Song auflegen kann. Angesichts der Dichte an qualitativ hochwertigen Outputs der jüngeren Metalhistorie frage ich mich allerdings, ob dieser Silberling auf lange Sicht bestehen kann.