NOTHERN LINES - The Fearmonger
Northern Lines - The FearmongerGenre: Instrumental Progressive Rock / Fusion
Label: Independent
Veröffentlichung: 28.01.2017
Bewertung: Gut (6/10)

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Bislang habe ich mich zugegeben beschaulich wenig mit rein instrumentaler Musik beschäftigt, da ich immer nur an die Bands geraten bin, die wohl dachten, dass es reicht, Songs einfach so zu schreiben, als wäre der/die SängerIn grade nur nicht anwesend. Also recht langatmige Songstrukturen, bei denen die Gitarren ab und zu auf irgendwelchen Akkorden herumdümpeln, das Schlagzeug monoton vor sich hinschlägt und der Bass die selben vier Töne in einer Endlosschleife spielt. Aber um schon am Anfang ein bisschen zu spoilern: NOTHERN LINES haben sich dem gegenüber anscheinend verschworen und sind alles andere als auf den Kopf gefallen, so dass man bei dieser Platte keine Angst davor haben muss, sabbernd vor der Anlage einzuschlafen.

Gut, der Opener „Apathy Fields“ ist jetzt alles andere als so richtig vielversprechend, denn es gibt in etwa vier verschiedene Parts, die mechanisch nacheinander ablaufen und sich gelegentlich wiederholen; mal fröhlich, mal dramatisch, mal aufbauend. Es könnte mehr passieren und deutlich dynamischer voran gehen. Anfangs ist alles fröhlich auf Akustik Gitarre und Piano beschränkt, bis eine sirenenartige E-Gitarre dazu kommt und ihre paar Töne gekonnt dazwischen heult. Später wird das eigentliche Thema noch einmal mit ein bisschen mehr Power aufgegriffen, allerdings ändert dies nicht viel mehr an dem eigentlichen Song, bis aber plötzlich ein mollig anmutender Part auftaucht, der zuerst so wirkt, als hätte man ihn am Anfang der Songentstehung dort eingebaut und am Ende vergessen ihn wieder herauszunehmen, weil es dann doch in eine ganz andere Richtung geht. Allerdings kreiert dieser Part eine komplett andere Atmosphär, die im Essentiellen wichtig für den Song ist und ihn aus dem eintönigen, nicht wirklich mitreißenden Ringelpietz herausholt.

An dieser Stelle muss man einmal den Sound der Akustik Gitarre loben, da sie überraschend drahtig und differenziert klingt, als säße man selbst mit dem eigenen Ohr direkt vor dem Schallloch und als sogar noch eine laute E-Gitarre mit einsteigt, geht sie nicht unter, sondern bleibt stetig an ihrem Platz ohne auf wundersame Weise zwischen dem gemeinen Lärm zu verschwinden. Generell wurde fast jedes Instrument perfekt abgemischt, ohne dass sie ineinander verschwimmen, die Ausnahme bildet hier jedoch das Schlagzeug. Die Snare ist noch ganz gut wahrzunehmen, aber sobald es zu den Becken (die könnten übrigens genauso gut White Noise sein) oder der Bass Drum geht, hört man nur noch ein unspezifisches Zischeln.

Der zweite Track „Jukurrpa“ haut dagegen den dezent kaum etwas versprechenden Ersten völlig weg. Es geht mit einem gut gelaunten, treibenden Shuffle los, der ohne den scheppernden als auch elfengleichen Bass nur halb so gut klingen würde. Obwohl diese Platte so gut wie nichts mit „richtigem“ Metal zu tun hat, gibt’s hier ebenfalls ordentlich Double Bass, die leider zu sehr untergeht, was, wie vorhin schon erwähnt, die Schuld der Abmische ist. Trotzdem hat dieser Song schon ordentliches Kopf-nick-Potential.

Dennoch schmeißt das Trio gerne ihr komplettes Potential auf den Tisch und arbeitet ein Genre penibel nach dem anderen ab. So kommt es vor, dass der Prog ohne Umschweife brachial in den Funk übergeht und danach steht man plötzlich im zu klinisch abgearbeiteten Hard Rock, quasi wie bestellt und nicht abgeholt.

Überraschenderweise taucht auf dem Album nur ein einziges Mal Gesang auf, der sich jedoch nicht ganz aus dem Hintergrund heraus traut und so schnell wieder weg ist, wie er gekommen ist. Was aber deutlich zu oft auftaucht ist das Piano. Zum Großteil würde es garantiert nicht schaden, es einfach wegzulassen, weil es sowieso nichts für das Gesamtbild tut, sondern ganz im Gegenteil, bei „Towards The End“ klingt es so verdammt fröhlich, als würde es nur pinke Sonne und Einhorn-Regen geben. Doch irgendwann, wenn man nicht aufpasst, wird man auch mal von so einem Einhorn erschlagen und genau dieser Fall trifft hier ein. Es ist schlicht und ergreifend zu viel des Guten und macht die Atmosphäre einfach nur kaputt.

Was einige an diesem Album wahrscheinlich stören wird, andere wiederum völlig fasziniert, wird der Aufbau der Songs sein. Nehmen wir mal „Nightwalk“ als Beispiel. Selbst wenn der Anfang bluesig scheint, gibt es keine Garantie, dass es auch so bleibt oder, dass man den Teil in irgendeiner Weise nochmal als Wiederholung hört. Schnell wird hier zum Funk gewechselt, bis man auf einmal im Jazz steht und nach ein paar Takten wieder in den Blues geschubst wird. Als wären NORHTERN LINES ein kleines Kind, das immer mit dem spielen muss, was andere grade habe und sich somit nie lange für ein Spielzeug interessiert.

Einen Blick in „The Fearmonger“ zu werfen lohnt sich auf jeden Fall, da es schon eine Platte ist, die einem nicht allzu oft unterkommt, jedoch hat sie um öfter als nur gelegentlich den CD-Player besuchen zu dürfen, nicht viel zu bieten. Musikalisch liegen NORTHERN LINES schon über dem Durchschnitt und auch an Ideen fehlt es dem Trio nicht, allerdings sind die Übergänge zwischen den Genrewechseln einfach zu hart, was zur Folge hat, dass der Flow in brutalster Weise einfach so gekillt wird und man sich nach jedem Wechsel erstmal für ein paar Sekunden wieder neu ordnen muss. Würde man hier mit sauber verwischten Übergängen arbeiten sähe es schon wieder deutlich anders (und besser) aus.

Zudem wird jedes verwendete Genre immer allein als eigener Part abgearbeitet. Also, wir haben einen einzelnen Prog Rock Part, der in einen jazzigen Part übergeht, aber keinen der beides vereint. Es ist zwar ganz nett, mal ab und an etwas komplett „reines“ zu hören, allerdings nimmt das nach einer Zeit die Spannung und das Lockere verschwindet. Grade damit könnte man bei dieser Art von Musik viel experimentieren und ausprobieren. Es gibt ja schließlich keinen Gesang der einem in die Quere kommen kann.