STAHLMANN - Bastard
STAHLMANN - Bastard (Review)Genre: NDH / Industrial / Gothic / Electro Rock
Label: AFM Records / Soulfood Music 
Veröffentlichung: 16.06.2017
Bewertung: gut (6/10)

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„Bastard“ – ein harter Name für ein Album. Die ersten Bilder, die mir durch meinen von „Game of Thrones“ geprägten Kopf schießen, sind Adlige, die sich mit ihren Dirnen im Bett vergnügen und dabei ungewollt etwas produzieren, das eben jenen Namen trägt: den Bastard. Was sagt diese Betitelung über das Album aus? Handelt es von den Ausgeburten der eigenen, unbedachten Sünden? Oder ist „Bastard“ einfach nur als Beleidigung zu verstehen und damit vielleicht als Kampfansage gegen andere Größen des Genres? Ich bin irritiert, aber neugierig. Das Albumcover verspricht jedenfalls geballte Stahlmann-Härte im typischen Silber-Look.

Der Beat der ersten Sekunden des Openers „Leitwolf“ bringt mich sofort dazu, im monotonen Takt des Schlagzeugs mit dem Kopf zu nicken. Als die Gitarren einsetzen, entwickelt sich das Nicken zu einem ausgewachsenen Headbangen. „Totgesagt und doch noch hier“ – Stahlmann starten mit Volldampf in ihr neues Album. Es folgt ein stampfender Refrain, ohne die Notwendigkeit, dass dieser herausgeschrien werden müsste. Es köchelt etwas unter der Oberfläche. Martin Soer inszeniert sich als Alphatier, das kriegt, was es will; eine Kampfansage an andere Bands? „[…] gehasst, gejagt, geliebt […]“ – das klingt nach dem aktuellen Stahlmann-Standpunkt aus eigener Sicht. Aber sie wollen mehr. „Wir streben weiter nach der Krone“ – oh ja, das ist eine Kampfansage. Und was für eine. An die Chartspitze oder an andere Vertreter des Genres? Ob sie ihr Ziel, welches es auch sein mag, erreichen? Wir werden sehen. Auf jeden Fall strotzen sie vor Selbstbewusstsein.

Der Anfang von „Judas“ erinnert an die vorherigen Lieder. Es folgen ruhig ausgesprochene Vorhaltungen an einen Unbekannten: „Du“. Es gibt natürlich die für Stahlmann üblichen rhetorischen „Perlen“ wie „Erst am Ende der Schlacht werden [die] Tote[n] gezählt“ oder „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ – naja. Eigentlich haben die Göttinger es nicht nötig, sich solcher abgewrackten Sprichworte zu bedienen. Der Refrain entlädt sich erstaunlich hart, mit schmetternden Riffs, donnerndem Schlagzeug und herausgeschrienen „Fick Dich!“s, die vom Grundkonzept an eine Mischung aus Eisbrechers Version von „Miststück“ und dem Refrain aus „Leck mich“ von Hämatom erinnert. Hart, preschend – ein typischer, anspruchsloser Song gegen schlechte Laune, egal, ob man gerade von einem guten Freund hintergangen worden oder einem der Parkplatz vor der Nase weggeschnappt worden ist.

Man hört die Gitarren wie durch eine verschlossene Tür. Das Schlagzeug gibt den Befreiungsschlag. Gott ist der Protagonist des Liedes „Bastard“, das von Abrechnung handelt und bei dem Soers Gesang wieder sehr an Alexander Wesselsky, den Frontmann von Eisbrecher, erinnert. Der Refrain gestaltet sich mit dem immer wieder herausgeschrienen „Bastard“ recht eintönig. Wer ist er überhaupt? Der Teufel? So ganz sicher bin ich mir den ganzen Song über nicht. Letzten Endes geht es darum, dass „[…] du kriegst, was du verdienst.“ Wer auch immer dieser Bastard in der Gestalt des Rächers nun ist.

Sphärische, schwere Klänge, ein wenig wie die eines Schiffshorns, erklingen. Nach den drei preschenden Songs zuvor eine überraschende und willkommene Abwechslung. Beim Einsatz des Gesanges wird es im Hintergrund still, ich höre nur ein unaufdringliches Piepen, das den Takt angibt. Es fühlt sich an, als befände man sich im Körper des Sängers – als würde er zu einem selbst sprechen: „Tief in meiner Haut hältst du dich versteckt […]“ flüstert er mir zu. Er fühlt sich von mir, ich mich von ihm gefangen – die Stimmung des Liedes ist eine romantische Beklemmung, der ich nicht entkommen kann (oder will?) – sehr intim. Es folgt eine instrumentale Pause zum Luft holen, denn das Lied drückt einem auf die Brust mit seiner schönen Melancholie. Auffällig unauffällige Gitarrenriffs im Hintergrund, der Sänger spricht verzweifelt mit mir („[…] ob du mich hasst, ob du mich liebst […]“), aber redet sich ein, auf Grund seiner „wahren Liebe“ zu mir immer bei mir zu sein. Scheinbar hat er uns etwas angetan, weshalb wir ihn verlassen haben („[…] und so tief im Herz bleibt für immer unser Schmerz […]“). Er muss mich schon sehr lange lieben – und sehr lange darunter leiden: „[…] brennt die alte Glut und sie lodert wild uns heiß […]“. Ich bleibe gern ein Teil von ihm, wenn er so verzweifelt um mich wirbt; und wie der Titel des Songs schon sagt: „[…] nichts spricht wahre Liebe wirklich frei.“

Syntheziser, sich anschleichende Gitarrenriffs. Mir werden Worte zugeraunt. Denn ich werde beobachtet. Ob ich will oder nicht, ist Soers mein „Wächter“ – oder auch Stalker – der davon erzählt, wie er mein unsichtbarer Schatten ist. Der Refrain spiegelt aus realistisch wirkender Sicht die Zerrissenheit meines Verfolgers wider, ohne zu romantisieren; dafür sind die Textpassagen zu beklemmend. Er bleibt von mir unbemerkt, ist mein Voyeur, ohne diese Grenze zu überschreiten. Vorerst. Die Pläne im Kopf des lyrischen Ichs, dass ich ihm gehören soll, nehmen für ihn im letzten Teil des Liedes bereits Gestalt an. Das Ende lässt offen, ob seine Wünsche in Erfüllung gehen. Endlich ein Song, der vom Stil „Stahlmann!“ schreit und durch seine clevere Textgestaltung punktet. Ein echtes Unikat!

Ein melodischer Start, ähnlich wie bei „Volle Kraft voraus“ von Eisbrecher. Der Gesang ist glücklicherweise trotzdem typisch Stahlmann: flüsternd, verzweifelt, traurig, wütend – kein Phönix aus der Asche, sondern ein Phönix, der zu Asche verbrennt. Die selbstzerstörerischen Dynamiken innerhalb einer Beziehung werden thematisiert; darum passt der Titel „Von Glut zu Asche“ perfekt. Die Beziehung ist aus und vorbei, der Protagonist in ihren verzehrenden Flammen verbrannt. Ein guter Song, zu dem es nicht mehr zu sagen gibt, als: unbedingt anhören.

Ein langsamer Start und harte Riffs; das hatten wir schon einige Male auf diesem Album. Textmäßig bewegen wir uns mit „Alptraum“ im Spektrum von Eisbrechers „Böser Traum“. Der raunende, ruhige, „gesittete“ Gesang im Refrain erinnert an einen bösen Geist, der auf meinem Kissen sitzt und meinem schlafenden Ich Grausamkeiten ins Ohr flüstert. Zum Ende hin kommt der Song durch „Zwischenrufe“ des Sängers mehr in Fahrt. Das Ende des Liedes symbolisiert das Aufwachen und lässt mich, wie nach einem Alptraum, erleichtert aufatmen.

„Dein Gott“ handelt, wer hätte es gedacht, von Religionskritik. „[…] Dein Gott ist der Hölle so nah […]“, er ist „[…] der Teufel in Person […]“ und ist als „[…] Stachel der Nation […]“ das Ausgangsproblem in aller Menschen Leben. Der Song ist energiegeladen, stampfend, ohne dass Schreie nötig wären, aber erinnert mich persönlich leider zu stark an „Beiss mich“ von Megaherz.

Passend zum vorherigen Lied werden nun Engel auf eine Ebene mit Gott gehoben. Der langsame Start ist zärtlich, unheimlich und entlädt sich in einem genialen Refrain, der sofort im Kopf bleibt. Mit „Schwarz und Weiß“ bezeichnet der Titel des Liedes die Engel, die für Unschuld und Sünde, einen unverdorbenen und einen gefallenen Engel stehen. Der schwarze Engel bringt den weißen mit seiner Lust zum Sündigen und schließlich auch zum Orgasmus. Den Song hätte man jedoch gern um eine Strophe erweitern können, denn die letzte Minute des Liedes wirkt ideenlos und ist mir persönlich zu eintönig. Schade, denn der Refrain ist wirklich sehr gelungen.

Elektro, einsetzende Syntheziser, kurz darauf Gitarren; wieder ein Lied zum Mitnicken. Mit dem Einsatz seiner rauen Stimme (passend zum Orgasmusthema des Liedes) erklingt ein langgezogenes „Supernova“. In jedem Refrain ejakuliert der Sänger mit diesem Ausruf des gleichnamigen Songtitels erneut. Er ist mir ausgeliefert und ihm gefällt es, gleichzeitig werden Gewalt und Genuss thematisiert. „[…] ich spür‘, […] wie deine Lust in meine fährt.“ bildet das abrupte Ende des Albums, das glücklicherweise mit einem Stahlmann-typischen Song abgerundet wird.

Fazit: Ja, auch dieses Album handelt wieder von Lust, Sünde, Schmerz, Hass und Liebe – wie üblich bei den Göttingern. Aber eben auch von den tiefer gehenden Aspekten des Lebens wie Glaube oder Kriminalität. Die Männer aus Stahl haben sich thematisch weiterentwickelt. Sie sind Meister im Aufbau von Spannungsbögen, was jedes einzelne Lied auf dieser (bis auf einige Ausnahmen) gut hörbaren Platte bereichert. Wenn die Jungs von Stahlmann mehr an ihrer eigenen Entwicklung arbeiten und sich weniger Ideen von anderen Größen des Genres, wie z. B. Eisbrecher, holen, glaube ich nicht, dass ihr Verlangen, selbst weiter oben mitzuspielen, utopisch ist. Besonders ihre Songs mit Gothic-Einflüssen klingen eigen und begeistern. Wenn sie jedoch weiterhin darauf setzen, mit z. T. eher mittelmäßigen Textpassagen wie bei „Judas“ und unoriginellen Melodien auf Nummer sicher zu gehen und mehr zu re- als zu produzieren, werden sie nicht über ihre jetzige Größe hinauswachsen können.