TANKARD - One Foot In The Grave (Review)
Tankard - One Foot In The GraveGenre: Thrash Metal
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 02.06.2017
Bewertung: Klasse (8/10)

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Der bierbetriebene Panzer ist zurück! Vollgetankt, mit frisch geputzten Felgen und bereit für Action. Seit letztem Freitag, den 02.06.2017, ist das neue Album von TANKARD in den Plattenläden und mit dem Albumtitel „One Foot In The Grave“ kommen auch die ersten Assoziationen der Alterschwäche. Das Cover ziert der, von alten Artworks bekannte, Goblin, welcher schon recht in die Jahre gekommen zu sein scheint. Alte Thrash-Metal- Kutte, Gehwagen vollgepackt mit Schnaps, Bier und Chips und ein Blindenarmband, welches statt den drei schwarzen Punkten einen schäumenden Bierkrug präsentiert. Passend zum Titel steht er mit einem Fuß in einem aufgewühlten Grab, aus dem eine modrige Hand ragt, die eine Flagge mit einer „35“ hochhält und nochmal daran erinnert, wie alt diese Band eigentlich ist (Tankard gründeten sich 1982 in Frankfurt am Main). Bis jetzt könnte man beim Lesen all dessen meinen, dass beim Einspielen des Albums irgendwer vom Stuhl gefallen ist, weil der Herzkasper eingesetzt hat oder die Leber implodiert ist. Aber keine Sorge! Dr. Pikatchu war die gesamte Zeit anwesend und bereit für Wiederbelebungsmaßnahmen. Das Quartett ist in allerbester Verfassung und hat uns hier eine Scheibe eingeprügelt, bei der wir uns gepflegt im jetzigen Sommer die Köpfe zerlegen können. Sei es bei Eskalationen auf dem Zeltplatz oder im Moshpit auf einem Festival (mich trefft ihr im Pit beim Wacken, wo auch Tankard dieses Jahr zugegen sind).

Das Album startet mit dem etwas über fünf Minuten langen Track „Pay To Pray“, der sich eher im Midtempo-Bereich bewegt und schon mal Einblicke in den Sound des Albums gewährt. Rifftechnisch keine Revolutionen und meiner Meinung nach auch einer der schwächeren Songs des Albums, aber schon mal ganz gut, um etwas über den Sound zu sagen. Von dem Gitarrensound bin ich sehr begeistert! Saftig und prägnant, aber dennoch nicht zu dominant, um dem Bass Platz zu lassen. Ein schön ballerndes Schlagzeug, welches, wie hier in dem Track, bei Double-Bass-Passagen richtig fetzt und meinen Schreibtisch zum Zittern bringt. Auch wunderbar abgestimmt mit der Bass-Gitarre, die schön knurrig das Gesamtbild ausfüllt. Der Gesang ist leicht untermalt mit einem Hall, der nicht zu aufdringlich wirkt, jedoch trotzdem sehr episch ist. Generell finden sich beim Gesang sehr viele Dopplungen und Crowdshouts, die das ganze sehr mächtig wirken lassen und sehr zum Mitgrölen einladen. Sehr viel Livepotential liegt in der Luft.

Einer meiner Lieblingstracks ist Nummer sieben „Lock’Em Up“. Hier wird das Tempo etwas angezogen und ein ziemlich geiler Übergangsriff eingebaut, bei dem die Snare richtig schön fetzt. Auch kommt es mir so vor, als ob der Bass etwas besser durchkommt und noch stählerner klingt. Die Gitarren sind schnittig und teilweise auch mal doppelläufig. Ein melodisches Solo schließt den Track ab.

Der Titeltrack „On Foot In The Grave“ bekommt auf dem Album die Nummer vier. Beginnend mit einem mehrstimmigen Gitarreninstrumental kennzeichnet er sich im Weiteren durch besonders melodisches Riffing und viele doppelläufige Gitarreneinsätze. Auch die Vocals sind sehr melodisch und gut verständlich. Mit diesem Song zeigen TANKARD einfach mal wieder, dass sie eine Instanz sind, wenn es darum geht, mitsingbare Songs zu schreiben, die live sicherlich auch den betrunkensten unter den Zuschauern dazu bewegen können, einigermaßen richtig mitzusingen.

Und um direkt beim Thema zu bleiben: Wo ist der Song, der dem Bier gewidmet ist?

Beim Blick auf die Trackliste scheinen die Songs überwiegend sozialkritisch zu sein (zumindest den Titeln nach zu urteilen), jedoch scheint kein einziger dem Suff zu huldigen. Ein TANKARD Album ohne so einen Song kann ja irgendwie nicht richtig sein. Vielleicht ist der Drops ja nach 35 Jahren gelutscht. „Naja“ denk ich mir und während ich den vorletzten Track neun „The Secret Order 1516“ anhöre, der ja ultra episch mit Streichern und Männerchor beginnt und sich zu einem ausgewachsenen DIMMU BORGIR Intro steigert, vernehme ich in den ersten Zeilen des Gesangs eine Passage über „[…] fight for our liquid gold […]“ und werde hellhörig. Ich pausiere den Song und neige mein Haupt gen rechts, wo die Bierflasche steht, die mir treu bei diesem Review zur Seite steht. Während ich sie sekundenlang in der Hand haltend betrachte, wird eine Stimme in der Ferne meiner Gedanken langsam lauter. Ich kann sie noch nicht richtig verstehen, weil sie zu nuscheln oder irgend einen komischen Akzent zu haben scheint. Ich betrachte sie weiterhin gebannt wie Dr. Dolittle einen Hund, der ihm was sagen möchte. Und dann höre ich die Stimme klar und deutlich:

„Dat doitsche Reinheitsjebot du Eumel!!!“

Aber natürlich! Ich lese auf der Flasche den kleinen Infotext über das Deutsche Reinheitsgebot und finde sofort die Jahreszahl 1516. Schnell mal Wikipedia konsultiert und folgendes herausgefunden:

Im Jahre 1504/05 gab es irgendwie ’ne Schlägerei in Bayern, genauer gesagt in Landshut, wegen irgendeiner Erbschaftsgeschichte. Wahrscheinlich ging es darum, wer der nächste Vorsitzende des Kleingartenvereins wird. Die Keilerei war wohl so cool, dass sie einen eigenen Namen bekommen hat (Landshuter Erbfolgekrieg). Nachdem die Sache dann wieder im Lot war, und sich alle in Bayern wieder lieb hatten, gab es da zwei Typen die eine neue Hausordnung für Bayern aufgestellt, und zusammengeschrieben haben. Der ein hieß Willi (Wilhelm IV.) und sein Kumpel war der Ludwig (Ludwig X.). Und da gerade sowiso alle am rumpöbeln waren wegen des Biers, weil es kacke geschmeckt hat und scheiße teuer war, haben die beiden einen Absatz mit dem Titel „Bayerisches Reihnheitsgebot“ mit in die Hausordnung geschrieben. Es ging da hauptsächlich darum, das die Kioske in Bayern kein Scheißbier mehr verkaufen sollten.

Das Weltbild ist also wieder gerichtet und ich kann glücklich das Album abschließen.

Eine absolut mächtige Scheibe, die durch fetten Sound, geile, eingängige Songs und Witz überzeugt. Obendrauf gibt es noch einen kurzen Einblick in die Geschichte des Bieres. Ein Muss für alle TANKARD Fans, welches sicherlich auch den ein oder anderen Neuling überzeugen kann. Dass die Songs live jeden mitreißen und für brennende Nacken und heisere Kehlen sorgen werden, ist ja wohl klar.