NIGHT DEMON – Cortina Bob, Berlin, 03.06.2017

Berlin-Kreuzberg, ein warmer Samstagabend Anfang Juni, alles scheint möglich, schier unzählige Optionen, sich treiben zu lassen, sich zu amüsieren, zu feiern. Doch für echte Metalmaniacs kann es heute nur ein Ziel in dieser rumorenden, schwitzenden Stadt geben: den klitzekleinen Rock’n’Roll-Schuppen Cortina Bob auf der Wiener Straße. Denn der derzeit vielleicht heißeste Scheiß im Live-Band-Zirkus lädt zum kollektiven Steilgehen und Matteschütteln: NIGHT DEMON aus Kalifornien bitten zum Tanz!

Dass sich diese Band heute kein geschmackssicherer Echtmetaller entgehen lassen will, merkt man schon daran, wie unruhig einige Kuttenträger an der Stahltür des kultigen Cortina rütteln. Man möchte lieber ’ne Stunde früher rein als fünf Minuten zu spät. Dabei tönt drinnen noch der Soundcheck der Support-Band, und Jarvis, Sänger, Basser und Mainman der Ventura-Boys von NIGHT DEMON, macht sich erstmal auf den Weg zur nächsten Imbissbude. Dabei sieht er doch ziemlich müde und zerknirscht aus – kein Wunder bei dem irren Tourkalender! Gerade eben noch beim Muskelrock in Schweden, davor drei Gigs in Deutschland direkt im Anschluss an den umjubelten Auftritt beim Up The Hammers in Athen. Heute also Berlin. Den Tourbus hat Dusty, der Drummer, übrigens gleich mal selbst von Schweden in die Bundeshauptstadt gefahren.

Diese drei Verrückten lassen derzeit nichts aus, bespielen scheinbar jede Bühne, wollen ihr neues, bockbierstarkes Album „Darkness Remains“ anscheinend jedem Fan persönlich präsentieren. Dass man dabei mal auf ’ner großen Festivalbühne den Mob zum Toben bringt und am nächsten Tag quasi in der Kneipe auftritt, ist gewollt und beweist, wie ernst es die Jungs meinen. Mit Sicherheit hätte man in Berlin auch ’ne andere, größere Venue finden können. Aber gerade in solch winzigen Butzen wie dem arschgeilen Cortina mit bierdeckelkleiner Holzbühne und schlauchschmalem Gastraum kommt die Magie einer Band wie NIGHT DEMON besonders zum Tragen.

Die Tür geht endlich auf, die fast schon lächerlichen 11 Euro Eintritt werden abgedrückt, der Laden füllt sich, erste Hopfenkaltschalen wandern über den Tresen. Während die drei Nachtdämonen im Backstagebereich vermutlich noch ordentlich zu tun haben, fit für ihren Auftritt zu werden, verdient sich die Support-Band erste Meriten. ANKH AMUN aus Berlin, von denen viele noch nie etwas gehört haben, spielen kernigen, klassischen Heavy Metal mit – Achtung! – deutschen Texten. Das klingt recht ungewöhnlich, aber gar nicht mal schlecht, der Gesang erinnert leicht an ältere Punkfronter, in den sehr hohen Stimmlagen leiert und quietscht es zuweilen etwas, aber insgesamt ist das doch eine gelungene Darbietung und wird vom Berliner Publikum entsprechend goutiert.

Was im Anschluss an eine kurze Umbauphase, bei der Drummer und Gitarrist alle Mühe haben, ihr Equipment längs durch den randvollen Club Richtung Bühne zu bugsieren, auf selbiger stattfindet, ist ganz großes Hartklangkino! Die etwa 100 erwartungsfreudigen Besucher erleben nicht weniger als die perfekte Umsetzung der mustergültigen Formel für puren, unverfälschten Rock’n’fuckin’Roll der Sonderklasse! Hier stimmt heute einfach alles. Auftreten, Attitüde, Power, Spielfreude, Songauswahl, Sound… es ist schier unfassbar, wie Jarvis, Armand und Dusty es immer und immer wieder schaffen, den Fans dermaßen einen vor den Latz zu knallen, dass selbst der steifste Nacken im Saal noch gelockert wird, selbst der lahmarschigste Horst noch die Hufe schwingt, die Faust gen Himmel reckt und die catchy Refrains mitgrölt.

Es gibt überhaupt keine Verschnaufpausen, die Songgranaten werden eine nach der anderen treffsicher abgefeuert. Dabei wird der rohen Härte eine filigrane Melodik zur Seite gestellt, treibende, groovende Rhythmik verschmilzt mit hymnischer Eingängigkeit zu flotten akustischen Glanztaten. Sänger/Bassist Jarvis scheint Eier groß wie Honigmelonen zu haben, strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und zieht restlos jeden in seinen Bann. Dabei brummt und knarzt sein Viersaiter herrlich lemmyesque. Ohnehin fühlt man sich in Sachen Kick-Ass-Vibe immer wieder an die (ganz) frühen Motörhead erinnert. An der Schießbude verrichtet der hyperaktive Dusty seinen Job gewohnt zuverlässig und präzise, verprügelt seine Felle und Becken mit ungeheurer Power und rollt somit den Rhythmusteppich für die meisterhaften Gitarrenleads von Armand aus. Dieser fiedelt und gniedelt einem unweigerlich das fette Grinsen ins Gesicht. Solides Handwerk und eine Prise Genialität verbinden sich hier zu etwas Großem.

In den ersten Reihen geht es derbe ab, ein stadtbekannter „Alt-Metaller“ mit silberner Mähne headbangt und schreit sich dermaßen in Ekstase und wirft sich über die Monitorboxen, dass einem Band-Crewmitglied am Bühnenrand ganz anders wird. Aber alles im grünen Bereich, alles nur Spaß. Selten war ein Set mit (vorerst) 17 Songs so kurzweilig. NIGHT DEMON spielen sich dabei natürlich kreuz und quer durch ihre beiden Alben, das Material ist bestens aufeinander abgestimmt. Kein Wunder, dass die klitschnassen und überglücklichen Berliner noch ’ne ordentliche Zugabe fordern. Und die sollen sie auch bekommen in Form des mittlerweile schon fast obligatorischen Maiden-Krachers Wasted Years. Ein mehr als würdiger Abschluss eines wahrlich großen Abends in dieser kleinen, aber sehr feinen Bar! Dabei soll weder der sehr gute Soundmann unerwähnt bleiben noch die supersympathische Tresenmannschaft.

Nach dem Gig gibt’s reichlich Fotos mit der Band und Autogramme satt. Jarvis, Armand und Dusty trinken sichtlich zufrieden mit ein paar Fans noch den ein oder anderen Stimmungsverstärker, bevor es gemeinsam per Taxi in eine andere Metalbar zur improvisierten Aftershow-Party geht. Punkt 5 Uhr morgens verabschiedet man sich voneinander und NIGHT DEMON steigen in den kleinen Tourbus. Warum ich das erwähne? Weil die drei Kerle gerade mal 7 Stunden später und nach 550 km Autobahn beim Rock Hard Festival schon wieder putzmunter die Bühne zerlegen!