DEPECHE MODE – Berlin, Olympiastadion – 22.06.17

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„And now for something completely different“, wie schon damals John Cleese im gleichnamigen Film sagte. Dieses Mal geht es um keine Metalband, aber allein schon der Kultstatus gebietet es, dass man über DEPECHE MODE und ihre Konzerte ein paar Worte verliert.Viele sind mit DEPECHE MODE mehr oder minder vertraut. Seit nun fast 40 Jahren stehen Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher auf der Bühne und machen Musik, die Millionen von Zuschauern weltweit begeistert. Zwar haben sie Erfolge rund um den Globus zu vermelden, doch trotz der zahlreichen Fans war DEPECHE MODE nie eine wirkliche Mainstream-Band. Viele Künstler, gerade im Metal/Alternative-Bereich geben DEPECHE MODE als einen ihrer großen Einflüsse an, welches sich in Songcovern und anderen Wertschätzungen widerspiegelt. Selbst das Rolling Stone Magazine hat einen kompletten Artikel dieser Band und ihren Einflüssen auf die Metalszene gewidmet. Und wie soll man sagen… irgendwie haben sie ja recht.

Ich war schon als kleines Kind Fan von DEPECHE MODE, doch erst als ich began, Englisch zu lernen und so ihre Texte verstanden habe, merkte ich, wie sehr ich mich mit ihrer Musik und ihrer Lyrik identifizieren kann. So wurden sie zu einer meiner absoluten Lieblingsbands, ohne sie geht es für mich nicht. Seitdem ich sie zum ersten Mal live (2010) gesehen habe, wusste ich, dass ich sie immer wieder live sehen muss. Und dieses Jahr war es endlich wieder so weit. Zum dritten Mal wartete der Rausch der Glückseligkeit auf mich.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich nicht nur das Konzert beschreiben möchte, sondern auch meine Reise dorthin, denn hier zählt der ganze Tag. Keine Sorge, ich fasse mich so kurz wie möglich.

Angefangen hat es am Donnerstagmorgen mit der Verfolgung des Wetterberichts, da ja nun die meisten mitbekommen haben, dass an diesem Tag eine heftige Gewitterfront über Deutschland hinwegrollen sollte. Und diese Gewitterfront hat geliefert, mein lieber Scholli. Den heftigsten Teil bekam ich mit, als ich noch in Hamburg war. Alsbald stieg ich also in den Fernbus und machte noch ein Nickerchen, um Kraft zu tanken (welche ich dann auch durchaus gebraucht habe). Leider vermeldete der Busfahrer kurz vor Berlin, dass es einen Stau gäbe und wir deswegen eine Pause machen würden, damit dieser sich vielleicht in der Zeit auflöst. Letztendlich standen wir dann tatsächlich nicht im Stau, aber jede Verzögerung schlug ein wenig auf meine Laune, da ich noch meine Reisetasche bei meinem Freund abgeben wollte, schließlich wurde vorher ausdrücklich angekündigt, dass man aus Sicherheitsgründen nur das Nötigste am Körper haben sollte. Als ich dann endlich meine Sachen in der Wohnung lassen konnte, schnappte ich mir meinen Kleinkram und ab ging es zum Olympiastadion.

Kritisch den Himmel beäugend fuhr ich also mit der S-Bahn bis Westkreuz und spätestens da merkte man, dass sich gefühlt die halbe Stadt auf den Weg ins Stadion gemacht hatte. Der Bahnsteig überfüllt, die erste Bahn auch, sodass wir alle die nächste nehmen mussten. Zum Glück musste man nur zwei Stationen wie Sardinen in der Büchse fahren, es wurde nämlich sehr schnell warm im Waggon. Bis dahin regnete es immer noch nicht, es kam sogar ein ganz kleines bisschen die Sonne durch. Am Olympiastadion angekommen kann man es nicht übersehen. Ich war noch nie dort, also folgte ich zunächst der Menschenmasse, aber zum Glück ist es ja nicht weit von der Station entfernt. Die erhöhte Polizeipräsenz fiel sofort auf. Ob man sich dadurch sicherer fühlt, muss jeder für sich selbst entscheiden, jedoch als störend habe ich es definitiv nicht empfunden. Vor den Eingängen des Olympiastadions hatten sich sehr lange Warteschlangen gebildet, die jedoch zügig vorangingen, hier also schon mal ein Lob an die Organisation! Es wurde schnell kontrolliert und nur sehr wenige Zuschauer hatten sich nicht an die zuvor vermeldeten Sicherheitshinweise gehalten, sodass ich nach weniger als zehn Minuten auch schon auf dem Gelände war. Da ich meinen Platz im Innenraum hatte, musste ich zunächst das halbe Stadion umrunden, und als ich dann reinging, bewunderte ich erstmal kurz die Größe des Stadions. Ich war nicht das erste Mal in einer Arena, aber das Olympiastadion ist nun nicht gerade das kleinste, welches man in Deutschland finden kann. Zum Glück musste ich weder auf Toilette noch hatte ich Durst, also suchte ich mir einen schönen Stehplatz aus. Da ich nun nicht gerade die Größte bin, war meine Sicht auf die Bühne eingeschränkt, aber ich hatte einen Stehplatz und das war das Wichtigste (den Fehler mit den Sitzplätzen mache ich nie wieder). Die Vorband „Algiers“ spielte schon, ich hatte leider Zeit verloren durch oben genannte Umstände, aber das machte nichts, so musste ich nicht allzu lange auf DEPECHE MODE warten. Die Vorband heizte jetzt nicht wirklich ein, es war ein angenehmes Hintergrundplätschern, aber im Gedächtnis blieben sie nicht. Nachdem sie von der Bühne gingen, blieb noch eine halbe Stunde, bis der Hauptact auftrat, und so füllten sich auch die letzten Plätze. Der Himmel war bis dahin leicht wolkenverhangen, es sah aber nicht nach Weltuntergang aus.

Sehr pünktlich erschienen die ersten Bilder auf den Leinwänden und die ersten Töne erklangen aus den Lautsprechern. Die Band eröffnete das Konzert (traditionell) mit ersten Lied ihres aktuellen Albums, in diesem Fall „Spirit“, nämlich „Going Backwards“. Auf den Leinwänden sind Farbcollagen zu sehen, die Band zunächst noch nicht. Für diese Tour haben DEPECHE MODE erneut mit Anton Corbijn zusammengearbeitet, um die Bühnenshow visuell zu untermalen. Gleich danach geht es ebenfalls mit einem neuen Lied weiter, und zwar mit „So Much Love“. Die Jungs und ihre Tourmusiker wärmen sich zusammen mit dem Publikum auf. Danach gibt es die erste ältere Auskopplung „Barrel Of A Gun“ und schon ist das Publikum zweimal so intensiv am feiern wie noch zuvor.
Wer sich ein wenig mit der Geschichte von DEPECHE MODE auskennt, weiß, dass die Band eine besondere Beziehung zu Berlin hat und das merkt man auch, denn sogar die Leute auf den Sitzplätzen sind zu 95% aufgestanden, als die ersten Töne erklangen. Spätestens bei „In Your Room“ gab es beim Publikum kein Halten mehr. Es wurde ausgelassen getanzt, mitgesungen, sich zum Klang der Melodie gewiegt, die Augen geschlossen. Und die Band gab alles. Wie immer. Man sieht den Jungs an, wie viel Spaß sie noch selbst an Konzerten haben, wie gerne sie dem Publikum beim Ausrasten zusehen und wie sehr sie sich selbst von der Musik mitreißen lassen und das nach all den Jahren. Dave Gahan ist und bleibt eine verdammte Rampensau. Als würde er in seinem Leben nichts anderes tun, wirbelte er von einer Seite der Bühne zur anderen und singt sich die Seele aus dem Leib. Nach „In Your Room“ setzte so langsam der erste Regen ein, also Regenjacke angezogen und weitergefeiert. Mit „World In My Eyes“ wurde ein weiterer Publikumsliebling gespielt, was auch entsprechend mit lautem Mitsingen belohnt wurde.  In der Hälfte des Sets war es dann wieder Zeit für Martin’s Soloauftritt. Er bot eine wunderschöne Balladenversion von „Question Of Lust“ und das Sehnsuchtsstück „Home“ dar, letzteres war eines meiner Highlights. Nach „Wrong“ gab es eine leicht veränderte Version von „Everything Counts“, welche sehr gut beim Publikum ankam. Wer DEPECHE MODE schon öfter live gesehen hat, weiß, dass die Band einige Stücke gerne auffrischt, aber immer so, dass es zum Lied passt und nicht, um zu experimentieren um des Experimentierens Willen. Weiterhin feiert die Band auf der Bühne und feuert das Publikum an, ohne scheinbar müde zu werden. Mittlerweile schüttet es kübelweise und auch Blitz und Donner haben sich zum Spektakel dazugesellt. Aber egal, es folgen nämlich „Stripped“, „Enjoy The Silence“ und „Never Let Me Down Again“ und die Party wird nicht unterbrochen, im Gegenteil. Gerade bei letzterem kommt es mal wieder zu einem magischen Moment, als das gesamte Stadion seine Hände gen Himmel reckt und mit Dave zusammen im Takt hin- und herwinkt. Das Gefühl der kompletten Einheit breitet sich aus. Wenn man noch keine Endorphine im Blut hatte, dann spätestens jetzt.

DEPECHE MODE verabschieden sich das erste Mal, doch natürlich kommen sie wieder, für ganze fünf (!) Zugaben. Darunter ist auch das David-Bowie-Cover zu „Heroes“. Hier zollt die Band dem letztes Jahr verstorbenen Sänger Tribut, der ebenfalls eine Verbindung zu Berlin hatte. Und zu guter Letzt setzt sich nochmal das ganze Stadion in Bewegung, denn die Band spielt „Personal Jesus“. Da stand bzw. saß wirklich niemand still.

Fazit: Es war mal wieder ein unglaubliches Konzert. Leider war die Akustik von meinem Standpunkt aus nicht optimal, die Band war tatsächlich recht leise. Der Stimmung hat es keinen Abbruch getan. Auch der heftige Regen machte das Konzert unvergesslich. Trotz Unwetterwarnungen musste das Konzert nicht unterbrochen werden, da der vorhergesagte Hagel zumindest über dem Stadion ausblieb. Man merkte dadurch auch wie gut vorbereitet und organisiert der Veranstalter und seine Mitarbeiter waren, was das ganze Erlebnis noch ein wenig schöner gemacht hat. An dieser Stelle: Danke dafür! Ich verließ das Konzert klatschnass, aber überglücklich. Für mich sind DEPECHE MODE einfach eine der besten Live-Bands dieses Planeten und ich werde sie mir noch so oft anschauen wie ich nur kann.

Setlist:
1. Going Backwards
2. So Much Love
3. Barrel Of A Gun
4. A Pain That I’m Used To
5. Corrupt
6. In Your Room
7. World In My Eyes
8. Cover Me
9. A Question Of Lust
10. Home
11. Poison Heart
12. Where’s The Revolution
13. Wrong
14. Everything Counts
15. Stripped
16. Enjoy The Silence
17. Never Let Me Down Again

Zugabe
18. Strangelove
19. Walking in My Shoes
20. Heroes (David-Bowie-Cover)
21. I Feel You
22. Personal Jesus