REPTIL - Throne Of Collapse
Reptil - Throne of Collapse - AlbumcoverGenre: Industrial Metal
Label: Razor Music
Veröffentlichung: 19.05.2017
Bewertung: Sehr Gut (7/10)

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Bei REPTIL handelt es sich wieder um eine der Bands, die man überhaupt nicht einschätzen kann und nichts anderes übrig bleibt, als sie wundersam zu finden. Dabei sind es eher ihre Musikvideos, die ein komisches Gefühl zurück lassen, denn die Idee, die hinter dem Album steckt, ist gar nicht mal so verkehrt. Eine Kreatur (sehr wahrscheinlich reptilartig) kann die immer mehr zu Roboter verkommenden Menschen, beeinflusst durch die voranschreitende Digitalisierung, nicht mehr ertragen und randaliert musikalisch innerhalb der insgesamt neun Tracks. Ein interessantes Konzept für ein Debutalbum.

Und wir steigen in die Geschichte auch mit einem Opener ein, der sehr stark an eines der guten alten Hörbücher erinnert, die noch mit echten Geräuschen und Klängen ausgestattet waren, jedoch sind es hier primär elektronische Klänge, die lediglich Naturtreue imitieren. Dafür entwickeln sich die zuerst arythmischen „Schläge“ in geordnete, gesampelte Drums und der zweite Track „Reptoil“ beginnt.

Lange lassen die vom Industrial Metal gewohnten, immer wiederkehrenden Gitarren Riffs auch nicht auf sich warten, der komplette Song ist quasi davon durchtränkt. Hinzu kommt die zuerst geraunten, dann immer lauter werdenden Vocals, bis sie sich später vollends in Screams verwandeln. Zeitweise mag es ein bisschen zu eintönig klingen, doch wenn man sich ein wenig auf die Synthesizer im Hintergrund konzentriert, merkt man schnell wo der Bär steppt, wenn man ihn grade nicht direkt vorne an der Bühnenkante sehen kann. Insgesamt passiert hier jedoch im Vergleich zu dem was noch kommt wenig, aber wir sind ja auch erst beim Anfang.

Der zweite Song „Monolith“ geht nämlich weitaus mehr in die Vollen. Ein fisseliges Intro wird plötzlich von gehämmerten Drums abgelöst und auch der Sänger legt sich mit mehr Power ins Zeug. Insgesamt wirkt hier alles strukturierter, was sicherlich auch durch ein paar mehr melodiöse Parts bedingt wird.

Einer der Songs, die auf diesem Album am meisten herausstechen und womöglich am meisten Aufwand waren, ist der Titeltrack „Throne Of Collapse“. Wäre er nicht auf dieser Platte erschienen, dann ganz sicher als Soundtrack zu einem Film mit viel Landschaft oder mit viel End-Of-The-Worl-Action (passend zum eigentlichen Konzept natürlich). Allein schon der Aufbau des Songs ist mega episch: Blechbläser werden von Streichern begleitet und es fehlt nicht viel, bis man in Gedanken vor einem riesigen Orchester sitzt – da kommt schon ein wenig „Game Of Thrones“-Feeling auf.

Dieses riesen Konstrukt baut sich schleichend auf und alle paar Takte ändert sich irgendwas. Sei es die Verstummung der Streicher oder ein Crescendo der Drums. Auch lyrisch hat „Throne Of Collapse“ einiges zu bieten, denn hier scheint die Musik 1:1 die Geschichte des Sängers zu begleiten und man wird quasi gezwungen zu zuhören. Dank der relativ einfachen und nicht zu sehr ausschweifenden Instrumente, könnte das sogar gewollt sein.

Ähnlich verhält es sich mit dem darauf folgenden Song „One World One Nation“, der sogar noch ruhiger ist als sein Vorgänger und deutlich minimalistischer. Sogar eine Akustik Gitarre darf hier mitmischen und unterstreicht noch einmal den sehr natürlichen Klang, denn würde man nur diesen einen Song aus dem Album hören, käme niemand auf die Idee, ihn in die Industrial Metal Schublade zu stecken.

Und genau das ist, was „Throne Of Collapse“ ausmacht. Die Grundstruktur baut auf einem Genre auf, der Rest drumherum ist reine Auslegung. Es gibt keine Quotenballade oder andere Standards die abgearbeitet werden, denn das würde die Atmosphäre eines Konzeptalbums nur zerstören. Zumindest wenn es nicht grade darum geht, zehn straighte Anti-Trump-Songs zu schreiben, denn da würde man selbst mir Hängen und Würgen keine Ballade zusammen bekommen.

Ich muss zugeben, dass ich nach den ersten paar Songs nicht wirklich überzeugt war, doch im Laufe des Albums, wenn man REPTIL näher kennenlernt, merkt man, dass sie ihr Herzblut in die Sache gesteckt haben und sich nicht nur Gedanken zu den Arrangements sondern zum gesamten Aufbau gemacht haben. Die einzelnen Tracks gehen nahtlos ineinander über und an der richtigen Stelle wird mit Hall-Effekten und Synthesizern gearbeitet, so dass alles viel organischer klingt, als es eigentlich ist.

Begebt Euch also ruhig auf die Reise mit dem REPTIL, auch wenn ihr von Industrial keine Ahnung habt, denn ein so gelungenes, ausgeklügeltes Album findet man nicht alle Tage.