DAYSEEKER - Dreaming Is Sinking /// Waking Is Rising
Dayseeker - Dreaming Is Sinking Waking Is RisingGenre: Metalcore
Label: Spinefarm Records
Veröffentlichung: 14.07.2017
Bewertung: Klasse (8/10)
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Mit diesem Album haben DAYSEEKER etwas Permanentes geschaffen, denn „Dreaming Is Sinking /// Waking Is Rising“ umfasst ein mächtiges Konzept, das durch jeden einzelnen Song einen roten Faden zieht. Es handelt sich hier um einen Mann, der Verbrechen gegen seine Ehefrau rächt und dabei in ein Koma geprügelt wird. Während er also schlafend im Krankenhaus verweilt, geschieht eine Menge an dramatischen Ereignissen, wie der Zerfall seiner Ehe und der Tod seiner Mutter. Wir als HörerInnen dürfen Zeugen einer Menge Existenzfragen und viel Verzweiflung werden, die Fragen aufwerfen und zum Denken anregen, also durchaus mehr als der allgemeine Metalcore eigentlich so hergibt.

Gleich der erste Track knüpft mit  „Dreaming Is Sinking“ an den Titel des Albums an und leitet lediglich mit schwammig verträumten Synthesizern und einem Erzähler in die musikalische Reise ein. Auch lyrisch ist man hier eher unpräzise und es lässt sich nur erahnen, was genau überhaupt passiert ist oder noch passieren wird. Allerdings baut sich hier somit die erste Spannung auf, die sich durch rhythmisches, an einen Herzschlag erinnerndes Klopfen gesteigert wird. Zum Ende hin wird die Stimme des Erzählers hektischer und wechselt scheinbar willkürlich von links nach rechts; besser hätte man hier mixing-technisch wohl kaum arbeiten können.

Mit einem fließenden Übergang finden wir uns zügig im nächsten Song „Vultures“ wieder, der im Übrigen auch einer der Singles ist. Hier wird nicht lange gefackelt und nach ein paar gescreamten Sätzen und treibender, basslastiger Bass Drum geht es mit einem sehr straighten Verse los. Vor dem Chorus wird die Power deutlich zurück gefahren, so dass es für einen kurzen Moment Platz für Emotionen gibt. Getragen von einer simpel gezupften Gitarre, ein paar Synthesizern und elektronisch anmutenden Schlagzeug, breitet sich der Clean Gesang aus und eröffnet uns einen Weg in die immer wiederkehrenden Gedanken eines Mannes, dessen Frau betrunken von jemandem ausgenutzt wurde und sich nichts sehnlicher wünscht, als das alles vergessen zu können. Im Chorus wird dann die Wut des lyrischen Ichs, also dem bis dato noch nicht im Koma liegendem Mann, deutlich. Instrumental wird das Ganze recht einfach unterstützt, aber nichtsdestotrotz kommt keine Langeweile auf und man bekommt schnell einen Zugang, sowohl zur Musik als auch zu der Geschichte. Als Outro dient ein Breakdown, der zwar kurz ist, aber dennoch gut Dampf macht und nur oberflächlich an den sonst so im Suff dahingekotzten, typischen Metalcore kratzt.

Auch bei den Arrangements sind die Jungs nicht auf den Kopf gefallen. Bei „Carved From Stone“ haben sie deutlich komplexer als bisher gearbeitet. Im Verse folgen alle dem offenen Schlagzeug und begleiten die ruhige, sanfte Stimme von Sänger Rory mit einfach gehaltenen Akkorden, die jedoch unglaublich pushen. Trotz der Tiefenentspanntheit wird im Chorus eine abwechslungsreiche Phrasierung ausgepackt, die zuerst wie fehl am Platz kling, da die Vocals relativ unbehelligt ihr eigenes Ding machen. Aber genau das hebt „Carved From Stone“ ein Stückchen von dem Rest ab. Die Entwicklung des Songs ist dagegen eher subtil, was man wiederum an den Inhalt anlehnen könnte, da dieser sich ebenfalls nicht direkt entwickelt, sondern die Verzweiflung der Ehefrau thematisiert, die nicht weiß, wie sie mit der Unwissenheit, ob ihr Mann jemals wieder aufwacht, umgehen soll.

Einen kleinen Ausreißer gibt es aber doch auf „Dreaming Is Sinking /// Waking Is Rising“, egal wie genial die Idee dahinter ist. Der Song „Counterpart“ könnte auch das Intro zu einer Seifenoper sein, denn fast überall findet sich Kitsch wieder, egal ob man sich auf die Gitarren oder die Drums konzentriert. Es fehlt nur noch ein Glockenspiel oder eine schnulzige Klaviermelodie und „Counterpart“ wäre ein Teil von „Verbotene Liebe“. Dafür ist immerhin der Beginn hörenswert.

Bis zum letzten Song „Waking Is Rising“ wird kein einziges Mal das Konzept zurückgelassen und, was mir sehr gefällt, der Titel der Platte wird hier wieder aufgegriffen. So wird das Ganze wunderbar abgerundet. Zudem bleibt das Ende der Geschichte offen, was vermutlich bei einigen nicht so viel Anklang findet, jedoch wird damit nur das Drama ein weiteres Mal unterstrichen. In diesen knapp fünf Minuten haben DAYSEEKER zum Schluss nochmal ihr volles Potential aufgefahren und gleich nach dem ersten Chorus kommt auch der erste Breakdown. Zwischendurch kann man sogar ein Piano erahnen, dass ruhig ein wenig lauter sein könnte, da es schon ein großer Teil des Charakters ausmacht.

Das Finale besteht aus einem Chaos-Part, in dem jeder so sein eigenes Ding macht. Die Drums geben einen einfachen Rhythmus als Grundlage, während eine der Gitarren eine repetitive Melodie dazu beiträgt und die Vocals verloren aus dem Hintergrund zu vernehmen sind. Danach geht es aber wieder geordneter zu und wir befinden uns im zweiten Breakdown, der langsam in das finale Outro übergeht.

Ob DAYSEEKER eher zu den härteren oder zu den poppig angehauchten Vertretern dieses oft verhassten Genres zählen, lässt sich (zumindest auf diesem Album) nicht genau sagen. Sie lassen sich von der Musik tragen und haben aus den insgesamt 12 Songs eine wunderbare Geschichte gebastelt, die an keiner Stelle auf irgendeine Weise an Kontent nachlässt. Auch ruhige Songs wie „Six Feet Under“ sind trotz des verhältnismäßig langsamen Tempos voller Power und Emotion.

Kurz gesagt, haben DAYSEEKER es geschafft mit diesem Album richtig gute Unterhaltung zu präsentieren. Innerhalb von guten 45 Minuten servieren sie ausgereifte Musik, kombiniert mit tiefer gehenden Themen, bei denen man durchgehend am Ball bleibt, weil es einfach zu spannend ist um wegzuhören. Für Leute, die gerne Action erleben, ist das hier womöglich nichts, dafür muss man hier einfach zu viel über seine ethischen Grundsätze nachdenken.

Wer also auf komplexen Metalcore mit Story steht, sollte sich „Dreaming Is Sinking /// Waking Is Rising“ auf jeden Fall mal reinpfeifen, denn selbst  wenn alles mal wieder sehr unpräzise klingt (verwaschene Drums, zu leise Gitarren, kaum zu hörender Bass, zu komprimierte Vocals), hat man trotzdem seinen Spaß an den Melodien, die man Schritt für Schritt entdeckt.