YE BANISHED PRIVATEERS - First Night Back In Port (Review)
YE BANISHED PRIVATEERS - CoverGenre: Folk/Medieval
Label: Napalm Records
Veröffentlichung: 30.06.2017
Bewertung: Sehr Gut (7/10)

Website

Wenn man mal ab und zu seinen musikalischen Horizont erweitern will, muss man zwangsläufig mal einen Schritt über den Tellerrand tätigen. Das gilt nicht nur für das Hören von Musik, sondern auch für das Reviewen von Alben, so wie in diesem Fall. Und wenn man ab und zu mutig genug ist, wird man auch mal belohnt und lernt etwas kennen, was einem gefällt. Ich persönlich stehe ja eher weniger auf das ganze mittelalterliche Gedudel, und Folk kenne ich nur aus dem Irish Pub, wo man es mit Hilfe von Bier gut ignorieren kann. Also warum nicht mal ein Piraten-Folk-Album reviewen. Das kann sicherlich lustig werden.

Was mir nun also in die Hände gefallen ist, ist das neueste Werk von YE BANISHED PRIVATEERS mit dem Titel ‚First Night Back In Port‘. Bei der Kapelle handelt es sich um eine (laut Hompage der Band) 16-köpfige Crew aus Umeå in Schweden, die es sich zum Ziel erklärt hat, möglichst authentische Piratenmusik aus dem 17. Jahrhundert zu erschaffen. Das klingt grundsätzlich doch schon mal ganz gut, aber langsam komme ich schon ins Schwitzen. Bei 16 Musikern in einer Piraten-Folk-Band habe ich die Befürchtung, dass es ein wirres Gedudel wird, wenn alle 16 Musiker verschiedene Instrumente spielen. Mal sehen, ob ich es schaffe, das Album in einem Stück durchzuhören, ohne freiwillig über die Planke zu gehen. Ein erneuter Blick auf die Homepage bestätigt meine Ängste. Jeder der Musiker spielt mindestens zwei verschiedene Instrumente in der Band, wobei ich mal davon ausgehe, dass es nicht gleichzeitig passiert. Bei der Hälfte der Namen dieser scheinbar altertümlichen Instrumente habe ich keinen blassen Schimmer, was genau das Instrument wohl macht.

Egal, Platte rein und auf ins Gefecht! „Aye, aye, Captain!“

Der erste Track ‚Annabel‘ beginnt mit seichten Klängen von rauschenden Wellen, die an den Strand branden. Allerhand andere Geräusche, die man sich passenderweise für die Kulisse eines karibischen Strandes in der Abenddämmerung vorstellen kann, sind auch vertreten. Es wirkt sehr authentisch und ich hab das Gefühl, ich höre eine von diesen Meditations-CDs. Eine Art Trommel startet mit einem simplen Rhythmus und wird von einem einzelnen Frauengesang begleitet. Was mir sehr gefällt, ist die Tatsache, dass es sogar so klingt, als ob es direkt an dem Strand, und nicht in einem Studio aufgenommen wurde. Die Stimme klingt leicht klagend, und durch die schwankende Lautstärke des Gesangs hat man das Gefühl, wirklich dort zu sitzen (kann es sehr empfehlen es über Kopfhörer zu hören). Nach einiger Zeit steigen eine Flöte und ein Banjo ein und füllen den Raum etwas aus. Das Wellenrauschen fadet langsam aus, dafür steigt ein Chor ein, der bestimmte Satzfragmente aus dem Hauptgesang mitsingt. Nach knapp zwei Minuten füllt sich das klangliche Bild mit weiteren Instrumenten wie zum Beispiel dem Bass. Obwohl das Tempo sich nicht geändert hat, scheint der Song auf einmal mehr Drive zu haben. Da der Hauptgesang bisher mit sehr vielen Wiederholungen gearbeitet und eine sehr markante Melodie hat, sehe ich mich inzwischen auch schon im Stande mitzusingen. Das Akkordschema wird noch einige weitere Male durchgekaut, bis es harmonisch gesehen einen Einschub gibt und man gegen Ende wieder am Anfang landet, mit Wellenrauschen und dem reinen Frauengesang. Dafür, dass ich eigentlich eher der Fan von Hau-Drauf-Musik und technischem Blast-Beat-Gemetzel bin, muss ich zugeben, dass mir der Song sehr gefällt. Ich bin gespannt, was noch so auf mich zukommt und gehe die nächsten Songs durch.

Der Titelsong „First Night Back In Port“ ist der dritte Track auf dem Album. Ähnlich zu den ersten beiden Songs zeichnet er sich durch recht simple Akkordwechsel aus, die über die Länge des Songs nicht wirklich variiert werden. Dafür ist er, verglichen mit den zwei Songs davor, recht rasant. Eine Geige spielt von Beginn an eine furiose Melodie, wie man sie aus Verfolgungsjagden in einem Western kennt. Verschiedene andere Instrumente begleiten die sich abwechselnden, Hauptgesänge und erzeugen Piratenbar-Atmosphäre, zu der man sich betrinken und auf Tischen tanzen möchte (passend zu diesem Song gibt es ein 360° Video auf Youtube). Auch hier muss ich sagen, dass der Song eine sehr schöne Atmosphäre aufbaut und man als Zuhörer den Eindruck bekommt, mitten im Geschehen zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass YE BANISHED PRIVATEERS auf allen möglichen Mittelatermärkten und Festivals live gut Stimmung machen können. Auch in einem Irish Pub wären sie sicherlich nicht verkehrt und es würde wahrscheinlich zu einem ziemlichen Gelage mit anschließender Eskalation kommen.

Ist man wie ich nicht sonderlich vertraut mit dem Gerne, könnte man beim Durchklicken der 15 Tracks sicherlich behaupten, dass alles irgendwie gleich klingt. Aber genau dasselbe würde wahrscheinlich auch ein Folk-Fan sagen, der versucht, ein CANNIBAL CORPSE Album durchzuhören. Doch wenn man sich mal etwas Zeit nimmt und die Songs durchhört, kommt man etwas von dem Gedanken ab, dass sich alles nach wildem Gedudel anhört. Alleine schon aufgrund der Vielfalt an verschiedenen Instrumenten gibt es bei jedem Durchhören eine neue kleine Melodie zu entdecken. Besonders interessant finde ich auch die Tatsache, dass von Song zu Song verschiedene Personen den Hauptgesang übernehmen und so jeder Song seinen eigenen Charakter erhält, was den erzählerischen Charakter der Songs sehr unterstützt.

Der längste Song auf dem Album ist Track 13 ‚Devil’s Bellows‘ mit fast 10 Minuten Spiellänge. Der letzte Track des Albums hat zwar fast 20 Minuten Spielzeit, aber den nehme ich mal aus der Wertung raus, da er zur Hälfte nur aus Wellenrauschen besteht. Im konstanten Wechsel zwischen Refrain und Strophe wird die Geschichte des Protagonisten erzählt, wie er einen Vertrag mit dem Teufel eingegangen ist. Er soll ihm 1000 Seelen bringen und erhält eine teuflische Quetschorgel dafür. Auf lustige Art und Weise und natürlich in authentischen Piratenenglisch wird dann erzählt, wie er loszieht und allen möglichen Leuten im Dorf das Leben nimmt. Tja… als Pirat muss man halt auch Prioritäten setzen. Was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass Liedermacher bei YE BANISHED PRIVATEERS nicht nur kreativ sind, sondern auch einen Sinn für Humor zu haben scheinen.

Auch wenn ich hier etwas genrefremd unterwegs bin, muss ich sagen, dass die Atmosphäre und die Geschichten drum herum sehr schön produziert und in Szene gesetzt sind. Man merkt alleine schon an den Texten, die Querverweise zum Inhalt anderer Songs aufweisen, dass sich die Kameraden und Kameradinnen von YE BANISHED PRIVATEERS sehr viel Mühe geben haben und auch viel Herzblut drinsteckt. Mich würde es nicht überraschen, wenn einer der Mitglieder Professor für Piratenkunde wäre. Wer also sowieso ein Fan des Genres ist, wird sie wahrscheinlich ohnehin lieben, selbst wenn derjenige dieses Review nicht gelesen hat. Allen anderen kann ich ans Herz legen, auch mal reinzuhören. Auch wenn es nur passives Hören parallel zu irgendeiner anderen Aktivität, wie zum Beispiel Kochen ist. ‚First Night Back In Port‘ ist leicht verdauliche Kost mit viel Charme, die auch nebenbei beim Vorglühen oder gar auf einer Piraten-Mottoparty für ordentlich Flair und Stimmung sorgen kann.

 

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