DER WEG EINER FREIHEIT – Finisterre
SOM422-Der Weg Einer Freiheit-1500X1500px-300dpi-RGBGenre: Black Metal
Label: Season of Mist
Veröffentlichung: 25.8.2017
Bewertung: Bombe (9/10)

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Moderner Black Metal ist in sich etwas, was vielen trven Fans als Oxymoron erscheint und sich in sich selber widerspricht, denn das Genre ist in seinem Ursprung retro, reaktionär und das Gegenteil von progressiv. Aber Gott sei Dank gibt es mittlerweile viele Bands, die sich nicht um Genregrenzen und Etiketten scheren, so dass immer mal wieder eine Innovation das Licht der Welt erblickt, wie auch bei den Würzburgern DER WEG EINER FREIHEIT, die mit „Finisterre“ ihr bereits viertes Album vorlegen.

Die Platte beginnt mit „Aufbruch“ und einem gesprochenen Intro einer Frau, die eine kafkaeske Passage („Die Verwandlung“) aus Marlene Haushofers (österreichische Schriftstellerin) „Die Wand“ (gerade verfilmt, Idee zu „The Dome“) vorliest und das Ganze intellektualisiert: „Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund.“ Die Thematik scheint damit klar: die Frage nach der Existenz, der Tod und die Dummheit der Menschheit.

Die fast zehn Minuten des ersten Songs sind naturgemäß sehr variabel gestaltet, bestechen aber vor allem durch einen kräftigen Sound mit dissonanten Gitarren, Blastbeats und wütendem Gekreische, die Lyrics sind auf der ganzen Platte auf Deutsch. Die Gitarren haben für Black Metal genügend Hall, so dass sie oft genug zu einem Teppich verschmelzen, sind aber ebenfalls ausreichend klar abgemischt. Die Aufnahmen der Instrumente wurden im Übrigen allein durch den Kopf der Band Nikita und den Drummer Tobias gestemmt. Die Gitarren werden zudem an einigen Stellen von einem leichten Synthiesound überlagert, der dem Song seine Unheimlichkeit verleiht. Das Schlagzeug ist sehr prominent und krachend. Blastbeats, Midtempo und ruhige Bridges wechseln sich in „Aufbruch“ ab.

„Ein letzter Tanz“ knackt fast die Viertelstunde-Marke, beginnt mit einem leichten Gitarren-Intro, das eine beträchtliche Schwermut an den Tag legt und erst nach über drei Minuten Spielzeit in wütende und hasserfüllte Blastbeats und Disharmonien übergeht. Textlich dreht sich der Song um den Tod einer Geliebten und den Wunsch, ihr im Feuer nachzufolgen, gefasst in sehr poetisch-chiffrierte Worte, die es allemal wert sind, diesen Beachtung zu schenken. Die Korrespondenz zwischen den rasselnden Blastbeat-Passagen, den ruhigen Akustikteilen und einigen Midtempo-Teilen ist bei diesem Song erneut sehr ausgewogen und hält sowohl die Spannung aufrecht, als auch Atempausen parat. Im Midtempo-Bereich erzählt die melodische Leadgitarre die Story der Verzweiflung perfekt.

„Skepsis Part I“ und „Skepsis Part II“ bilden insofern eine Einheit, als dass der erste Song instrumental (nicht akustisch!) als Gegenpol zum zweiten zu sehen ist, wie das ambivalente Wort „Skepsis“ es vorgibt. Dies zeigt sich auch in der Harmonie der keifenden Screams mit den schwebenden Melodien und der Disharmonien der Black Metal Shreds. Hier gibt es musikalisch ganz leichte Anleihen von den großartigen Schwedentodmeistern Dissection. Der Bogen schließt sich am Ende des Songs wieder zum instrumentalen des ersten Teils. Der letzte Song und Titeltrack „Finisterre“ (Das Ende der Welt) ist noch einmal fast zwölf Minuten lang und zeigt noch einmal das ganze Potential der Würzburger. Die Gitarren sind melodiös in ihrer Einfachheit, der Bass hörbar beteiligt, das Schlagzeug gleicht einem zu schnell schlagenden Herz, das dem wütend-kreischenden Sänger mit der Klage über den Irrweg der Menschheit auf der Zunge liegt. Hier wagt sich der Black Metal sogar in aktuellpolitische Gefilde.

Insgesamt ist den Franken hier ein wirkliches Meisterwerk gelungen, das vor allem durch seine Poetik, dunkle Atmosphäre und Stimmigkeit überzeugt, um negativen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Ein absolutes Muss für Liebhaber der härteren und düsteren Gangart!