PARADISE LOST - Medusa
Paradise Lost - Medusa - ArtworkGenre: Doom/Death Metal
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 1.9.2017
Bewertung: Klasse (8/10)

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In unserer schnelllebigen Zeit, in der man stets nach Konstanten sucht, sind Institutionen wie PARADISE LOST mehr als selten und daher auch mit Ehrfurcht und Dankbarkeit zu begegnen. Bis auf den Schlagzeuger (jetzt der 22-jährige Finne Waltteri Väyrynen) ist die Urbesetzung der 1988 gegründeten Combo aus Halifax noch bis heute erhalten, experimentelle Phasen in den 90er und frühen 2000ern konnten der Authentizität der Engländer in keinster Weise etwas anhaben, sondern gehören zu ihrer erfolgreichen Bandgeschichte. Und wer zur Mehrzahl der Fans gehört, die zwar Weiterentwicklungen ihrer Lieblingsbands akzeptiert, aber starallürige Selbstfindungs-Alben mit einem Augenrollen quittiert, ist auf „Medusa“ ganz richtig.

Der erste Song „Fearless Sky“ macht genau da weiter, wo „The Plague Within“ aufgehört hat, doomig-schleppende Gitarrenriffs, die reduziert aber nicht simpel daherkommen, gepaart mit Nick Holmes‘ typischem Mix aus kräftigen, aber nicht überanstrengten Growls und dem cleanen changierenden Gesang. Die Melodien zeichnen die trüben, depressiven Gedanken an eine Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens nach und schleppen sich melancholisch durch die Untiefen der Gitarren. Man hat in diesen acht Minuten bereits das Gefühl, PARADISE LOST haben sich ein Best of aller ihrer Alben gezimmert, andere Bands hätten diesen Song auf vier verteilt.

„Gods of Ancient“ führt den Zuhörer weg vom verbreiteten Glauben der Weltreligionen hin zu den antiken Naturvorstellungen des Paganismus. Hier wurden tiefe basslastige Passagen in Rock `n‘ Roll-Manier mit Melodien der Leadgitarre gepaart, auf die Holmes in allen Nuancen des Growlings abhebt, das Drumming ist in der Quantität reduziert, dafür rhythmisch komplex.

„From the Gallows“ wird getragen von einer eingängigen Melodie und Solo-Parts, die von tiefen deathigen Passagen mit Doublebass abgelöst werden, was das Ganze recht flott macht. „The Longest Winter“ ist ein sanfter Rocksong, auf dem den Gitarren ein 70er Jahre Orgelflair verpasst wurde, mit cleanem Gesang in Gothic-Diktion. Gäbe es hier keine Bassdrum und keine Growls, könnte man diesen Song schon fast als poppig bezeichnen, denn die melancholischen Dissonanzen halten sich hier in Grenzen. Der Titelsong „Medusa“ beschäftigt sich textlich mit der mythologischen Figur mit ihren Schlangenhaaren, der man nicht in die Augen blicken sollte, da man sonst zu Stein erstarrt. Sie repräsentiert den Nihilismus und die Kürze und Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens auf dem Album. Der Track sticht durch den übersteuerten Sound des Basses, seine trübsinnig-schönen melodischen Gitarrenläufe und Holmes‘ klagenden Gesang hervor, die ihm seinen typischen PARADISE LOST- und Hitcharakter verleihen. Das spielerische Wesen des Songs wird unterstützt von einem schüchternen Keyboard und dem träumerischen Gitarrensolo.

„No Passage for the Dead“ wendet sich dagegen wieder den Doom/Death-Gefilden zu und experimentiert mit Dissonanzen, spezieller Rhythmik und bis in die Untiefen versinkende Tonleitern, die mich tatsächlich kurz, aber heftig, an Type O Negative erinnern. „Blood and Chaos“ bietet eine gute Mischung aus härteren, aber zugleich rockigen Komponenten und meiner cleanen Lieblingsvariante von Nick, die nah an den Growls bleibt und tief-männlich daherkommt. Mit diesem Song kann man der düsteren Atmosphäre Richtung Groove und Kopfnicken entfliehen, da er einen Funken Lebensfreude zündet. „Until the Grave“ gilt als Hymne für alle, die unschuldig ihr Leben lassen mussten, musikalisch bleibt der Song im rockigen Doom-Bereich und punktet mit einem eingängigen Refrain und reduzierten Melodien.

Alles in allem erfüllt „Medusa“ meine Erwartungen auf jeden Fall, auch wenn die hitverdächtigen Songs nicht ganz so zünden wie beim Vorgänger. Besonders gefällt mir das routinierte Songwriting, das trotz seiner Reduziertheit kreativ und unverbraucht daherkommt. Der Sound ist überragend in seiner Ausgewogenheit und die Tracks vielfältig und doch einheitlich gestaltet.