END OF GREEN - Void Estate
void estate kleinGenre: Dark Rock
Label: Napalm Records
Veröffentlichung: 18.8.2017
Bewertung: Sehr gut (7/10)
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Das Cover der Dark-Rocker von END OF GREEN strotzt ebenso vor Melancholie wie der Name der Band, der eine Anspielung auf verlorene Hoffnung ist (bekanntlich ist grün ja die Farbe der Hoffnung). Ein gesichtsloser, in schwarz-weiß dargestellter Mensch, durch dessen Gesicht wir hindurchsehen können, steht im Mittelpunkt. Hände, die wie die eines Fremden wirken, sind in einer hilflosen Pose an seinen Kopf gelegt. Das Meer lässt die Gedanken des Betrachters in die Ferne schweifen und hinterlässt gleichzeitig ein Gefühl von Einsamkeit, vielleicht auch des Ertrinkens in dieser dunklen Tiefe. Das Cover spiegelt die Seele des neunten Studioalbums der Stuttgarter passend wider; warum, erfahrt ihr jetzt.

Der erste Song, „Send in the Clowns“, legt ohne große Hinführung direkt einen Kaltstart hin. Die Lyrics gefallen mir, auch wenn ich die Namensgebung des Titels nicht ganz nachvollziehen kann. Michael Hubers Stimme klingt für mich leicht nasal, die Instrumente sind nachdenklich, ruhig, angenehm und unaufdringlich. Der Gesang wird mit der Zeit nachdrücklicher und bleibt nicht so ruhig, wie man es von solcher Musik vielleicht erwarten würde. Im Gegenteil: Die Worte klingen mit der Zeit wie Schmerzensschreie, die jedoch am Ende des Liedes abrupt von sehr deutlich und nüchtern ausgesprochenen Worten wieder negiert werden.

Darauf folgt „Dark Side of the Sun“, bei dem die Gitarren und das Schlagzeug schwer, fast schleppend wirken. Die Stimme des Sängers ist dieses Mal ganz anders: dunkler, rauer und härter, was mir jedoch nicht unbedingt besser gefällt. Die dröhnenden Gitarrenriffs unterstützen dieses dunkle Szenario. Der Gesang im traurigen, ja fast schmerzerfüllten Refrain, ist zudem eine Mischung aus hell und dunkel, was diesen besser als die Strophen sein lässt. Die Gitarrensoli sind genial, der darauf folgende dunkle Gesang mit wiederum eintönigeren Riffs in den Strophen weniger. Die letzte Strophe wird von herausgepresstem, gequälten Gesang dominiert, der einen innerlich zerrissenen Eindruck entstehen lässt und damit sehr zur Authentizität des Liedes beiträgt. Besonders der letzte Satz des Songs bleibt im Kopf: „It doesn’t get better, it gets worse“.

Der langsamere Anfang des vierten Liedes wird durch nachhallende Gitarren dominiert, wodurch ich ein bisschen an Psychedelic-Rock erinnert werde. Im Gegensatz zum zweiten Lied stört die dunklere Stimme hier überhaupt nicht, sie wirkt weniger gezwungen, aber gleichzeitig nachdrücklich. Die Melodie ist ausgeklügelt, es folgt ein gutes Zusammenspiel aus der überraschenderweise erst hellen und dann dunklen Stimme. Der erste Part vom Refrain wird zwar zu oft wiederholt, aber ansonsten ist „Head Down“ wirklich gut gelungen. Am Ende machen verhallende Stimmen die Gesamtkomposition interessanter und erzeugen Schwingungen im Kopf, ebenso wie der Ausklang durch die Gitarren, die wieder leicht an Psychedelic-Rock erinnern – im positiven Sinne!

Eine einzelne Gitarre ist zu hören und eine gedoppelte, dunkle Stimme ertönt. „The Unseen“ besticht mit der erstaunlichen Schnelligkeit des Schlagzeugs, das man auf dem Album bis dato so noch nicht gehört hat und steht im Kontrast mit dem recht langsamen Gesang, der im Vordergrund steht. Allerdings nur so lange, bis die Gitarren wieder einsetzen und dieser dann weicher wird. Der Refrain ist deutlich anders – gut! – und mit seinem langgezogenem „away“ wird eine Sehnsucht ausgedrückt, die jeder, der den Song hört, mitfühlen kann. Der Gesang steht ab dort jedoch nicht mehr allein im Vordergrund, denn der folgende Zwischenpart gestaltet sich wiederum ganz anders. Der Gesang wird zu einem Rufen, es klingt fast, als wären mehrere Stimmen beteiligt. Den Ausklang schaffen ruhige Gitarrenklänge, die langsam leiser werden und verhallen.

Den Anfang bilden sich langsam nähernde Gitarren; es geht langsam weiter, die fast geisterhaft wirkende, rauchige Stimme bleibt cool, obwohl die Negativität, die vom Gesang ausgeht, diesmal fast mit Händen greifbar zu sein scheint. Die wiedereinmal nachhallende Stimme und der Gesang an sich sind super; da kann man sich seiner Melancholie voll und ganz ergeben. Rufe im Refrain unterstreichen den Schmerz in der Stimme, was unserer Empathie gegenüber dem Protagonisten zuträglich ist. „That’s the way a sad man talks“ ist eine Zeile, die das ganzes Album recht gut widerspiegelt. Auch der Ausklang gefällt mir sehr gut, weil die Melodie sowohl Höhen als auch Tiefen andeutet, Hoffnung und Verzweiflung. Der Song klingt langsam aus und lässt einem somit noch einen Moment, den eigenen Gedanken nachzuhängen.

Fazit: „Void Estate“ kann ich definitiv nicht an Leute weiterempfehlen, die gerade  versuchen, aus ihrer Trauerphase herauszukommen; das Album eignet sich eher dafür, sich zu einer Kugel zusammenzurollen und mit einer Tafel Schokolade im Bett zu heulen. Wem dies bei seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den traurigeren Themen des Lebens wie Sehnsucht, Verlust oder Selbstzerstörung jedoch hilft, dem sei diese Platte wärmstens empfohlen. Denn zum Nachdenken und um der eigenen Melancholie nachzuhängen, ist dieses Album wie geschaffen; und das macht, wie ich denke, ein gutes Dark Rock Album aus. Zudem werden von END OF GREEN vielfältige musikalische Elemente verwendet, sodass man nicht das Gefühl bekommt, eingelullt, sondern immer noch unterhalten zu werden. Wer sich dieses Album zulegt, sollte also schon einmal eine Packung Taschentücher bereitlegen, denn gerade in den Phasen, in denen man solche Musik häufiger hört, bleibt aufgrund der empathischen Interaktion Michaels mit dem Hörer nicht unbedingt jedes Auge trocken.