X.KERNEL – Face The Truth
Cover-500x500Genre: Melodic Death Metal
Label: Cimmerian Shade Recordings
Veröffentlichung: 7.4.2017
Bewertung: sehr gut (7/10)

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Auch wenn die Schublade des Melodic Death Metal schon eine Schublade im Schreibtisch des Death Metals ist, gibt es doch erhebliche Spielvarianten dieses Genres. Als Urväter gilt sicherlich immer die schwedische Szene in Göteborg mit In Flames und Dark Tranquillity, aber Bands wie Children of Bodom oder Arch Enemy brachten den Style auch in andere Länder. Konstitutierend sind der glasklar produzierte Sound der harmonischen, aber trotzdem brutalen Gitarren, Growls/Screams und wunderschöne Ohrwurm-Melodien. Gestritten werden darf über den Einsatz von Synthies und Keyboards wie auch dem Klargesang. Einer dieser Spielarten haben sich X.KERNEL aus der Ukraine verschrieben, die in der Metal-Landschaft noch nicht allzu erschlossen in diesem Bereich ist. Nach einer ersten EP 2013 ist das nun der erste Longplayer des Trios bzw. Quartetts, dessen IT-nerdiger Name den „Kern“ (core), als auch die dunkle, unbekannte Komponente (X) des menschlichen Lebens kombiniert.

Nach einem kurzen verträumten Gitarrenintro zeigt „Exhausted“ gleich, wo der Weg hinführen soll. Im Stile von Dark Tranquillity (den neueren!) präsentiert der Song tänzelnde Melodien, die von Anfang an von Synthies und dem Keyboard der einzigen Dame der Band getragen werden. Diese übernehmen an einigen Stellen auch den Part der Lead-Gitarre, die beim Quartett unbesetzt ist. Zwischenzeitlich ergibt das ein rechtes Geklimper und Gedudel, für das man ein Faible haben muss. Der Sound ist einigermaßen weichgespült, so dass die Platte nicht zu viel Härte versprüht. Textlich beschäftigt sich der Song mit den Enttäuschungen des alltäglichen Lebens, der Frustration und dem Druck, der auf jedem lastet.

„Kingdom of Pain“ beginnt mit einem kurzen Bass-Solo und galoppierenden Bassdrums, die die basslastigen Gitarren unterstützen, die Keyboards halten sich etwas mehr im Hintergrund und geben den leicht screamigen Growls mehr Raum. So wechseln sich die groovigen gemäßigteren Parts mit den etwas eiligeren Doublebass-Parts ab.

„Locked in Delirium“ zeigt ein Wechselspiel zwischen den Streichorchester-Keyboards und Gitarre, die dem Ganzen einen epischen Touch verleihen. Das Schlagzeug ist abwechslungsreich und unterstreicht den Rhythmus der anderen Instrumente gelungen. „In the Void“ überrascht mit cleanem Gesang im Folk- statt Heavy-Style, der sich mit den starken Growls abwechselt. Das anfängliche Tempo wandelt sich im Laufe des Tracks zu einem Midtempo, das auf Rhythmus-Wechsel setzt. Keyboard und Gitarren vereinen sich zu einem klassischen Solo, das in ein fließendes Riff in den Mitten endet.

„Dying Gods“ beschäftigt sich, wie der Titel schon sagt, mit dem Verlust des Glaubens. Der Titel ist deutlich im Refrain zu vernehmen und erhöht damit den Ohrwurm-Faktor. Den Ausklang bildet ein Keyboard-Outro, das in der Wiederaufnahme des Refrains mündet. „Stay Alive“ changiert zwischen blastbeat-artigen und eher ruhigeren Passagen, Klargesang und Growls mit Effekt, obligatorisch fehlt das Keyboard-Solo nicht. Dem schnellen Tempo der Instrumente steht dabei wieder der glasklare und klinische Sound gegenüber, der die Sache in sanftere Gefilde hebt. „The Last War“ lässt dem Gefrickel der Gitarre etwas mehr Spielraum, aber wie Frauen so sind, mischt sich das Keyboard auch hier mächtig in den Vordergrund.

Nach einem Interludium erzählt „No Fate“ vom Ende der Menschheit zugunsten einer Alien-Herrschaft. Der Bass liefert hier den Rhythmus, die Gitarre steuert ein klassisches Heavy-Solo bei. Der letzte Song „Dream of Sun“ handelt von einem ägyptischen Kult und wird durch den dramatischen Klargesang erneut auf eine epische Ebene gehoben.

Insgesamt zeigt das Album deutlich die Verwurzelung im moderneren Melodic Death á la Dark Tranquillity oder Children of Bodom, vor allem auch wegen des Einsatzes eines enorm dominanten Keyboards, das die fehlende zweite Gitarre ersetzt. Das muss man definitiv mögen, genauso wie den weichgespülten Sound, der von einer klasse Produktion zeugt. Besonders gelungen präsentieren sich mir die Growls und die Rhythmik des Schlagzeugs. Wer also auf die aktuelleren Auswüchse des Genres steht, kann hier ruhig einmal ein Ohr riskieren.