AMENRA – Mass VI
amenra-massvi-237x237Genre: Post Metal
Label: Neurot Recordings / Cargo Records
Veröffentlichung: 20.10.2017
Bewertung: Bombe (9/10)

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Auch in der kleinsten aller Schubladen gibt es Bands, die als Stars gehandelt werden. Im Bereich des Post Metals mag der Durchschnitts-Metaller wenig Erfahrung haben, aber wenn es an die Großen in der Szene geht, dann sind AMENRA sicher ganz vorne dabei. Wie der Titel des neuen Albums schon sagt, präsentiert uns das belgischen Sludge/Harcore/Noise/Post Metal Kollektiv AMENRA ihren sechsten Longplayer und ihre sechste Messe. Eine interessante Erstinfo ist, dass es zwei unterschiedlich abgemischte Versionen gibt – eine für den amerikanischen, eine für den europäischen Markt.

Der erste Song „Children of The Eye“ beginnt mit einem leicht-seichten Akustik-Geplänkel mit etwas schiefen Streichern im Hintergrund, das eine sich immer weiter anspannende Atmosphäre aufbaut und sich dann nach zwei Minuten im durchdringend-ohrenzerreißenden Geschrei des Sängers entlädt. Die Gitarrenharmonien bleiben die gleichen, werden nun nur vom Schlagzeug und Bass unterstützt, was dem Ganzen das Meditative verleiht, auch weil es sich über zehn Minuten erstreckt. Das Geschrei von Colin dringt in seiner Verzweiflung und seinem Schmerz durch Mark und Bein und erzeugt den Kontrast zu den ruhigen Instrumenten und den zaghaft gehauchten Melodien des Sängers im zweiten Teil des Tracks.

Danach folgt auf „Edelkroone“ ein auf flämisch gesprochener Text als Interludium, bevor es in die dritte Sprache Französisch auf „Plus Près De Toi (Closer Than You)“ geht. Die Tonfolgen gestalten sich misstönig, aber auch unkomplex-gedankenverloren, und wechseln hier zwischen noisigen Schlagzeug unterstützten Passagen und gemächlicheren Parts, die stets die gleichen Abfolgen wiederholen, aber in sich variieren. Die Stimmung wird immer besonnener, bis nur noch eine Gitarre zu hören ist, die besinnlich vor sich hintagträumt und dann von einem gedankenversunkenen Gesang eingefangen wird.

„Spijt“ führt mit einem nachdenklichen (für mich natürlich wenig verständlichen) flämischen Text zum Song hin, der nur ein paar schleppend-doomig und flirrende Gitarren enthält. „Solitary Reign“ präsentiert zunächst zart-zaghaftes Gesäusel, unterlegt mit einer tanzenden Melodie, bevor die schweren Gitarren einsetzen. Weit im Hintergrund ist das seelenwunde Gekreische in der Distanz zu vernehmen, das die fast heimelige Atmosphäre des Songs nicht ankratzen kann und erst im Laufe der Zeit an Dominanz gewinnt. Das doomige Tempo zieht etwas an, getrieben von den Becken des Schlagzeugs. Die Gitarren und der Bass sind unkomplex, spielen aber mit verschiedene Variationen, die den Wiedererkennungswert erhöhen, so dass es sich gut im Song verlieren lässt. Gut harmoniert der cleane Gesang mit dem gotterbärmlichen Geschrei und den schönen Melodien, die in der Geschwindigkeit variieren. Hier lässt sich eine gewisse Melancholie erspüren, die aber von Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit meilenweit entfernt ist.

Der letzte Song „Daiken“ dauert ganze elf Minuten und bietet Akustik-Gitarren mit beschwörenden Indianer-Trommeln, die nach einer Weile in den verzerrten Part mit Geschrei übergehen, wie schon im Song davor. Hier sind die Riffs etwas basslastiger und dissonanter. Der Track kehrt dann zurück zum Akustikpart, der mit der Clean-Stimme harmoniert und die entwickelte Melodie weiter in den verzerrten Part führt, der die Riffs vom Anfang aufnimmt.

Insgesamt ist diese Platte nichts für Ungeduldige oder Leute mit schlechten Nerven. Die Riffs sind meditativ aufgebaut und brauchen, um ihre Modulationen zu entwickeln. Der Gesang ist elend-erbärmlich und reizt die Trommelfelle bis zum Bersten. Wer aber an musikalischen Exkursen Gefallen findet, wird hier eine Perle finden.