BELGRAD - Belgrad
Belgrad - BelgradGenre: Alternative
Label: Zeitstrafe/Indigo
Veröffentlichung: 01.09.2017
Bewertung: Gut (6/10)
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Ein Brathähnchen als Teil des Plattencovers bekommt man auch nicht alle Tage zu sehen. Man könnte es auf die obligatorische künstlerische Freiheit schieben oder auch in die Kategorie „weil, ist einfach so“ ordnen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass sich hinter dem Namen BELGRAD Teile der beinahe Urgestein-Post-Punks SLIME, TORPEDO MOSKAU und KOMMANDO SONNE-NMILCH verstecken und Punks sind ja bekannterweise gerne mal etwas schräg drauf. Die Themen auf „Belgrad“ sind allerdings weniger schräg, denn es geht um die bei einer Reise durch Osteuropa gewonnenen Eindrücke von Betrübnis, Freudlosigkeit und Spuren von Krieg. Allerdings werden auch Aspekte wie Schönheit besungen, die die Melancholie wiederum ausgleicht.

Um sich erst einmal in die Atmosphäre der Platte hineinsteigern zu können, wird man beim Opener „Osten“ von Raketengeräuschen und einem Russisch sprechendem Typen begrüßt. Kurze Zeit später gesellt sich die erste Gesangslinie dazu, die a capella ohne zu zögern die Kriegsthematik aufgreift und damit es auch sofort schafft, ein wenig Unwohlsein zu verbreiten. Je weiter man im Song voran schreitet, desto mehr Instrumente lassen sich vernehmen. Das erste sind Synthesizer, darauf folgen dumpf drahtige Akkorde, die noch ein Stückchen mehr Melancholie drauf setzten. Erst mit dem Einzug der stampfenden Drums scheint „Osten“ richtig zu beginnen.

Allerdings zieht es sich ein wenig, bis sich die Struktur des Songs ändert und man deutlich einen anderen Part heraushören kann. Das ist aber größtenteils den Vocals zu  verdanken, die aus tristen, eintönigen Melodien lebhaftere Noten zaubern und sich damit auf die scheinbar restlosen Rhythmen der anderen legen.

Track Nummer zwei geht alles einen Ticken aggressiver an. Mit mittenlastigem Bass und forscher Stimme beginnt „Eisengesicht“ und dudelt für eine Weile erstmal vor sich hin, bis man zu dem Teil kommt, bei dem nur noch ein Satz wiederholt wird mit dem Versuch, eine Steigerung bis zum Ende des Songs zu schaffen. Allerdings ist für die lange Zeit zu wenig Veränderung da. Die Gitarren verharren starr auf ihren 4teln (die zumindest nicht durchgehend aus nur einem Ton bestehen) und das Schlagzeug scheint ebenfalls nur einen Rhythmus spielen zu können. Das was subtil auffällt, ist die lauter werdende Stimme, die mit der Zeit fast zum Rufen übergeht. Dazwischen mischen sich noch Synthesizer, die scheinbar willkürlich dazwischenbrutzeln und somit ein Chaos der allerfeinsten Art verursachen, welches wohl nur etwas für die Fetischisten unter uns ist.

Das „Problem“ mit den zähen, endlosen Wiederholungen zieht sich (leider) durch die komplette Platte und ist mal mehr und mal weniger elegant gelöst. Als weiteres Beispiel kann man gut „Fremde“ nehmen. Der Song an sich könnte auch sehr gut in einer Gothic Disko mit Elektro Touch laufen, was die Endlosschleife jedoch nicht rechtfertigt, wobei ich zugeben muss, dass sie sich hier eher versteckt hält und verschachtelt agiert. Sprich: verschiedene repetitive Melodien lösen sich gegenseitig ab und fließen ineinander.

„Westen“ fällt auch nicht groß aus dem Raster heraus, bis auf den Aspekt, dass es instrumental gesehen, deutlich melodiöser ist. Witzigerweise jedoch nicht dank der Gitarren, sondern durch die vielen lustigen Synthesizer die man dort zu hören bekommt. Ab und zu ist dann noch ein unpassendes Delay auf die Vocals gelegt, welches eine arhythmische Wiederholung hervorruft. Nach ca. der Hälfte steht der Gesang wieder allein im Raum und beginnt mit dem Chorus, nach ein, zwei Takten setzt ein kratziger Bass ein und leitet das Ganze weiter, bis wieder alle Teilnehmer ihre musikalischen Künste zum Besten geben können.

Kurz vor Schluss kommt dann der Beste Song von allen: „Niemand“ ist nicht nur eine wunderbare Wahl für die Singleauskopplung, sondern könnte schon als Endlosschleife allein ein eigenes Album sein. Er ist so ganz anders als die anderen. Beruhigend dumpfe Drums und eine muffige Gitarre leiten in den Song ein, bis dann der verhältnismäßig melodiöse Gesang beginnt und von erdrückenden Problemen und Einsamkeit berichtet. Hier hat man das Gefühl, ein wenig mehr Struktur geboten zu bekommen und der Chorus zeigt, dass die Jungs dazu fähig sind, vollwertige Entwicklungen einzubauen, denn hier taucht ein Mini-Gitarrensolo auf, welches alles zum Schluss noch einmal wunderschön abrundet.

Als Ganzes betrachtet ist „Belgrad“ ein interessantes Projekt, bei dem sich gerne an Stilistiken vergangener Jahre bedient wird. Die Texte sind einwandfrei geschrieben, schön metaphorisch ausgearbeitet und gelegentlich wurde mal um die Ecke gedacht, allerdings fehlt größtenteils einfach das gewisse musikalische Etwas, das einen mitnimmt und nicht mehr so schnell los lässt. Es ist, als hätte die Band dutzende zu kurze Songs geschrieben, die, um auf eine realistische Spielzeit zu kommen, mit aller Gewalt in die Länge gezogen wurden.

Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass BELGRAD noch verstecktes Potential haben, welches eben nur befreit werden muss. Auf einem guten Weg dahin, scheinen sie nämlich schon zu sein.