HALLATAR - No Stars Upon The Bridge
hallatar_coverGenre: Doom Metal
Label: Svart Records
Veröffentlichung: 20.10.2017
Bewertung: Heavy! (10/10)

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Einen geliebten Menschen – gar seinen Seelenverwandten – zu verlieren, ist mit eines der einschneidensten Erlebnisse, die man durchleben kann. Jeder geht mit dem Verlust eines geliebten Menschen anders um. Juha Raivio (Swallow The Sun) ereilte dieses Schicksal im Frühjahr 2016, als seine Lebenspartnerin Aleah Starbridge viel zu jung verstarb. Diejenigen, die mit dem Projekt TREES OF ETERNITY bereits bekannt sind, wissen um diese tragische Geschichte. Innerhalb von nur einer Woche schrieb Juha die Musik für das Album, welches das Debütalbum von HALLATAR werden sollte. Als Verstärkung holte er sich seine guten Freunde Tomi Joutsen (Amorphis) und Gas Lipstick (ex-HIM) mit ins Boot, die ohne eine einzige Note des Albums zuvor gehört zu haben sofort zusagten.

In jedem Werk, welches Raivio erschafft, ist seine Handschrift deutlich zu hören. Auch dieses Mal ist es so, wenn auch um einiges subtiler, obwohl es wahrscheinlich das persönlichste Album ist, welches er bis dato geschrieben hat. Ein Versprechen, welches er Aleah machte, bevor sie starb, war, dass er ihre Musik und Schriftstücke auf die eine oder andere Weise der Welt präsentieren würde. Ein weiteres Mal hält er Wort, da die Texte und Gedichte auf diesem Album alle von Aleah stammen.

Mit „Mirrors“ beginnt die Reise in die dunkelsten Abgründe der eigenen Seele, die ein Mensch durchschreiten kann. Jede Emotion, die man während seiner Trauer verspürt, ist auf „No Stars Upon The Bridge“ vertreten. Die schwerfälligen, brechenden Gitarren mit dem hart geschlagenen Schlagzeug führen durch das tiefe Tal des alles zermürbenden Kummers. Wer Tomi Joutsen nur mit Amorphis kennt, weiß zwar, dass er ein sehr guter Sänger sowohl im klaren als auch im gutturalen Bereich ist, aber auf diesem Album wächst er nochmals über sich hinaus. Er weist ein ungeahntes Spektrum vor. Jeder einzelne Schrei, jedes Ächzen und Krächzen ist roh und echt, genau wie jede klare Note (z.B. in „Severed Eyes“), die so leicht sind, wie man es bei Amorphis selten hört. Im Lied „My Mistake“ wird Joutsen gesanglich von Heike Langhans (Draconian) begleitet, die die melancholische Seite der Trauer hervorhebt. Sie ist es auch, die die drei Gedichte „Raven’s Song“, „Pieces“ und „Spiral Gate“ eingesprochen hat, welche als eine Art Wegmarkierungen ins Album eingebettet zu sein scheinen. „Melt“ und „The Maze“ begeben sich ebenfalls in die düsternsten Gefilde, teilweise ist man hier schon im Funeral Doom unterwegs. Zum Abschluss erklingt „Dreams Burn Down“. Nachdem die erste Strophe gesungen wurde, hört man sie – wie aus einer anderen Welt. Der Klang von Aleahs Stimme ist wie das Licht am Ende des Tunnels, des schwarzen Loches, in welches man sich begeben hat. Auch wenn es den Hörer am Ende deswegen auch nochmal richtig hart trifft, ist es auch gleichzeitig wie eine Katharsis, ein Hoffnungsschimmer, ihre Stimme zu hören. Sie gibt einem das Gefühl, durch den tiefsten und dunkelsten Abgrund gegangen zu sein, um am Ende des Weges wieder das Licht zu finden. Einen besseren Abschluss hätte es für „No Stars Upon The Bridge“ nicht geben können.

Raivio betonte immer wieder in Interviews, wie sehr sich Aleah mit den Abgründen der (eigenen) Seele befasste und der festen Überzeugung war, dass wenn man erst diese durchschritten hat, zu seinem wahren Selbst finden kann. Das ist schwieriger, als die Dunkelheit zu ignorieren, doch nur so könne man wachsen. All das spiegeln die Lyrics des Albums sowie die Musik dazu wider. „No Stars Upon The Bridge“ ist keinesfalls ein Wohlfühl-Album, welches man sich mal eben so nebenbei anhören kann. Man muss sich Zeit dafür nehmen und es wird definitiv etwas mit einem machen. Was das ist, wird bei jedem anders sein. HALLATAR haben ein musikalisches Werk geschaffen, was an emotionaler Rohheit, Ehrlichkeit und Echtheit seinesgleichen sucht. Auch wenn nicht jeder dem Doom Metal zugeneigt ist, so lässt sich diese Authentizität nicht abstreiten, welche zusätzlich zur hohen (künstlerischen) Qualität und Schönheit des Albums beiträgt. Ein zukünftiger Klassiker des Genres – das ist wohl nicht zu weit in die Zukunft gegriffen. Ein Album, welches niemanden kalt lässt, sobald man es gehört hat.

Carry the flame!