HÄMATOM - Bestie der Freiheit
Hämatom_Bestie_Cover_klein1Genre: Neue Deutsche Härte
Label: Sony Music
Veröffentlichung: 26.01.2018
Bewertung: Bombe (9/10)

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Die „Bestie der Freiheit“ startet mit ihrem ersten Song direkt voll durch –  und der Name ist Programm. „Zeit für neue Hymnen“ besticht durch seine originelle Melodie und seinen von HÄMATOM gewohnt sozialkritischen Text. Die Jungs zeigen sich kämpferisch und verbreiten die Botschaft, dass Liebe anstelle von Hass treten sollte. Zudem wird der Titel des Albums hier wieder aufgegriffen und die Fans werden direkt angesprochen. Im letzten Drittel gibt es einen interessanten, ruhigen Sprechpart, der Abwechslung hineinbringt. Der Opener ist definitiv ein Song, der zum Mitmachen anregt.

Harte Riffs, röhrender Gesang, unverblümte Sprache – „Mein Leben Meine Regeln“ zeigt uns kompromisslos, dass sich die Franken nichts vorschreiben lassen. Der Übergang zum Refrain ist cool, wobei dieser wieder sehr hart ist. Im folgenden ist der Text erneut kämpferisch und provokant. Auf einen gitarrenlastigen Zwischenpart kehrt der Refrain drückend zurück; für meinen Geschmack allerdings etwas zu unmelodisch. Am Ende erfolgt noch einmal eine direkte Ansprache der Hater, falls der Songs bis hierhin missverständlich hätte sein können.

Der dritte Song legt melodisch diese Mal langsamer los; der Gesang beginnt ebenfalls ruhig und wird dann kehlig, womit der Song dann auch an Fahrt aufnimmt. Selbstzweifel und das „Problem des Glücklichseins“ werden in dem passend dazu benannten Lied „Warum kann ich nicht glücklich sein?“ thematisiert, was den Inhalt sehr persönlich wirken lässt. Der Übergang zum Refrain wirkt nachdenklich und melancholisch. Es folgt ein melodischer und gleichzeitig harter Instrumentalpart, und Zeilen, die dafür plädieren, trotz allem immer weiterzukämpfen.

„Lichterloh“ weckt alte Erinnerungen an die Jugend, in der man sich unbesiegbar gefühlt und so gelebt hat, als gäbe es kein morgen (auch wenn das bedeutet, dass das, was man getan hat, nicht immer ganz legal war). Es wirkt wie ein Rückblick auf damals, wo alles noch ein wenig besser war, auch wenn man sich selbst dabei z. T. fast aufgegeben oder verbrannt hat. Man hat beim Hören den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen. Der Part zum letzten Drittel hin ist erst melodisch und lädt dann zum Mitsingen ein. Was wir in unserer Jugend erlebt haben, bleibt immer ein wichtiger Teil von uns; auch wenn es schon (lange) vergangen ist. Die wilde Unbändigkeit und das Ungestüme, aber gleichzeitig Leidenschaftliche, werden in diesem fünften Lied perfekt beschrieben.

Der nächste Song startet fulminant und handelt von großem Konfliktpotenzial mit dem Gegenüber. Die Differenz aus Liebe, Hass und der Angst davor, jemanden unglücklich lieben, sind hier die Kernthemen. Man ist verdammt dazu, es gibt nur alles oder nichts; eine unbändige Leidenschaft steht der eigenen Zerstörung gegenüber, weshalb man von Wolke sieben zurück auf den Boden der Tatsachen fällt. Nach einem nachdenklichen Zwischenpart, in dem die Frage aufkommt, was wäre, wenn die andere Person nicht mehr da wäre, erfolgt im letzten Refrain eine Umkehr der Worte. Damit wird klar, dass es ohne den Anderen nicht geht und man trotz der Streitereien und anderer Schwierigkeiten nicht ohne ihn leben will.

Song Nummer sieben beginnt mit den Gitarren preschend; der Gesang wird von den Instrumenten immer wieder unterbrochen. Es wird nichts darauf gegeben, perfekt zu sein, wenn man stattdessen man selbst sein kann und trotzdem (oder gerade deswegen) Spaß hat. Der  Refrain von „Lange nicht perfekt“ lädt zum Mitmachen ein und wird als Song für die Freaks auf Konzerten sicherlich seinen festen Platz einnehmen und dort fleißig mitgegröhlt werden.

Ein Glockenklingeln leiten das elfte Lied ein, in dem Nord erstaunlich verletzlich wirkt. Jemand wurde verloren, der einem sehr wichtig war, und wird nun vermisst. Diese Person wird nie vergessen sein und der Glaube des Wiedersehens im „Himmel“ erleichtert die Leiden beim Gedanken an den Toten. Es ist schwer, ohne denjenigen weiterzumachen, aber man wird es bis zum eigenen Tod durchhalten. Der Zwischenpart wirkt etwas seltsam – die Synthesizer passen nicht ganz zu dem sehr verletzlichen Text. Zum Ende wird wieder ein Kontrast mit den Glocken geschaffen, auf den die ausklingenden Gitarren folgen. Ein Song, der besonders individuell ist und mir genau deswegen auch sehr gut gefällt.

Oh, was ist das? Eine Harfe, eine Zither..? Es setzen ein Klavier und der Gesang ein, wobei letzterer fast von den Instrumenten und einem engelsgleichen Chor im Hintergrund übertönt wird. „Todesmarsch“ ist ein Anti-Kriegslied, das dabei gleichzeitig Kritik am Gehorsam übt und mich leicht an „Links 2, 3, 4“ von RAMMSTEIN erinnert, da immer wieder „rechts“ und „links“ gesungen wird. Es folgen Klänge wie die einer Spieluhr und ein Plädoyer für mehr Verständnis, Liebe und Harmonie. Das dreizehnte Lied wirkt melodisch (bis jetzt) für Hämatom recht untypisch, aber nicht schlecht. Das Ende wird mit einem choralem „Links“ begründet, was andeuten könnte, dass sich der Umstand der Kriege in der Welt nie ändern wird.

Fazit:

„Bestie der Freiheit“ ist bis jetzt HÄMATOMS persönlichstes Album. Die Lieder sind eher kurz, aber dafür werden uns direkt 15 Stück geliefert, von denen zudem jeder einzelne für sich spricht. Durch den Wechsel des Produzenten wurde mehr experimentiert, was der Entwicklung der Jungs nur gut getan hat. Sie zeigen sich einerseits gewohnt kämpferisch, andererseits für ihre Verhältnisse sehr verletzlich, was diesem Album aber nur zuträglich ist. Die Synthesizer geben neue Impulse und man hat das Gefühl, dass das Quartett sich deutlich weiterentwickelt hat; allein, weil sie keine Angst davor haben, ihre emotionale Seite zu zeigen. Es werden die guten wie die schlechten Zeiten thematisiert, die jeder Mensch in seinem Leben erlebt und erlebt hat; und jeder, der sich diese Platte anhört, wird wenigstens einen Song finden, mit dem er sich voll und ganz identifizieren kann. Man kann nur hoffen, dass HÄMATOM an dieser neuen Linie festhalten – natürlich, ohne dabei ihre Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Aber mal ehrlich: ich glaube nicht, dass das Hämatom jemals passieren könnte. Zugegeben: Die vier Himmelsrichtungen haben das Rad mit „Bestie der Freiheit“ nicht komplett neu erfunden. Aber doch haben sie ausreichend neue, interessante und gelungene Anreize geschaffen, um mit diesem Album wirklich zu überzeugen.