NIGHT IN GALES – The Last Sunsets
1000x1000Genre: Melodic Death Metal
Label: Apostasy Records
Veröffentlichung: 23.2.2018
Bewertung: sehr gut (7/10)

Website

Dass der Melodic Death Metal gerade wieder etwas Aufwind erlebt, lässt sich an der Zahl der Neuerscheinungen der Helden von damals ablesen, die nicht dem Verfall von In Flames gefolgt sein. Eine der absoluten Lieblingsbands meiner Jugend hat sich nun zu ihrem sechsten Studioalbum zusammengerauft, die Erwartungen sind also mehr als hoch. Nach den Krachern „Sylphlike“, „Towards the Twilight“ und vor allem „Thunderbeast“, das bei im CD Player fast kaputt gespielt wurde, gab es qualitativ einen Einbruch aufgrund experimenteller und unkreativer Exkurse im Fahrwasser des zeitweiligen Niedergangs des Genres in die Belanglosigkeit, was mich von NIGHT IN GALES etwas entfremdet hatte. Jetzt kehren sie zurück mit ihrem alten Sänger Christian Müller und der Legende Dan Swanö an den Reglern, was einen astreinen Sound verspricht.

Das Album startet mit dem Titeltrack „The Last Sunsets“, das nach einer Art Intro gleich in die Vollen geht. Dem Genre angemessen dominiert ordentlich Tempo mit einem doublebasslastigen Schlagzeug, das zwar schnell, aber nicht zu dreckig-roh gemischt ist. Darüber liegen flirrende harmonische Gitarrenläufe und in der Bridge eine melancholische Solo-Gitarre, die eine wunderschön schwärmerische Melodie beisteuert. Die Growls sind keifend und verleihen dem ganzen die nötige Härte. „Dark Millenium“ zeigt außerdem, wie die Westfalen den direkten Anschluss an die 90er gefunden haben: schnelle Gitarren aus dem Heavy-Bereich, gespickt mit Melodien und ein Vollgas-Schlagzeug, weichgespült durch den typischen glasklaren auf die Mitten konzentrierten Klinik-Sound wie des Fredman Studios in Göteborg. Wie der erste Track ist auch dieser zu schnell vorbei, was etwas von fehlendem Tiefgang zeugt. „The Mortal Sin“ lässt den Bass etwas mehr in den Vordergrund treten, der Drummer prügelt sich weiter tapfer durch sein umfangreiches Repertoire. Der Refrainteil nimmt etwas das Tempo heraus, was dem Song ganz gut steht und etwas Groove in die Sache bringt.

Nach dem instrumentalen Interludium „The Passing“ bewegt sich „Archictects of Tyranny“ eher im gemäßigteren Tempo und stolpert etwas durch verschiedene Rhythmuswechsel, die durch herrliche Melodiebögen verbunden sind, aber trotzdem etwas willkürlich aneinandergereiht wirken. Die Stärke des nächsten Tracks „The Abyss“ liegt definitiv wieder in den Bridges, die das Tempo etwas herausnehmen, grooviger und weniger hektisch wirken. „The Spears Within“ ist mit drei Minuten rekordverdächtig kurz und folgt damit dem atemlosen Muster der ganzen CD. „Circle of Degeneration“ und „Kingdom of the Lost“ erinnern mich tatsächlich das erste Mal an die alten Vorgänger Platten von NIGHT IN GALES, da sie etwas rauer, basslastiger und weniger hektisch gestaltet sind, die Melodien klarer und definierter sind, womit es auch möglich wird, etwas im Gedächtnis zu behalten. Nach einem weiteren akustischen Zwischenspiel „Cessation“ präsentiert „In Pain, In Silence“ ein grooviges Riff im Midtempo, das von einer verträumten Melodie untermalt ist, bevor es in den Doublebass-Part geht, der sogar ein bisschen blastbeatartig daherkommt. Der letzte Song „Dust and Form“ bleibt dieser Linie treu und hat sogar Zeit für ein Mini-Basssolo. Hier hört man wohl auch noch einen der Gastsänger der Platte: Mark Grewe (ex-Morgoth, Insidious Disease), Christian Mertens (Dark Millennium), und Martin Matzak (ex-Torchure) haben sich auf dem Silberling verewigt.

Insgesamt bietet die Platte Licht und Schatten. Pluspunkte gibt’s für den Verzicht auf unnötigen Firlefanz wie Synthies (okay, Intros und Zwischenspiele könnten auch vernachlässigt werden), den schön weichgespülten Melo Death Sound, die schönen Melodien in den Midtempo Parts und die Old School Doublebass. Was mir nicht so gefällt ist die Hektik und die Zufälligkeit der Aneinanderreihung der Riffs, denen Wiederholung und Struktur fehlt, um Ohrwurmcharakter zu erzeugen. Der zweite Teil des Albums überzeugt mich definitiv mehr als der erste. Alles in allem bin ich ein bisschen enttäuscht, weil es nicht so auf Anhieb knallt wie in den 90ern, aber um mal die Kirche im Dorf zu lassen, haben die Jungs ein wirklich solides Album abgeliefert.