DRIFTED APART - Dead Letters (Review)
DRIFTED APART - Dead LettersGenre: Melodic Death Metal
Label: Unsigned
Veröffentlichung: 18.02.2017
Bewertung: Sehr Gut (7/10)

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Lange lange ist es her, dass Dr. Pikatchu mit dem Reviewen von Alben aktiv war. Doch die Unterfangen mit denen er beschäftigt war, sind vollendet, die Welt ist gerettet und das internationale Syndikat zerschlagen. Der heutige Patient auf dem Review-Autopsietisch wurde an den SMW-Strand per Gesichtsbuch angespült und stellt sich freiwillig der analytischen Bemusterung zur Verfügung.

Der schweizer Patient heißt DRIFTED APART und wurde – soweit ich das mit meinem eingerosteten Französisch aus der Biographie entnehmen kann – im Jahre 2013 gegründet. Die Selbstdiagnose der fünfköpfigen Formation lautet ‚Swiss Modern Metal‘. Doch unvoreingenommen versuche ich mir ein eigenes Bild des Debütalbums ‚Dead letters‘ zu machen und schiebe die CD in die Anlage, während das Albumcover begutachtet wird.

Der erste Track ‚Fight For‘ läuft und entpuppt sich unüberraschenderweise mit 57 Sekunden als Intro. Tragende Ambient Geräusche im Hintergrund formen die Grundstimmung, während eine Akustikgitarre traurig vor sich hinspielt. Nach einer Weile steigt eine weiter Gitarre ein, sodass man hier schon von Progression sprechen kann. Irgendwann gibt es auch noch etwas Percussion dazu, bei der man zugeben muss, dass diese doch ordentlich Bums auf meinen Subwoofer drückt. Für ein Debütalbum einer Band ohne Label schon nicht schlecht. Aber so wirklich weiß man nicht was als nächstes kommt. Auch das CD-Cover ist eher Metal untypisch. Kein Blut, keine Leichen. Ein einsamer Spaziergänger, der über einen mit Laub bedeckten Platz flaniert. Könnte auch ein Jazz- oder Pop-Cover sein. Die Angst macht sich breit, dass irgendwann jemand auf dem Album mit klarem Gesang singen wird. Um aber den Puls etwas zu senken, sei hier angemerkt, dass dies zum Glück nicht der Fall ist. Nun denn… Hosenträger festschnallen und gucken was kommt.

Der zweite Track heißt ‚Liberty‘ und man fragt sich direkt, ob es Absicht oder Zufall ist, dass die Titel von Track eins und zwei zusammenpassen. Wahrscheinlich eher letzteres, da die beide Tracks nahtlos ineinander übergehen. Vier kurze Einzähler vom Drummer und die Rhythmusgitarre darf das Hauptriff vorstellen, welches sehr melodisch daherkommt. Eine verzehrte Gitarre dessen Charakter mir schon sehr bekannt vorkommt. Ich ahne wohin die Reise geht. Nun darf auch Rest der Crew einsteigen und der Hörer wird von doppelläufigen Gitarren, einem saftig schnittigen Bass, sehr sauberen Drums und dem obligatorischen ‚GO!!!‘ des Sängers begrüßt. Der Ersteindruck ist sehr positiv. Und während melodische Riffs und fast schon Breakdown ähnliche Parts sich die Türklinke in die Hand geben, versuche ich in den Archiven meiner Hirnwindungen herauszufinden, wo ich diesen Gitarrensound schon mal gehört habe. Und obwohl ich kein fanatischer Fan der Band bin, erkenne ich doch recht schnell, dass hier ein klarer Einfluss von IN FLAMES nicht abzustreiten ist. Im Laufe des Songs werde ich dann doch ganz warm mit dem Gesamtsound, der sich hier präsentiert und kann daher ein Lob an Produzent und Musiker aussprechen. Sauber gearbeitet und soundtechnisch gut auspoliert. Ich bin mir recht sicher, dass die Drums getriggert sind, aber in einem Maße, dass es nicht ÜBER-Triggert ist. Auch Sänger Sven liefert ab. Durchgehend geshoutet aber mal hier und mal da mit unterschiedlicher Stimmfärbung, was dem Ganzen eine sehr abwechslungsreiche Note verleiht und sich gut in die Riffs und Songstruktur einbindet. Insgesamt ist die Songstruktur und Abfolge von Riff sehr angenehm gestaltet. Am Ende wurde ich dann doch etwas überrumpel, als der letzte und wohl massivste Breakdown des Songs mit der Akustikgitarre eingeleitet wird. Da muss ich schon zugeben, dass die Jungs das Überraschungsmoment gut genutzt haben. Klingt am Anfang etwas unorthodox, entwickelt sich dann aber ganz gut weiter.

Einer meiner Favourites auf dem Album ist der Titeltrack ‚Dead Letters‘, der als viertes in der Playlist steht. Sehr imposant baut dieser sich auf mit einem schnellen, melodischen Riff in höheren Tonlagen, während die Rhythmusfraktion staccatohaft Akzente drüberschlägt wie Bud Spencer und Terence Hill Fäuste. Es folgt ein sehr geiler und fetziger Riff, den ich persönlich als Sprungbrett für ein noch Brutaleren Riff nutzen würde. Leider haben sich die Jungs da anders entschieden und lassen dann einfach ausklingen, gefolgt von unverzerrten Gitarrenmelodien und etwas Schlagzeug-Trara. Das nimmt leider den Wind komplett aus der Segeln, den sie sich gerade erst so schön erarbeitet haben. Dafür wird danach nur noch durchgeballert. Drummer Thomas lässt ordentlich die Doublebass Pedale arbeiten und begeistert mit Drumfills, wie man sie auch bei ihren Vorbildern IN FLAMES vorfinden könnte. Ein nettes Gitarrensolo setzt am Ende des Song noch die Kirsche auf die Sahnehaube und mündet mit einem sehr wirksamen Übergang im Chorus, der dann auch den letzten Couchpotato zumindest ein kleines Kopfnicken abringen sollte. Gut gemacht, weiter so!

Insgesamt liefern die Jungs eine sehr gelungene Mischung ab, die ich einfach als Melodic Death Metal ins Patientenbuch eintragen würde, mit dem Beisatz ‚eher Melodic als Death‘. Sehr hoch rechne ich den Herren von DRIFTED APART an, dass es nicht wirklich Cleangesänge gibt, vor allem weil einige Riffs doch schon dazu einladen. Ich persönlich finde aber, dass es dann in so eine Core-Richtung abdriften würde. Technisch gut umgesetzt und soundtechnisch gut verpackt, ist das ein sehr gelungenes Debüt. Die Schweizer haben also keinen Käse abgeliefert und somit freue ich mich auf weitere Veröffentlichungen und hoffe die Jungs mal live zu sehen.