COMPLETE FAILURE - Crossburner (Review)
Complete Failure -Crossburner 140x140Genre: Grindcore/ Punk
Label: Season of Mist
Veröffentlichung: 27.10.2017
Bewertung: Sehr gut (7/10)

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Die Formation aus Pittsburgh besteht bereits seit 2006 und bringt mit „Crossburner“ ihr viertes Album auf den Markt. Während die Gruppe also schon einiges an Erfahrung gesammelt hat, sage ich mal lieber im Vorhinein dazu, dass ich mich zum ersten Mal mit Grindcore auseinandersetze. Also, Kopfhörer auf und Lautstärke hoch:

Das war ein Fehler, mein Gehörgang explodiert -darauf war ich nicht vorbereitet: Es gibt keinen Intro-Song, nicht ein einziger ruhiger Takt vorweg. Stattdessen wird mit dem Song „Schadenfreude“ auf die erste Sekunde des Albums die volle Breitseite an Instrumenten und Shouting losgeballert. Hier trifft Arsch-Tritt-Musik auf In-Die-Fresse-Musik und zwar verfi*kt schnell!

Die Drums feuern das Off-Beat Maschinengewehr ab, das hier und da mit schnellen Breaks gespickt wird. Die Gitarre ist hingegen eine Spur langsamer, recht simpel und eher im Hintergrund. Dafür nimmt diese in einem zweiten Part durch gedrosselte Drums die dominante Rolle im Sound ein. Von da an geht das Tempo noch einmal radikal nach unten und auch die Shouts setzen einen Moment aus, nur noch leichtes Rascheln auf den Drums und ein paar verzerrte Töne von Gitarre und Bass. Die Ruhe scheint trügerisch. Überraschenderweise … passiert nichts: Die Instrumente und Shouts setzen zwar wieder ein, aber in geringerem Tempo und nicht vergleichbar mit dem anfänglichen Geballer des Songs. Im Hintergrund gibt es aber dafür noch einen ruhigen Sprechgesang, der dem Shouter quasi die Worte in den Mund legt. Mit dieser Talfahrt und dem Vers „You suffer from compassion“ (‚Du leidest durch Mitgefühl‘) klingt der Track überraschend ruhig aus.

Der zweite Song, „Bimoral Narcotic“, legt mit einer atemberaubend schnellen Intro los, wobei die Geschwindigkeit schnell in den Keller abfällt, dann aber wieder hoch geht. Die krassen Tempowechsel ziehen sich dann auch weiter durch. Die langsameren Parts sind schon fast ein wenig doomig. Außerdem sind die Gitarren etwas dominanter, aber nicht interessanter. Es entsteht durch die Riffs das Gefühl, als würde man sich im Kreis drehen. In Kombination mit den Tempowechseln entsteht eine wirklich unangenehme, zerrende Atmosphäre.

„Man-made Maker“ erspart den Hörenden die langsameren Passagen und ballert einfach 2:18 Minuten mit Voll-Speed durch. Hier entsteht schon fast der Eindruck, als könnten die Shouts mit der Geschwindigkeit der Instrumente kaum mithalten und würden eher hinterherhecheln. Eine langsame, durch aneinandergefügte Breakdowns eingeleitete Outro gibt es dann doch noch. Glücklicherweise wird die bedrückende Stimmung in diesem Track nicht so lange rausgezogen.

Aber zu früh gefreut: Die Outro geht in die Intro des nächsten Liedes mit dem griffigen Titel „Suicide Screed Of Total Invincibility“ über. Und hier wird der langsame, drückende und Nerven aufreibende Sound regelrecht zelebriert! Erst in der zweiten Hälfte des Tracks setzen dann bei immer noch geringem Tempo die Shouts ein. Es fühlt sich an, als würde man beim Hören in der Luft hängen und dort auch hängen gelassen werden bis der Song dann endlich gewalttätig langsam ausklingt.

Danach geht’s dann mit „I Am The Gun“ eher im Mid-Tempo weiter, aber nicht weniger bedrückend: stumpfe, zerrende Gitarren, die Drums eher im Hintergrund mit Beatdown Elementen. Letztere prügeln sich aber in der zweiten Hälfte wieder in brutaler Geschwindigkeit mit Blastbeats in den Vordergrund, um die Hörenden an die Wand zu fahren.

Die nächsten drei Songs, – „Rat Heart“, „Curse Of Birth“ und „Demise Of The Underdog“ – lassen in dem Manier dann auch weiter die Fetzen fliegen; bei einer Songlänge von jeweils unter zwei Minuten bleibt ja schließlich auch keine Zeit, um vom Gas zu gehen. „Fist First, Second To None“ dagegen spielt wieder mit Tempowechseln, glänzt aber auch nicht gerade durch Abwechslungsreichtum.

„Flight Of The Head Case“ setzt in Sachen Geschwindigkeit noch einen drauf, steigert sich im Song und aktiviert den absoluten Turbo. Trotz des Speeeeds scheint dieser Track im Vergleich zu seinen Vorgängern geradezu melodiös! Ja, ohne scheiß, die Musik hat hier verglichen zu den selbstzerstörerischen Sounds der anderen Lieder etwas gerade zu groovig Punkiges, fast schon Harmonisches! Zwar würde ich von dieser Sorte Geballer noch ein wenig mehr vertragen, aber gemäß des Genres ist der Spaß dann nach 01:11 Minuten auch schon wieder vorbei.

„Soft White And Paid For“ und „Oath Of Unbecoming“ dreschen sich wieder ganz im Stil der vorigen Songs durch die Spielzeit. Mit „Misuse Abuse Reuse“ wird es aber wieder langsam und mit einer klaren Sprechstimme statt Shouting wird den Hörenden dann noch mal das Ohr abgekaut. Mit der Wiederholung des wunderbar resignativ depressiven Verses „Truth is the only cure for happiness“ (‚Wahrheit ist die einzige Heilung von Glück“) wird man dann endlich in den letzten Song des Albums entlassen.

Der trägt den Titel „List With Names On It“ und geht natürlich noch mal richtig zur Sache. Schnell, aggressiv und tatsächlich in den Gitarrenriffs etwas abwechslungsreicher als die Vorgänger. Wie im ersten Song geht auch hier etwa in der Hälfte das Tempo nach unten und Anstelle einer erneuten Geschwindigkeitsaufnahme fällt das Tempo gegen Ende noch weiter ab, womit der Song schließlich ausklingt.

Also dieses Album ist ein ganz schönes Brett! Es herrscht fast durchgängig eine absolut bedrückende und am Gehörgang zerrende Atmosphäre -auch in den langsameren Passagen-, die dazu einlädt, sich mit eben diesem Brett den Schädel einzuschlagen. Ab und zu lädt der aggressive Sound dann aber auch dazu ein, mit diesem Brett auf etwas anderes als sich selbst einzuprügeln. Von letzterem hätte ich sound-technisch gerne etwas mehr gehabt. Außerdem klang es meiner Meinung nach ein bisschen so, als würden sich viele musikalischen Motive häufig wiederholen. Und auch wenn die Bezeichnung ‚Punk‘ es rechtfertigt, nur drei Akkorde auf der Gitarre zu spielen, könnten die drei Akkorde doch ab und zu mit ein bisschen mehr Varianz kombiniert werden. Ich akzeptiere aber das Ganze mal als von der Band beabsichtigt – in dem Sinne ist das Gesamtkonzept überaus stimmig und sehr überzeugend! Nichtsdestotrotz war die Auseinandersetzung mit „Crossburner“ für mich persönlich eher ein Nervenkampf. Aber diejenigen unter euch, die auf den Sound der Selbstzerstörung stehen, liegen mit diesem Album auf alle Fälle goldrichtig!