KASSEL HEART ATTACK 2018 – Der Festivalbericht

Heart Attack 2018_Flyer

Zum sechsten Mal wird in Kassel die HEART ATTACK zelebriert; dieses Jahr mit den internationalen Acts ZEKE, THE KENDOLLS und THE GUILT. Das Ganze findet im Kulturzentrum K19 statt, ist ausverkauft und strotzt nur so vor Eskalationspotenzial!

Vorne weg muss erst einmal gesagt werden, dass die KASSEL HEART ATTACK, veranstaltet vom ‚Kasseler Punkrock Kollektiv e.V.‘, mehr ist als ein einfaches Tagesfestival, was schon am Publikum deutlich wird: Von den knappen 200 Gästen zeichnen sich gut 90% durch die charakteristischen Kutten als Mitglieder der Turbojugend, Fanclub der norwegischen Band Turbonegro, aus. Und durch die grandiose (internationale) Vernetzung der einzelnen Fanclub-Chapter ist die KASSEL HEART ATTACK keineswegs ein regionales Event – das Publikum kommt aus allen Himmelsrichtungen, auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinweg!

Den musikalischen Anfang bestreiten die Lokalmatadore SUB-URBAN DEATH mit einer ordentlichen Portion Hardcore. Der Großteil der bereits vorhandenen Menge sucht noch eher schüchtern die Distanz zur Bühne. Einige Fans zeigen aber auch mit gelegentlichem Moshen und Violent Dancing vollen Körpereinsatz. Mit etwas schrammeligen Sound und vielleicht etwas zu leisen Gitarren ballern sich die Kasseler Jungs ihren Weg mit Vollgas statt mit langem Gelaber durch die kurze Spielzeit. Das Publikum haben sie dann spätestens beim vorletzten Song vollends auf ihrer Seite, als sie „Denim Demon“ der bereits erwähnten Norweger Turbonegro covern. Der Refrain wird natürlich textsicher von den Fans ins Mikrophon gegrölt, dass ihnen Sänger Christian freudig hinhält. Mit ihrem letzten Song steigern SUB-URBAN DEATH die gute Laune dann zur Abrisspartystimmung, indem sie ein Cover von „Fight For Your Right“ der Beastie Boys auftischen.

Nach der ersten Show wird sich erst einmal die Zeit genommen, ein Gruppenfoto mit allen Gästen zu schießen. Dabei skandiert die Menge lautstrak und ohne Abbruch den wunderbar eingängigen Vers „I got erection“ von Turbonegro. Bei dieser Party liegt definitiv ein Knistern in der Luft!

Als nächstes kommt das Duo THE GUILT aus Schweden auf die Bühne und zwar mit überwältigender Energie und Präsenz! Ihre Musik scheint außerdem genau den Nerv des Publikums zu treffen. Der Lazer-Punk, wie die beiden ihre Musik nennen, ist laut, wütend und tanzbar – die Menge bleibt bis zum Schluss nicht still stehen. Auch die Band ist in permanenter Bewegung; teils sieht es gar nach Gymnastikbewegungen aus. Außer Atem scheint Sängerin Emma allerdings davon nicht zu geraten, denn ihr Gesang ist stets kraftvoll genug, um die in-die-Fresse-Attitüde zu servieren. In Sachen Gymnastik verblüfft dann auch noch Gitarrist Tobias, als er einen Spagat bis zum Anschlag durchzieht und über die Dauer des restlichen Songs hält. Das offensichtlich von der Musik und der Show begeisterte Publikum lässt sich dann auch nicht mehr von ein paar Knack-und Quietsch-Geräuschen im Sound oder der etwas zu kratzigen Gitarre beeindrucken. Die Kombination aus Lust auf Party und Hingabe zur Wut machen den Auftritt definitiv zu einem besonderen Erlebnis.

Anschließend darf sich das Publikum über die Comedy-Performance vom ‚Adler Horst‘ freuen. Diese besteht zwar überwiegend aus Flachwitzen, nichtsdestotrotz ist der Saal gut gefüllt und die Mehrheit scheint sich zu amüsieren. Ansonsten bietet auch noch die liebevoll gestaltete ‚Korn-Cocktailbar‘ die perfekte Möglichkeit, sich mit einem leckeren ‚Korn On The Beach‘ etwas Humor anzusaufen.

Weiter geht es dann mit THE KENDOLLS und ihrem furiosen Punk’n’Roll. Sie eröffnen ihr Set mit dem Song „Black Sunday“: Ein langsam rollendes Gitarrenriff, das nach und nach durch die einsetzenden Drums zu einer Geschwindigkeitssteigerung getrieben wird. Das Publikum scheint mit Gänsehaut und angehaltenem Atem auf den bevorstehenden Knall zu warten. Und dann scheppert es: volle Power an den Instrumenten und kein Halten mehr bei den Fans. Die Band überzeugt übrigens nicht nur mit großer Energie auf der Bühne, sondern auch davor: Sänger und Gitarrist Oskar springt mehrmals in die Crowd, um sich beim Spielen noch ein wenig im Moshpit zu vergnügen. Um das Ganze dann auf die Spitze zu treiben, klettert er auf den Tresen, springt kopfüber in die Menge und surft auf ihr zurück zu den Bandkollegen. Apropos Bandkollegen: Eine sympathische Ansage kommt dann noch vom Bassisten in gebrochenem Deutsch: „Ich..liebe…Durchfall.“ Mit einem hämischen Grinsen scheint er die kurze Verwirrung des Publikums zu genießen. Dieser kurze Aussetzer beeinträchtigt aber genauso wenig wie ein kurzes und ruhiges Zwischenspiel die Begeisterung der Fans, sodass ausgelassen und wild zu den Songs, die überwiegend vom aktuellem Album „Autonomania“ stammen, weitergerockt wird.

Bevor es schließlich Zeit für den Headliner des Abends wird, gibt es noch eine kleine Performance auf der Bühne. Im sexy Lack-Krankenschwesterkostüm tritt ein Male-Stripper ins Rampenlicht und dieser ist nicht etwa engagiert, nein, er stammt aus den Reihen des Organisationsteams! Das ‚Kasseler Punkrock Kollektiv‘ ist sich offensichtlich für nichts zu schade, um eine unvergessliche Party auf die Beine zu stellen! Während dieser sich dann bis zum Anschlag nackig macht, bekommt die Menge die Möglichkeit, kostenlosen Pfeffi aus überdimensionierten Spritzen zu schlabbern. Verrückt!

Den Musikalischen Höhepunkt bildet die Speedrock-Legende ZEKE aus den U.S.A.. Mit unfassbarer Lautsträke ballern die Jungs los und auch im Moshpit wird direkt an Härte zugelegt. Durch die brutale Geschwindigkeit der Songs gelingt es spätestens jetzt niemandem mehr, den Körper still zu halten. Die Jungs von ZEKE hingegen wirken eher ein wenig statisch und auf die Instrumente konzentriert. Allerdings ist die Menge dafür umso interaktionsfreudiger: Einige Fans greifen mehrfach den Mikrophonständer samt Mikro von Bassisten Kurt von der Bühne, sodass die Chorus-Parts von der grölenden Crowd übernommen werden; die Band scheint es nicht zu kümmern. Apropos Gesang – ab und an hätten die Vocals von Frontmann Blind Marky noch einen Ticken kräftiger sein können. Dafür war diesmal die Lead-Gitarre noch ein bisschen hervorstechender als noch bei THE KENDOLLS und auch der restliche Sound war trotz der enormen Lautstärke wunderbar abgemischt. Die Jungs sparen sich übrigens während der gesamten Show jegliche Songansagen; wofür auch, wenn man in der Zeit stattdessen drei Tracks runterprügeln kann und Songtitel wie „Drunk“ und „Wanna Fuck“ wunderbar für sich selbst sprechen. Die Songauswahl deckt relativ ausgewogen die alten und das neuste Album ab, hauptsache verfickt schnell. Ich deute mal das massenhafte Verspritzen von Bier im Publikum als positives Feedback der Crowd.

Die After-Show-Party zieht sich beflügelt von den Auftritten der Bands bis in die Morgenstunden zu einer gemischten Songauswahl aus Rock und Pop. Als zusätzliche Raumdeko schmücken nach und nach die Bierleichen den Saal und träumen wahrscheinlich schon von der ‚Heart Attack 2019‘.

Die ‚Kassel Heart Attack‘ überzeugt auf alle Fälle: Die Bandauswahl besticht durch Abwechslungsreichtum, wobei alle Bands auf ihre Weise mehr als ordentlich scheppern und Gas geben. Über die kleineren Unfeinheiten im Sound lässt es sich problemlos hinwegsehen, ist ja schließlich Punkrock. Die liebevolle Gestaltung der gesamten Veranstaltung samt der Comedy- und Striptease-Performance, der Korn-Cocktailbar und einer Fotoshooting-Area für Spaßfotos zeigt außerdem, dass es neben dem gemeinsamen Abrocken auch einfach ums Zusammenkommen und das gemeinsame Feiern geht. So ist die Stimmung die ganze Zeit über ausgelassen und das Feedback durchweg positiv. Dazu ist eigentlich nichts weiter zu sagen; was für eine abgefahrene Nacht…

Bildrechte: Annika Zech / Klangfarbe Konzertfotografie. Vielen Dank dafür!