ROCK AM HÄRTSFELDSEE am 29./ 30.7.2018 (Festivalbericht)

Das kleine, aber feine Festival im baden-württembergischen Dischingen, idyllisch gelegen am Härtsfeldsee, gibt es bereits seit 1997 und existiert also ebenso lang wie das nicht sehr weit entfernt stattfindende Summer Breeze. Im Gegensatz zu diesem riesigen Festival ist das Rock am Härtsfeldsee stets schnuckelig und übersichtlich geblieben. Sowohl die Camping- als auch die Parkplatz-Situation sind dementsprechend entspannt, wie auch die meisten der Securitys, die ab und an sogar zu einem kleinen Plausch aufgelegt waren. Auch die sanitären Anlagen übertreffen den üblichen Festivalstandard. Weiterhin ziemlich entscheidend: Das Bier kostet nur 2,50 Euro! Unglaublich, nachdem ich doch erst vor wenigen Wochen in München fünf Euro für das Hopfengetränk auf dem Rockavaria zahlen musste! Und nach anfänglichen Jägermeisterschwierigkeiten gabs auch den für unglaubliche 1,50 Euro – für manchen vielleicht der Anfang vom Untergang. Das Publikum war wie immer breitgefächert, nicht nur, was den Musikgeschmack angeht, sondern auch in der Altersspanne. Ansonsten gabs genügend an Essensauswahl im oberen Preissegment, aber für jeden was dabei. Insgesamt ist das RAHS ein gemütliches Festival mit Seeanschluss, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Allerdings war es auch schon wie die Vorjahre im Vorfeld bereits komplett ausverkauft.

Freitag

Selbst dem arbeitenden Volk wurde es am Freitag ermöglicht, nach dem Feierabend die erste Band zu hören, die erst um halb sechs startete. Die Jungs von XPLICT aus Schwäbisch Gmünd hatten also den schweren Opener Slot, bei dem sich noch nicht allzu viele Rocker vor die Bühne trauten, sondern vermutlich noch Zelte aufbauen, Vorglühen oder Baden am 500 Meter entfernten See waren. Die Jungs gaben trotzdem alles, zockten sich durch ihr halbstündiges Set und ließen sich die Laune nicht verhageln. Draußen war es zugegebenermaßen etwas angenehmer als im stickigen Zelt, auch wenn dieses nach drei Seiten offen war. Aber natürlich konnte man auch von draußen um diese Zeit etwas sehen. Die Karlsruher von GRIZZLY, die sich selbst Pop-Punker nennen, versuchten mit ihrem modernen Metalcore (meine Interpretation), die Aufmerksamkeit der jungen Metaller zu wecken. Zumindest kam mit dem Sextett etwas Bewegung auf die Bühne, die zwei Sänger wirbelten jedenfalls mächtig über die Bretter. Dies kam natürlich bei den Jüngeren gut an, die Altrocker hielten sich derweil an der Theke auf. Als nächstes steigerten die Piraten von MR HURLEY UND DIE PULVERAFFEN die Partystimmung mit ihren Seemannsliedern, gespielt u.a. auf einer klassischen Quetschn. Bis dahin war die Temperatur bereits auf Bierdurschthöhe gestiegen und der Sound verlor sich schon etwas im Hochdruckwetter und der Nebelmaschine. Aber wer bei Songs wie „Blau wie das Meer“ nicht ein bisschen Lust aufs Mitsingen hat, an dem ist die Stimmung wohl vorübergegangen. Die Band fand auf jeden Fall genügend Anklang. Nach dieser Spaßband wurde es etwas ernster und düsterer um die Hamburger LORD OF THE LOST, die ihren Dark Rock in eine fulminante Bühnenpräsenz verwandelten. Die Band, wie immer in schwarzes Leder gekleidet und weiß geschminkt, zog die Zuschauer mit ihrem keyboardlastigen Metal á la Type O Negative, Sentenced oder auch End of Green in ihre Tiefen. Zwischen den Nebel- und Dunstschwaden konnte man die LED-illuminierte Gitarre von Sänger Chris „The Lord“ Harnes aufleuchten sehen. Der Auftritt stand zwar stark im Kontrast zum Rumblödel Sound von vorher, baute aber bereits die Brücke zum erste Headliner des Abends, den Mannen der Kultband ICED EARTH. Auch wenn der Sound bis dato absolut solide war, konnte man an manchen Stellen im Zelt den Gesang von Stu Block fast nur erahnen, so dass wir uns alle derweilen schwertaten, sogar die Kracher mitzusingen, wie z.B. „Burning Times“, den sie gleich als zweiten Song raushauten. Da ihr Auftritt zu ihrer aktuellen „Incorruptible Tour“ gehörte, konnten sie über 12 Songs in einer guten Stunde Bühnenzeit spielen und präsentierten sowohl „Black Flag“ als auch „Raven Wing“ von ihrer neuen Scheibe, aber auch „Dystopia“ vom gleichnamigen Album. Der Fokus lag also nicht auf den ganz alten Knallern, sondern eher auf der letzten Dekade. Den Ausklang bildete das balladenartige und gänsehautmomentige „Watching over Me“. Die Akustik im Zelt war wohl für diesen Auftritt nicht optimal, nichtsdestotrotz wurden die Metaller frenetisch gefeiert. Den letzten Act des Abends boten die Routiniers von TESTAMENT, die das Zelt von Anfang an gut im Griff hatten. Die Thrasher haben zwar im Moment nichts Aktuelles veröffentlicht, können aber natürlich immer genügend Hits vorweisen, mit denen sie die Meute zum Mitgrölen animierten. Auf der Setlist waren sowohl der Titeltrack ihrer letzten Veröffentlichung „The Brotherhood of The Snake“, als auch Klassiker wie „Low“ oder „Into the Pit“ und „Practice What You Preach“. Die US-Amerikaner bildeten damit einen würdigen Abschluss dieses ersten Tages am Härtsfeldsee.

Samstag

Für ein Festival begann der Samstag auch erst wieder um halb sechs, aber wahrscheinlich waren die Camper eh den ganzen Tag über am See (zugegeben, wir Heimschläfer waren bis zum Nachmittag auf der Couch). An diesem Tag waren zwar die Temperaturen nicht anders als am Vortag, aber es war wesentlich angenehmer im Zelt, das ja nicht nur vor Regen, sondern auch vor Sonne schützen soll- ein Luxuszugeständnis an das betagtere Publikum, was ganz nach unserem Geschmack ist. Erste Band des zweiten Tages waren die Münchener Metaller von TENSIDE, die die undankbare Aufgabe des Aufweckers übernehmen mussten. Aber dafür ist ja der Vorschlaghammer eine geeignete Methode, den die Jungs dann auch ordentlich auspackten. Bis vor die Bühne verirrten sich zwar keine Menschenmassen, aber genügend Zuhörer fanden sich auf dem Areal allemal, auch wenn die Bayern tatsächlich etwas zu früh angefangen hatten. Um auf die richtige Temperatur für die nächste Band zu kommen, mussten wir noch ein paar Runden an der Bar einlegen, um dann unseren geheimen Favouriten des Wochenendes zu feiern. TURBOBIER halten ja stets, was sie versprechen und spielten in einer halben Stunde tatsächlich alle unsere Lieblingssongs, wie „I hoss alle Leit“, „Fußboiplatz“, „Arbeitslos durch den Tag“ oder „Insel muss Insel bleiben“. Aber selbst den kleinen Fauxpas, das anwesende Publikum im benachbarten Bayern zu begrüßen, blieb ohne Konsequenz, so dass die Österreicher von den kundigen Anwesenden lauthals gefeiert wurden. Auch aus dem heiligen Festament wurde vorgelesen, und die Rocker wurden daran erinnert, Bier nicht zu mischen oder das nächste Bier zu begehren. Auf die nächste Band musste etwas gewartet werden, was wahrscheinlich der Technik geschuldet war. Die Laune der Band litt zwar ein bisschen darunter, aber ANNISOKAY zockten trotz allem ihr Set herunter. Die Sachsen kamen natürlich vor allem beim jüngeren Publikum mit ihrem Post Hardcore an, die sich zahlreich in den ersten Reihen tummelten. Die betagteren Rocker dagegen fand man zu diesem Zeitpunkt vor allem am Bierstand oder beim Essen. Dies änderte sich allerdings bei der nächsten Band. Die Routiniers von DEATH ANGEL kamen wenig überraschend gut beim Publikum an mit ihrem räudigen Thrash Metal und Songs wie „Father of Lies“ oder „Lost“. Gepflegter Metal zu einem gepflegten Bierchen. Vor die Bühne sind wir erst wieder, nachdem BETONTOD ihr Set schon fertig gespielt hatten – leider verpasst! Aber wir haben durchaus positive Rückmeldungen vernommen. Zum eigentlichen Headliner des Festivals waren dann aber fast alle noch Stehenden versammelt und wurden nicht enttäuscht. ACCEPT sind wie einige andere Bands dieses Wochenendes auch einfach Urgesteine, an denen man nicht vorbeikommt. Mit den noch relativ neuen Musikern Lulis und Williams an Board ist die Solinger Konstante ein absoluter Klassiker, mit Hoffmann und Baltes von der Urbesetzung als Unterbau. Während ihr ehemaliger Sänger Udo gerade unter dem Banner Dirkschneider weiter durchstartet, beweist Tornillo ein weiteres Mal, dass er mehr als nur ein Ersatz ist. Zu Beginn wurde unter dem frenetischen Applaus des Publikums das Schlagzeug enthüllt. Neben einem passenden Backdrop im Military-Style lag der Fokus vor allem auf der Bühnenshow der einzelnen Musiker, die ihren Spaß am Spielen mit Songs wie dem neueren „Die By The Sword“, dem Klassiker „Princess of the Dawn“ oder „Metal Heart“, „Midnight Mover“ und „Pandemic“ vom 2010er „Blood of the Nations“.

Beschwingt von diesen Ohrwürmern feierten die Die Hard Fans noch eine Weile vor dem Bierstand und blickten auf ein gelungenes RAHS zurück, das absolut stressfrei ablief.