THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA – Sometimes The World Ain’t Enough
1000x1000Genre: Classic Disco Rock
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 29.6.2018
Bewertung: Klasse (8/10)

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Dass eine derartige Scheibe in meinem Repertoire landet, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Mitglieder dieser Soupergroup allesamt aus dem Metal-Bereich (Soilwork, Arch Enemy u.a.) und einer Schnapsidee im Tourbus stammen – aber mit Death Metal hat das hier natürlich überhaupt nix zu tun. Demzufolge betrachte ich das Ganze auch mit einem sehr großen Augenzwinkern. Die letzte Platte „Amber Galactic“ landete schon für den letzten Skandinavien-Urlaub auf meiner Playlist, denn gute Laune verbreitet der Sci-Fi-Captain-Future-Sound allemal. Es ist ja nichts Neues, dass sich Mitglieder von Metalbands in anderen Genres austoben, um einen Ausgleich in ihrem Songwriting zu finden. Dass auf diesem Album Profis am Werk sind, merkt man natürlich am Songwriting, das zwischen eingängigen und singbaren Ohrwurmrefrains, witzigen Textzeilen und anspruchsvollem musikalischem Können changiert. Die Tracks leben natürlich von Mastermind Björn Speed Strid, der eben nicht nur wie bei SOILWORK growlen kann, sondern auch mit seinem zarten, aber powervollen Stimmchen unverwechselbar trällert. Die Songs bieten Platz für jedes Instrument, beinhalten genügend Soli, groovig-jazzige Basslines, Keyboard- und Synthiespielereien, wie auch die obligatorischen female backing vocals von den auf den Covern als Stewardessen gekleideten Mädels. Bezeichnend für das angestrebte Genre ist auch, dass die Release-Show im ABBA-Museum, den großen Vorbildern der Band, in Stockholm stattfand. Damit ist dann auch die musikalische Orientierung klar abgesteckt – Classic Rock der 70er und 80er Jahre im kleine Clubs-Stil.

Auf dem aktuellen Album gibt es zwölf Tracks, die nicht alle gleich viel Hitcharakter haben – allerdings entwickelt sich dieser manchmal auch erst beim zweiten oder dritten Anhören. Der erste Track „This Time“ wurde vorher schon als Single ausgekoppelt und das zu Recht. Er knüpft nahtlos an den Captain Future Style von „Amber Galactic“ an, gespickt mit orchestral-dramatischem Keyboard, treibenden Rhythmen und gesanglichen Kapriolen von Speed inklusive einem catchy Refrain, Disco-Tempo stets hochgehalten. Hier soliert das Piano-Keyboard, wie auch die Gitarre ausführlichst. Auch „Turn To Miami“ erinnert an Filmmusik der 80er wie – surprise, surprise – „Miami Vice“ oder „Knightrider“: insgesamt großes Kino also, mit viel Pathos, Übertreibung, Spezial-Effekten und genügend Platz für Soli. „Paralyzed“ präsentiert sich groovig mit viel Disco-Bass im Vordergrund und schnulzigen Liebes-Lyrics von Björn Strid in seinem feinen weißen Anzug und Baskenmütze – die ja aufgrund fehlenden Headbangens nicht verloren gehen kann. Ein absoluter Knallersong (-> Playlist). Der Titeltrack „Sometimes the World Ain’t Enough” startet schon mit einer catchy Line á la Europe, erinnert im Refrain tatsächlich etwas an Soilworks ruhigere Tracks. „Moments of Thunder“ dagegen kommt recht cheesy daher, hier wurde schon mächtig weit ausgeholt, das Tempo ist fast zu gemächlich und funktioniert als Discomusic nicht so gut.

„Speedwagon“ zieht dagegen das Tempo wieder an und ist ein weiterer meiner Favoriten, da der Refrain mehr als catchy ist, aber ohne bombastische Keyboards auskommt. „Lovers in The Rain“, auch eine Vorab-Singleauskopplung fällt dagegen wieder unter die Kategorie kitschig und wandelt auf einem ganz schmalen Grad zwischen schlimm und nach vier Bier witzig. Der Song ist mir – auch mit den Piano-Keyboards – echt zu arg und zu wenig rockig. „Can’t be That Bad“ ist wieder etwas rockiger, „Pretty Thing Closing In“ und „Barcelona“ sind wieder in der Disco-Schiene, was der Band am besten steht. Der Mitsingfaktor darf hierbei natürlich nicht unterschätzt werden. Der ist bei „Winged and Serpentine“ auf jeden Fall ebenfalls aktiv. „The Last of the Independent Romantics” fährt noch einmal fast zehn Minuten Spielzeit auf und räumt jedem Musiker noch einmal Raum ein.

Vermutlich kann man das Album als Fan des härteren Metals nur mit einem Kultfaktor feiern, über den Tellerrand in andere Genres geblickt beweisen die Routiniers des Death Metals hier, dass sie unfassbar gute Musiker und Songschreiber sind, und man seine Wurzeln ausgiebig feiern sollte. Nicht alle Songs haben Playlist-Potenzial, und ob sie an Knaller wie „Stiletto“ und „Gemini“ hinreichen, die bereits jetzt absoluten Kultstatus erreicht haben, wird sich erst noch zeigen.