COLDBOUND – The Gale
51F1yvxBQcL._SS500Genre: Melodic Death Metal
Label: Eigenproduktion
Veröffentlichung: 15.7.2018
Bewertung: sehr gut (7/10)

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Metal steht ja in Skandinavien an der Tagesordnung wie bei uns Schlager, in Finnland ist er Volksmusik Nummer eins, nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Metalbands pro Einwohner. Woher die Inspiration stammt, wird jedem klar, der diese Gegend mit seiner einzigartigen Natur und Abgeschiedenheit einmal besucht hat. Nicht nur im Norden erfüllen sich die Klischees von einsamen Wasserfällen, Nordlichtern, endlosen Nächten und Elchen. Da aber der Musikmarkt immer schwieriger wird, sprießen immer mehr Eigenproduktionen aus dem Boden, und mit der modernen Technik werden auch Ein-Mann-Projekte machbarer. Nach drei Alben im Black Metal Bereich wagt sich Pauli Souka von COLDBOUND in das Nachbargenre des Melodic Death Metal, das genauso vielfältige Nuancen zu bieten hat. Wie seine Landsmänner von etwa INSOMNIUM schwingt eine deutliche Melancholie in den Songs mit, die sich in einer doomigen Spielart des Death Metals äußert. Auch typisch finnisch präsentieren sich die reichhaltigen, wenngleich nicht immer aufdringlichen Keyboards auf der Platte.

Der erste Song trägt im Titel Ortskoordinaten und beginnt zunächst mit meditativem Wassergeplätscher, bevor die Gitarren in Midtempo einsteigen, begleitet von einer unablässigen Doublebass. Das Tempo auf „The Invocation“  ist verhalten und präsentiert die dunklen rau-gurgeligen Vocals. Er erinnert damit an die Doom Death Größen der 90er wie Tiamat oder Amorphis. Die Gitarren erzählen die Melodie, rücken aber angesichts des dominanten Gesangs an zweite Stelle, die Keyboards hallen leicht im Hintergrund. „Endurance Through Infinity“ gibt sich ähnlich spielfreudig und melodisch, der Sound ist ausgewogen und wenig basslastig. Die Songstrukturen ergeben einen komplexen Song, besonders da die Systematik nicht einem Grundmuster folgt. Die Gesangslinie folgt im Großen und Ganzen den einzelnen Tönen der Lead-Gitarre.

Thematisch beschäftigt sich die Platte angemessenerweise mit den düsteren Seiten des Lebens und der menschlichen Persönlichkeit, die täglichen Irrungen ausgesetzt ist. Dies spiegelt sich in der melancholischen Grundstimmung der musikalischen Arrangements.

„My Solace“ spielt zu Beginn mit einer Melodie, die sich kanonartig wiederholt und gleichzeitig variiert wird, bevor eine Flüsterstimme einsetzt, die auf minimalistischen Gitarren- und Schlagzeugtönen ruht und sich dann mit den schwereren Gitarren und Growls abwechselt. Der Titelsong „The Gale“ zieht das Tempo ordentlich an und wirft mächtig Schlagzeug in die Waagschale, untermalt von fast wütenden Growls. Die Gitarren bleiben dennoch  ruhig und melancholischer Natur, ebenso wie das recht dominante Keyboard, das die Basslinien zu sehr überdeckt. Der Rhythmus wird in der Mitte kurz unterbrochen, und die Gitarren rücken etwas nach vorne, ebenso wie ein klimperndes Keyboard. Die Stärken des Songs liegen in den treibenden Passagen, die die Leadgitarre ins Rampenlicht rückt. „The Eminent Light“ drosselt das Tempo wieder und präsentiert etwas dissonante weibliche Vocals, die nicht so recht zur Melodie des Songs passen. Auch hier überdeckt das Keyboard teils zu stark die Gitarren.  Ansonsten verströmt auch dieser Track einen recht meditativen Charakter, der eine idyllische, friedliche und unzugängliche Landschaft transportiert. „Winters Unfold“ greift auf das bewährte Schema zurück, ohne sich zu wiederholen. Die Melodie basiert auf unkomplexen Riffs, die aber durch kleine Variationen ein großes Ganzes ergeben und repetitiv sind ohne zu langweilen, das Tempo variiert im Midtempo-Bereich. „Shades Of Myself“ bringt die Thematik des Albums auf den Punkt: Die Reise zum Mittelpunkt des Ichs in all seinen Facetten. „Towards the Weeping Skies“ schließt das Album in nachdenklicher Art und Weise, aber nicht ohne die nötige Härte. Das obligatorische Outro schließt den Bogen zum Wasserplätschern am Anfang.

Insgesamt kann das vierte Werk des Finnen vor allem mit den klaren Lead-Gitarren Melodien und seinen starken Growls überzeugen. Dagegen fühle ich mich hier wieder in meiner Abneigung gegenüber Keyboards bestätigt, die ihren Teppich über gelungene Handwerkskunst legen. Die Spielereien sollen wohl für Abwechslung dienen, aber auch einfache Riffs können den Hörer völlig ohne Schnörkel überzeugen. Der Sound ist überraschend ausgewogen und clean, die Drums vielleicht einen Tick zu dumpf. „The Gale“ ist ein Album, das die Kreativität an einem trüben Spätsommertag anregen könnte.