MOTOROWL - Atlas 
Motorowl_Atlas_CoverGenre: Psychedelic Doom Rock
Label: Century Media
Veröffentlichung: 27.07.2018
Bewertung: Klasse (8/10)

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Das Quintett aus Leipzig bringt mit „Atlas“ nach „Om Generator“ ihre zweite Platte an den Start und eingefleischte Fans werden das Album mit Sichheit gespannt erwarten. Ich kann allerdings erstmal mit der Genre-Bezeichnung ebenso wenig anfangen, wie mit dem Cover mit gewissem Retro-Charme. Und tatsächlich ist die erste Hörprobe für mich noch eher befremdlich. Aber mit jeder Wiederholung des Albums steigert sich der Zugang zur Musik:

Der erste Track, „Infinite Logbook“, beginnt ohne Umwege mit einem saftig groovigen Sound im hohen Tempo, der direkt zum Haare-Schütteln einlädt. Ehe man sich versieht, werden die im Vordergrund stehenden Gitarren durch den synthetischen Sound des Keyboards ergänzt und die Assoziationen in den Outer Space geschickt. Das Motiv wird runter gebremst und mündet in einer kurzen, doomig melancholischen Strophe mit seichterem Klang, wobei die Atmosphäre nicht zuletzt durch die leidenschaftliche Stimme von Frontmann Max Hemmann getragen wird. Mit dem Anheben des Gesangs geht auch wieder das Tempo hoch und das vorige Motiv zischt durch die Lautsprecher und so zieht sich der Song weiter durch die unterschiedlich schnellen Motive, aber immer mit harmonischen Übergängen. Auch ein gediegenes, klares Gitarrensolo findet noch Platz und fügt sich ebenso wie die entspannte Outro wunderbar in das Gesamtkonzept des Songs ein.

Mit „The Man Who Rules The World“ geht es düster weiter, wobei die Melodie abwechselnd von einem elektronischen Orgel-Sound und schweren Gitarrenriffs angeführt wird. Der fast schon wehklagende Gesang hat hier eine Tendenz zum Dissonanten, was die Stimmung noch ein bisschen drückender gestaltet. Nach dem ersten Refrain startet eine aggressivere Bridge, die von wabernden synthetischen Klängen dominiert wird. Allerdings gönnt sich der Track dann noch mal eine ruhige Passage mit schmachtenden Vocals, um schließlich zum finalen Schlag an den Instrumenten auszuholen. Auf jeden Fall sehr stark, wie die düstere Stimmung und Anspannung auch in den ruhigen Parts aufrecht gehalten wird und damit die lauteren Motive ergänzt werden!

„Atlas“ startet mit einem langen Intro. Gediegene Orgelklänge, die sich hier weniger synthetisch anhören, bahnen sich gemächlich den Weg, bis sie schließlich nur noch im Hintergrund der restlichen Instrumente zu hören sind und das Tempo nach oben geht. Auch hier wird in der Strophe wieder vom Gaspedal gegangen, sodass der Klang mit den breiten Vocals im Vordergrund steht. Der Refrain geht straight vorwärts, wobei er wieder von einem weniger aufbrausenden Bridge abgelöst wird, die von synthetischen Keyboard-Sounds bestimmt wird. Es klingt fast so, als würde hier ein Theremin zum Einsatz kommen. (Dieses Instrument, bei dem die Töne ganz ohne Berührung durch die Bewegungen der Hände in einem elektromagnetischen Feld erzeugt werden.) Das ganze wird wiederum von dem bereits bekannten Motiv mit wuchtigem Sound abgelöst, welches im finalen Refrain mündet. Bis ich diesen Song gehört habe, wusste ich nicht, dass sich Orgelklänge aggressiv anhören können; ich bin beeindruckt und gleichzeitig ein bisschen perplex.

Perplex ist auch das richtige Stichwort für „To Give“: Der Song startet mit lässiger Melancholie und baut sich stimmungsvoll auf, legt an Tempo zu und ist bis zur Hälfte richtig packend. Dann kommt allerdings ein Zwischenspiel, dass so gar nicht zu passen scheint. Der Sound schlägt in höhere Klangfarben um, die elektronische Orgel kommt wieder zum Einsatz und es klingt schon fast ein wenig funky. Die Rhythmus-Gitarre macht den Helicopter, hohe Geräusche wabern ins Geschehen und ehe man richtig fassen kann, was da eigentlich gerade passiert, findet man sich im vorigen, melancholischen Motiv wieder, das den Song zu Ende führt. Ich muss sagen, gerade dadurch, dass mich der Song eher verwirrt zurücklässt, übt er einen eigentümlichen Reiz aus.

Die Lieder „To Take“ und „Cargo“ halten weniger Überraschungen bereit. Der Aufbau beider Songs folgt im Wesentlichen den ersten drei Songs der Platte und bedient sich des Wechselspiels zwischen aggressiveren und sanfteren Passagen. In „To Take“ wird in der Bridge ein Marching Beat auf der Snare Drum geboten, auf dem sich das weitere Motiv langsam aufbaut und eine besondere Atmosphäre schafft. Eine andere Besonderheit des Songs ist es, dass kurz vor der Outro die Vocals ausbrechen und zwischen dem bekannten Gesang und einem dunkleren, aggressiveren Sound, der eher zum Geschrei tendiert, wechseln. Damit transportieren die Vocals noch stärker eine authentisch wirkende Verzweiflung oder Wut, die die Intensität des Tracks für mein Empfinden zusätzlich erhöht.

Der letzten Song „Norma Jean“ ist insgesamt noch eine Spur doomiger; die schweren Rhythmusgitarrenriffs dominieren den Sound, hier und da wird die drückende Atmosphäre durch die zerrende Lead-Gitarre noch düsterer gestaltet. Aber auch hier wechseln sich langsamere und schnellere Passagen ab, wobei die Übergänge immer stimmungsvoll gestaltet sind. Während die synthetische Orgel überwiegend im Hintergrund bleibt, führt ein Piano-Sound in der Bridge die Melodie an. Dabei wird mit lang klingenden Gitarrentönen die düstere Stimmung aufrecht gehalten. Auch hier wird im Finale – bevor sich der Song viel Zeit lässt, das Album ausklingen zu lassen – der Gesang eine ganze Ecke rauer, was den Sound wieder schön ergänzt.

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten, komme ich zu dem Ergebnis, dass „Atlas“ eine dieser Platten ist, die umso besser wird, je öfter man sie hört und mittlerweile bin ich echt davon angetan! Klar, die meisten Songs bedienen sich eines ähnlichen oder des gleichen Schemas. Aber die immer wieder neuen Kombinationen aus sysnthetisch-futuristischen, rockigen und doomigen Elementen lässt in jedem Song ein eigenes und vielschichtiges Klangbild entstehen, das durch viele kleine, geile Details bereichert wird, die ich hier alle gar nicht beschreiben kann. Deshalb ist meine Empfehlung, sich die Scheibe nicht nebenbei, sondern aktiv und in Ruhe zu gönnen und am besten gleich ein paarmal. Es lohnt sich wirklich!