ICED EARTH – Berlin/ SO36 – 25.07.2018

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Seit einer Weile sind ICED EARTH nun schon mit Pausen in Europa und Nordamerika auf Tour. Und nachdem ich es bereits verpasst habe, die Heavy-Metal-Legenden im Januar in Deutschland zu sehen, macht es mir die „Incorruptible World Tour“ möglich, das Versäumnis hier in Berlin aufzuarbeiten. Und ich bin echt heiß darauf! Nur die dicke Luft in der Location ist noch heißer…

Vor der Show habe ich übrigens für euch ein wenig mit Sänger Stu Block über Bacon, „Incorruptible“ und anderen Kram gequatscht. Hier findet ihr das Interview!

Weil bekanntermaßen keine gute Heavy-Metal-Story mit einem Salat beginnt, fangen wir mal direkt mit knackigem Thrash Metal und ein paar Bier an. Der Abend wird von der australischen Band HAZMAT eröffnet, die neben fetzigen Off-Beats scheinbar auch Outback-Hitze im Gepäck haben. Entsprechend versuchen wohl einige Gäste sich den klimatischen Bedingungen im SO36 möglichst lange zu entziehen, sodass vor der Bühne zunächst noch reichlich Platz bleibt. Wer sich mit seinem Bierchen an einen kühlen Ort verzogen hat, ist jedenfalls selbst schuld, denn HAZMAT machen richtig Spaß! Die gekonnte Verbindung aus melodischem und aggressivem Riffing lässt schon mal den ein oder anderen Kopf sich vom kühlenden Bier abwenden, um böse zu nicken.

Aber kommen wir zum Wesentlichen: ICED EARTH (An solchen heißen Tagen wünscht man sich doch, dass der Bandname Programm wäre…)
Erst einmal müssen die Fans vor dem Beginn eine viel zu lange Umbaupause überstehen, bevor es dann zur Eröffnung den Song „Great Heathen Army“ – der auch Intro-Song des aktuellen Albums „Incorruptable“ ist – auf die Ohren gibt. Für die eingefleischten Fans folgt direkt der Klassiker „Burning Times“. Weiter geht es dann mit dem jüngeren aber trotzdem im Iced Earth Fan-Konsens als Klassiker betrachteten Song „Dystopia“ vom gleichnamigen Album. Der Track ist der absolute Ice-Breaker für das Publikum; nun kommen trotz der Hitze alle Körper in Bewegung! Auch wenn die Crowd verglichen zum HAZMAT-Auftritt um ein Vielfaches angewachsen ist, ist das SO36 glücklicherweise trotzdem nicht gerade überfüllt, sodass alle Fans erst einmal ihren Schweiß jeweils für sich behalten können.

Die Virates, also eine Mischung aus Vikings und Pirates, wie sich ICED EARTH selbst gerne sehen, machen keine Gefangene und schließen mit dem Piraten-Song „Black Flag“ an. Das Publikum tobt weiter und singt frenetisch den Refrain mit und auch die Band zelebriert es sichtlich, den Song zu spielen. Selbst der überwiegend konzentriert und finster dreinblickende Rhythm Gitarrist und Kopf der Band Jon Schaffer scheint hier ein bisschen aufzutauen und seine Wildheit zu zeigen. Zwar verschlechtert sich gegen Ende des Songs der Sound der Vocals – sie sind dezent verzerrt und leiser als zuvor – aber davon lässt sich die Stimmung nicht trüben und die Haare werden kräftig geschüttelt. Um mal die maritime Motivik aufzugreifen: Jeder bangende Kopf wird zu einer Welle, die im Gesamtbild eine stürmische See zeichnen.
A propos Köpfe: mit „Seven Headed Whore“ kommt ein weiterer aktueller Song und glücklicherweise ist die Sound-Qualität wieder da, wo sie hingehört: ganz weit oben. Und oben ist auch der eine Typ, der versucht einen gepflegten Stage Dive hinzulegen, aber um im Bilde der wütenden See zu bleiben, wird es ihm nicht gerade leicht gemacht, sich über Wasser zu halten.
Währenddessen läuft von den fünf Musikern die Suppe in Sturzbächen, wovon sie sich als Profis natürlich nicht ablenken lassen. Während Jon Schaffer weiter hochkonzentriert aussieht, lässt es sich Sänger Stu Block nicht nehmen, mal zu lächeln oder eine Grimasse zu schneiden. Und auch die Saitenzupfer Jake Dreyer (Lead-Gitarre) und Luke Appleton (Bass) haben sichtlich Freude und lassen sich feiern. Besonders Jake Dreyer scheint eine intensive Liebesbeziehung mit seiner Gitarre zu führen, die schon fast so intim scheint, dass man aus Diskretion gar nicht hingucken möchte.
Nach dem Song herrscht im Publikum Unsicherheit darüber, wie man den Namen der vor ihnen stehenden Band eigentlich am besten skandiert: „Ice-ed Earth“ oder doch eher „Iced Motherfucking Earth“? Ein richtiger Sprechgesang wird daraus jedenfalls nicht.

Es folgen die 1996er „Dark Saga“ Urgesteine „I Died For Fou“ und „Vengeance Is Mine“ und die im Publikum jüngere Fraktion rudelt sich zu einem, wenn auch eher beschaulichen, Moshpit zusammen, bevor der Song „Raven Wing“ eine kurze Verschnaufpause ermöglicht. Leider sind hier wieder leichten Unstimmigkeiten in der Soundabmischung festzustellen, die aber auch wieder schnell behoben werden.
Der Klassiker „The Hunter“ findet großen Anschluss im Publikum und es wird viel mitgesungen; nochmal ein richtiger Gänsehaut-Moment: Oh-Oh-OOh!
Mit den zwei älteren Kalibern „Pure Evil“ und „Travel In Stygian“ verabschieden sich ICED EARTH erstmalig von der Bühne.
Als erste Zugabe folgt „Clear The Way“ von „Incorruptable“, welcher als Hybrid zwischen Ballade und Hymne die Tragik der nach Amerika ausgewanderter Iren im Bürgerkrieg beschreibt. Ehrlich gesagt, war ich mir nicht sicher, ob der Song stimmungsmäßig live überhaupt funktioniert. Aber die Band hat sich die Zeit genommen, den Track in vollständiger Länge von 9:30 Minuten ohne eine Kürzung des Zwischenspiels zu zocken. Und scheiße ja! Dadurch verbreitet sich auch live die großartige Atmosphäre, sodass ein weiterer intensiver Moment entsteht. Während Stu Block mittlerweile so nass ist, dass er aussieht, als wäre er in einen Pool gefallen, ergreift der mutige Stage Diver nochmal die Möglichkeit, ungebremst auf die Fresse zu fallen, bevor das letzte Lied eingeleitet wird. Das ist natürlich – wer hätte es erwartet – „Watching Over Me“, welches Crowd und Band noch einmal gemeinsam mit voller Inbrunst zelebrieren.
Mit der obligatorischen Verbeugung entlässt ICED EARTH schließlich das bis auf die Unterwäsche verschwitzte Publikum und dem Gefühl, ein großartiges Konzert erlebt zu haben, in das Nachtleben der Hauptstadt. – Es sei denn man hat sich noch nicht ausreichend ausgepowert. In dem Fall ergibt sich auch noch die Möglichkeit, sich mit anderen Fans um ein Plektron zu prügeln.