MOTOROWL – Frontmann Max Hemmann erzählt ausgiebig über neue Platte „Atlas“

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Vor dem Album-Release-Konzert am 28.07.2019 im Werk 2 in Leipzig habe ich Sänger und Gitarrist Max getroffen. Obwohl er ein kleines bisschen nervös durch die bevorstehende Show gewirkt hat, haben wir eine ganze Weile über das neue Album „Atlas“ geplaudert.

Für die volle Packung MOTOROWL findet ihr außerdem hier den Konzertbericht zu der Show und hier das Review zur Platte!

 

Ich muss wahrscheinlich nicht viel zu dir sagen, du bist Sänger und Gitarrist von Motorowl. […] Fangen wir vielleicht mal mit der Tour an, die ihr mit ‚den Reitern‘ hattet. War das eure erste Tour in der Größenordnung?

Also in der Größenordnung ja… Nightliner fahren und so große Läden und es ist überall ausverkauft, das war die Premiere.

Und wie war das für euch?

Geil! [lacht] Ich glaube, das Gefühl kann ich gar nicht richtig beschreiben. Aber auf jeden Fall ein sehr angenehmes Gefühl, auch immer sein Bett gleich mit zu haben. Und dann, ich weiß nicht, du machst dir keinen Stress mehr und spielst nur noch Musik im Endeffekt. Ist schon… ist besser. Aber nach der ganzen Zeit – wir sind ja jetzt dieses Jahr die ganze Zeit wieder im Van unterwegs gewesen, waren ja auch schon viel auf Tour – irgendwie gibt es mir das ein bisschen mehr, so mit den Jungs ein bisschen abzurunkeln.

Ein bisschen gemütlicher.

Nein, das ist doch nicht gemütlicher!

Gemütlicher im Sinne von eng und schwitzig.

Ja, das auf jeden Fall! Davon habe ich dieses Jahr schon ein bisschen was abbekommen [lacht].

Das ist dann wahrscheinlich mehr der Rock’n’Roll Lifestyle, oder?

Ja genau, da fühlt man sich mehr Rock’n’Roll. Es ist auch irgendwie schön so seinen „Safe Space“ zu haben. Also so nett ‚die Reiter‘ auch sind, so anderthalb Monate aufeinander hängen… man ist halt immer nur zusammen in so einem großen Bus… Da finde ich so ein Van-Ding schon geiler, da habe ich meine Jungs, mit denen ich eh immer unterwegs bin.

Also habt ihr ‚die Reiter‘ dann auch menschlich sehr intim kennen gelernt?

Ja klar, der Sache geht man dann ja nicht aus dem Weg, wenn man anderthalb Monate zusammen unterwegs ist.

Gab es Krieg um Toilettenpapier?

Nein, um Toilettenpapier gab es keinen Krieg. Es gab immer mal so kleine Kriege die ausgetragen wurden, aber um Toilettenpapier nicht.

War mein wichtigstes Thema. [lacht]

Nein, also in der Bustoilette darf man eh nicht scheißen. Es gibt eine Regel: Dass man nicht in Nightliner kackt! Ansonsten keine Regeln…

Gestern ist „Atlas“ erschienen, das neue Album von euch.

Es fühlt sich gar nicht so an.

Nein? Wie kommt es, dass es sich nicht so anfühlt?

Wir sind ja gleich nach der ‚Reiter-Tour‘ ins Studio gegangen und das war im Dezember… Dann hat sich der Mix relativ lange gezogen, weil wir die Platte ja sehr rough, also sehr live aufgenommen haben. Die Grundspuren haben wir live eingezockt und darüber haben wir dann noch Sachen gebaut – so Kleinigkeiten und dafür hat der Mix halt einfach relativ lange gedauert. Wir hatten drei Leute, die das gemischt haben. Von denen haben wir uns erst mal angehört in welche Richtung das geht und haben dann einen auserkoren der das macht. […] Das hat lange gedauert und dann hat der ganze Vorlauf jetzt mit den Videos und die Promo noch ein ganzes Stück gedauert und deswegen ist es erst jetzt raus gekommen. Ja, also wir schleppen die Platte halt schon wieder ein halbes Jahr mit uns herum und haben halt echt Bock das endlich zu spielen und … Today is the day!

Mal zum Cover. Das ist ja eine Mischung aus einer digitalen Landschaft, schroffen Felsen und gleichzeitig bricht das Universum herein. Worin siehst du die Verbindung zum Albumtitel „Atlas“?

Der Albumtitel „Atlas“ ist ja nur entstanden, weil ich während des Songwritings gemerkt habe, dass es da eine gewisse rote Linie gibt.[…] Ich bin so ein bisschen in die griechische Mythologie reingedriftet und habe dann in dieser Heldensage des Atlas, der die Erde auf seinen Schultern trägt, einfach den Spiegel zu jedem einzelnen Song gefunden: Quasi, dass jemand eine Last auf sich nimmt und das total selbstlos macht und sich da auch einfach reinsteigert. […] Ich schreibe ja schon sehr düstere, sehr persönliche Texte, in denen ich versuche Sachen, die mich nerven, zu verarbeiten. Meistens ist es Trauer oder Liebeskummer oder so etwas. Ich will das aber halt nicht so cheesy machen. Und deswegen ist der Albumtitel „Atlas“ darauf gekommen. Mit dem Artworker habe ich gar nicht lange drüber gesprochen, was wir haben wollen, sondern sagte: „Mir wäre es lieber, wenn du dich nicht so sehr davon beeinflussen lässt, was mythologisch dahinter steht, sondern du sollst der Platte, so wie sie klingt, ein Gesicht geben.“ Und dann hat er die Silhouette des Atlasgebirges rein gebaut; hat das schwarze Nichts eingebracht, das einen umhüllt, wenn man schlecht drauf ist. Ich hatte mal eine sehr depressive Phase, mit der ich ganz schön zu kämpfen hatte und das haben wir als diese schwarze Fläche dargestellt. Und dann quasi einen, der über das alles wacht und ein Auge darauf hat – der Atlas sein könnte, aber auch nicht. Wir haben ja auch ein Musik-Video gemacht und da gibt es gleich 3 Figuren, die sich dem Kapuzen-Menschen zuordnen lassen.

Das Video zu „Atlas“ ist ja auch sehr abgefahren mit den vielen Figuren, die sich in Facetten anderer Figuren verstecken und so weiter. Habt ihr das auch mit entwickelt oder kam das wieder von dem Graphic Designer?

Also wir haben den Typen mal kennen gelernt auf einem Konzert. Da hat er was gemalt und kam zu uns, hat uns das in die Hand gedrückt und meinte „Hier, das ist für euch, könnt ihr haben“. Er hat sich sogar noch entschuldigt, „ich war nicht so aufmerksam, ich hab die ganze Zeit gemalt“. Dann hab ich mal ausgecheckt, was der so macht und der macht halt ganz schön geile Musik-Videos […] und habe mir gedacht „Alter, wenn du das irgendwann mal bezahlen kannst, dann muss der da auf jeden Fall an den Start gebracht werden.“ Ja, jetzt konnten wir es uns irgendwie leisten und haben gesagt „Hier, jetzt, bitte. Bitte bitte bitte!“. Und der war auch voll enthusiastisch. Wir haben einmal miteinander telefoniert; da habe ich ihm gesagt wie in etwa ich mir das vorstelle und dann hat er einfach zwei Wochen lang drauf los gemalt und hat das dann so abgegeben wie es jetzt zu sehen ist. Ohne Abänderung. Wahnsinns Typ!

Manchmal kann es ja auch einfach gehen. Wobei, was mir da nicht so ganz einleuchtet, sind die UFOs am Anfang nach den Schlachtszenen.

Mir leuchtet auch nicht alles ein in diesem Video aber ich finde es geil so. Ich glaube, da werden zwei wie so Seelen aufgeteilt; quasi ein mal der Teil, der da bleiben will, ein mal der Teil der gehen will, weil das ja so dieses Gedankenspiel in dem Musikvideo ist. Ein Teil bleibt quasi, um die Erde zu halten, während sich der andere einer anderen Sache verpflichtet fühlt. Ist ja auch im Leben so, also wenn man mal in einer Beziehung war und dann gemerkt hat, das es irgendwie doch nicht mehr so geht, egal wie sehr man sein Gegenüber mag und dann hast du halt einen Teil in dir, der das gut findet und einen anderen Teil, der das nicht so gut findet. Diese beiden Sachen getrennt voneinander nüchtern zu betrachten, ist intelligent, aber kann auch fast keiner, also nicht aus dem Stehgreif.

Ich glaube das ist jetzt auch ein guter Übergang zur Mucke; ist das auch so ein bisschen das Konzept, dass hinter „To Give“ und „To Take“ steht?

Ja genau. Wobei es bei „To Give“ und „To Take“ nicht unbedingt um so eine Liebesbeziehungssache geht, sondern eher um was man seinem Umfeld gibt und was man selbst von sich nimmt, wenn man gibt, und dass man einfach irgendwie so eine Bereitschaft dazu haben muss, Menschen mit seiner Persönlichkeit irgendwie so entgegenzutreten, dass du deinem Gegenüber nicht auf die Füße damit trittst – um das mal so runter zu brechen. Also es gibt Leute, die fühlen sich in ihrer Rolle so unglaublich sicher, dass sie vergessen, dass die Welt um sie herum sehr viel auf die Persönlichkeit, die sie selbst haben, formt. Man nimmt quasi ein Stück von sich, man nimmt ein Stück von seiner Persönlichkeit und ändert das quasi, um jemand anderem eine gute Zeit zu bereiten. Das war so richtig schön Hippie-mäßig oder? [lacht] Also das ist der Gedanke hinter „To Give“ und „To Take“. Die hatten mal andere Namen aber mir ist dann aufgefallen so „Ach, irgendwie könnten die doch so irgendwas sein“.

Aber es war dir von Anfang an klar, dass dieses Konzept in zwei Songs aufgeteilt wird?

Überhaupt nicht. Wir sind nicht so die Konzeptalbum-Menschen. Wir schreiben einfach drauf los. Wir sind da unkompliziert.

Vielleicht noch mal um ein Stichwort von dem Video aufzugreifen, aber bei der Musik zu bleiben; das „nicht alles verstehen“. Bei „To Give“ habe ich das persönlich sehr krass erlebt, dass ich mit diesem Zwischenspiel irgendwie gar nichts anfangen konnte. Weil gerade der Anfang und der dritte Teil ja sehr melancholisch und darin auch relativ straight im Sound sind. Und dann kam dieses Zwischenspiel, das irgendwie ein bisschen funky ist, aber gleichzeitig auch ein bisschen abgespaced und dann diese reinwabernden Gitarrentöne – das konnte ich nicht zusammenbringen.

Ja, dann musst du mal mehr Krautrock hören, du musst dir mal Wucan anhören und so. Das kommt aus so einer Spielkultur, wo einfach alles mögliche irgendwie zusammengeworfen und so Feeling-mäßig einfach miteinander verbunden wird. Das kam dann einfach als wir den Song geschrieben haben: „Ja hier, das muss da jetzt mit rein“- „Ok.“ Da sind wir nicht so verkopft.

Also sehr pragmatisch.

Ja wirklich! Also beim Song schreiben sind wir sehr pragmatisch. Wir schreiben auch viel, auch jetzt gerade schreiben wir wieder und was man hat, hat man und wenn es am Ende scheiße ist, muss man es halt nicht aufnehmen, den Song. [lacht].

Also macht ihr das Songwriting alle zusammen?

Genau. Also manchmal kommt einer mit einer festen Idee, die er irgendwie verarbeiten will, also zum Beispiel „Atlas“, dieses Hauptthema, dass wir da spielen, das hat Daniel Wochenlang immer mal wieder so rein gespielt und dann dachte ich irgendwann „Ey hier, jetzt das! Genau das!“ und das haben wir dann irgendwie so zusammen gebaut.

Steckt hinter dem Titel „Norma Jean“ eine reale Person?

Marilyn Monroe heißt mit bürgerlichem Namen Norma Jean. Da hab ich einfach diese ganze Story verarbeitet, dass sie sich das Leben genommen hat, weil sie nicht in ihre Rolle gepasst hat. Sie wollte nicht mehr dieser verspielte, süße Mensch sein, für den sie jeder hält und egal was sie macht. – Also Menschen ändern sich ja, jeder Mensch ändert sich. Sie wurde dann auch im privaten Umfeld immer für diese Frau gehalten, die sie in der Öffentlichkeit ist. Und das muss schrecklich sein, das muss ganz, ganz schlimm sein. Ich glaube auf der Platte sind viele emanzipatorische Texte – auch wenn ich keine Frau bin, mache ich mir über so etwas Gedanken. Es hat sich halt angeboten: Also was heißt es denn, so eine Rolle zu spielen oder für was gehalten zu werden, für das man jetzt nicht so wirklich gerade stehen will, oder dass man mal gut gefunden hat und dann nicht mehr gut findet Es ist, wie jemandem zu verbieten, sich zu verändern. Also das kann man ja mal probieren, aber das funktioniert nicht und das ist in dem Fall dann im Tod gemündet. Das fand ich halt irgendwie interessant. Es gibt ein Interview von Norma Jean – das haben wir als Sampler, aber wir durften es leider nicht auf die Platte machen, weil es zu teuer war; es gehört übrigens der Vogue [lacht] – das ist einen Tag vor ihrem Tod entstanden und da wurde sie gefragt, ob sie glücklich im Leben ist und da gibt sie die krasseste Antwort, die man irgendwie auf so etwas geben kann, also das ist sehr empfehlenswert.

[…]

Gibt es irgendwas, was du den Fans über das Album sagen möchtest, die das jetzt noch nicht gehört haben, weil es gerade erst raus gekommen ist?

Ich kann nur sagen dass man dem Album ein bisschen Zeit geben muss, damit es wirklich anklingt. Wir kriegen viel positives Feedback von allen, aber es sagen ja doch einige, dass wir uns doch wohl – das haben wir gar nicht so wahrgenommen – musikalisch sehr verändert haben zu „Om Generator“. Ich habe das so beim Songwriting nicht empfunden, aber ich glaube, man ist da selbst sehr verblendet als Musiker. Aber irgendwie so richtig kacke finde ich es nicht [lacht] .Das ist ja das was ich meine mit dieser Veränderung; ich finde das nämlich immer ganz cool wenn Bands sich verändern und mal irgendwas Neues reinbringen. Ich kann es auch meistens abfeiern, was die so machen, weil ich da nicht so verbohrt bin. Also ja, einfach der Platte ein bisschen Zeit geben und sich da so reinfuchsen. Ich kann ja jetzt nicht so deep werden, da habe ich keine Lust drauf [lacht].

[…]

Gibt es mittlerweile Songs, die ihr oft live gespielt habt und jetzt gar keinen Bock mehr drauf habt?

Nein, also so ist es nicht. Wir haben Songs aus dem Live-Set von „Om Generator“ aussortiert. Auch schon während wir das gespielt haben, weil die live einfach nicht funktionieren. Aber wir spielen auch selten Headliner-Shows wie heute Abend. Zum Beispiel „One and Zero“, das ist retrospektiv fast mein Lieblingssong auf der Platte, aber der zündet live einfach nicht, dadurch dass der so holprige Verse hat. Aber vielleicht spielen wir den mal wieder … Also wir haben den neulich mal wieder gespielt; das war geil, mir gibt das irgendwas. Und jetzt müssen wir auch erst mal ausloten, was man von dem neuen Zeug geil findet und wie man das live geil findet.

[…]

Dann ist wohl für den Moment auch alles gesagt. Möchtest du noch irgendwas loswerden?

Auf gar keinen Fall! [lacht] Nein, wirklich nicht, das ist immer so… Die meisten sagen dann immer so „Meddl on“ oder so, das muss dann nicht sein.