EMPTY HANDED, WHITE FIELDS, SWOON, UNFADED, DAIN, PLACID JOY – Kassel/ Sandershaus – 12.10.2018

Flyer Sandershaus 12.10.2018.jpg

Kassels Untergrund lebt! Heute Abend bis tief in die Nacht trifft sich eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Hardcore Fraktionen, um gemeinsam zu feiern. Neben EMPTY HANDED, WHITE FIELDS und SWOON sind noch UNFADED, DAIN und PLACID JOY am Start.

Untergrund kann man in diesem Fall auch wörtlich nehmen, denn die Location befindet sich im Keller des Sandershauses. Es ist tatsächlich gemütlicher als es klingt, am Rand stehen sogar Kinosessel, die aber wohl niemand während der Shows benutzen will. Eine Bühne gibt es dafür nicht, braucht aber ja auch niemand.

Die vier Kasseler Jungs von PLACID JOY legen den Einstieg hin. Eigentlich sind sie zu fünft, allerdings ist ihr Sänger krank, sodass einfach Bassist Jonathan den Job übernimmt und sich ordentlich einen abschreit. Und das gelingt ziemlich gut! Mit ihrem punkig, rockigem Sound gehören sie zwar eher zu den softeren Bands des Abends, aber die Stimmung zeigt, dass sie keinesfalls Fehl am Platz sind.

Sportlich geht es mit DAIN weiter, denn Sänger Julian ruft das Publikum immer wieder zu mehr Bewegung auf. Ein bisschen Aerobic… äh, Violent Dancing oder ein wenigstens kleiner Circle Pit könnte ja auch nicht schaden. Musikalisch geht es hier auch richtig rund: Auf die langsameren Parts folgen immer wieder schnelle, brutale Passagen, die von Off-Beat-Gedresche getrieben werden, immer schön begleitet vom aggressiven Shouting. Trotzdem scheint die Menge nicht allzu motiviert zu sein, sich zu bewegen, vielleicht ist die Luft einfach zu dick. Ob der Corwdsurfer, die Nase gefühlte 10cm unter der Kellerdecke, bessere Luft atmet, wage ich auch zu bezweifeln. Nichtsdestotrotz feiert das Publikum die Musiker und bekräftigt den Wunsch nach mehr mit Zugaberufen.

Als nächstes schrubben UNFADED musikalisch das quiekende Schwein über die Käsereibe. Die Mucke ist scheiße brutal! Straight vorwärts, ohne überflüssigen Firlefanz, dafür durchsetzt mit fiesen Breakdowns und dann wieder voll auf die Fresse. Tatsächlich fließt zwischendurch auch mal ein rockiges Riffing ein, das aber gekonnt den Weg in den Hardcore zurückfindet. Vor der „Bühne“ bildet sich allerdings ein schüchterner Halbkreis; vielleicht ist es aber auch nur eine Vorsichtsmaßnahme, falls doch noch jemand die Fäuste fliegen lässt. Und es gibt noch eine Botschaft ans Publikum, die man nicht oft genug wiederholen kann: „Fickt euch Nazis!“

Die Göttinger Hardcore/ Screamo Formation SWOON startet mit einer optischen Verwirrung in die Show: Was will uns die Sängerin mit ihrem Spice Girls Shirt mitteilen…? Anyways. Umso krasser ist der Kontrast zu dem, was sie dann aus ihrer Stimmapparatur herauszaubert: wirklich beeindruckend garstiges Screaming, das direkt in den Schädel einschlägt! Auch die restliche Musik hat einen Hang zum Garstigen. Melodische Elemente verlieren sich immer wieder in Dissonanz und Geballer und auch ein ruhigeres Zwischenspiel ergänzt dann noch das Gesamtbild stimmig. Der Laden ist übrigens mittlerweile gerappelt voll, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass SWOON die Veröffentlichung ihrer neuen EP „Hollow Idol“ feiern.

Zu WHITE FIELDS wird es wieder etwas leerer im Raum, vielleicht kann man sogar noch mal einen Versuch starten, zu atmen. Eine zerrende, drückende Atmosphäre aus der Kategorie Nervenkrieg dominiert durch den musikalischen Output der Band, was sich im Publikum durch böses Mitnicken und Dümpeln äußert. Hat sich da sogar ein Black Metal Riff eingeschlichen? Die teils krassen Tempowechsel laden auf jeden Fall zu ausgelassenen Circle Pits und Two-Step ein, um sich wieder von der Anspannung zu befreien. Insgesamt ist die Bewegungsfreudigkeit der Crowd aber nicht allzu groß -ist aber ja auch schon spät. Die Ansagen des Sängers zwischen den Songs bilden übrigens ein starkes Gegenteil zum Shouting: Ruhig und gelassen richtet er sich an die Menge und nimmt sich die Zeit für ein Plädoyer zum Support der Subkultur.

Mit EMPTY HANDED neigt sich die Nacht dem Ende, aber natürlich laut. Auch wenn das Nörten nur 1,50 Euro kostet, hält sich jetzt niemand mehr am Tresen auf. Die Mucke der Leipziger transportiert eine authentische Wut und Verzweiflung – man sieht den Bandmitgliedern die Leidenschaft ins Gesicht geschrieben. So wie eigentlich allen anderen Menschen auch, die heute abgeliefert haben. Eine Ausnahme bilden vielleicht nur die Musizierenden, die sich mit dem Rücken zu Crowd positioniert haben. Die Menge ist dicht herangerückt, was die Intensität noch steigert. Mit dem Mikro ins Publikum gehalten, gibt es auch noch die sogenannten Rudel-Shouts. Der Gesamteindruck ist einfach der Hammer, vielleicht sogar der Vorschlaghammer. Mit viel Jubel geht die Show zu Ende und auch wenn es schon fast 01:00 Uhr nachts ist, will das Publikum noch nicht schlafen gehen und bekommt die Zugabe.

Tja, was soll man da noch sagen, einfach eine geile, alles in allem sehr stimmige Konzertnacht.