BEHEMOTH – I loved You At Your Darkest
behemothGenre: Black Metal
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 5.10.2018
Bewertung: sehr gut (7/10)

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Im äußerst konservativen und katholisch geprägten Polen stößt Provokateur Nergal traditionell auf wenig Humor und Liebe seitens der Regierung, die ihn gerne auch mal vors Gericht schleift – meist aber ohne viel Erfolg. Nach Hundecookies, T-Shirts mit einer polnischen Zwillingsfahne und blasphemischen Handlungen wie Zerreißens einer Bibel auf der Bühne steht der neueste Schrei nach Freiheit und gegen Zensur mit der neuen Scheibe von BEHEMOTH auf dem Plan, laut Nergal ein Meisterwerk auf einer neuen musikalischen Ebene, zudem in blasphemisch-streitsüchtiger Manier schon im Titel, der ein Bibelzitat ist (siehe auch den Song „Rom 5 8“).

Nach einem schon recht beunruhigend anmutenden Intro mit einem Kindersprechchor, der eine weitere Bibelstelle zitiert und im zweiten Song noch einmal wiederholt wird, schlägt „Wolves ov Siberia“ gleich richtig Alarm. Die Basslastigkeit drückt sich in sehr dumpfen Bassdrums und schwimmenden Basslines aus. Episch wird das Ganze durch die symphonische Einlage des polnischen Staatsorchesters. „God = Dog“ beginnt eher verhalten und baut die schauerliche Spannung nur langsam auf, bevor die stumpf-dröhnenden Blastbeats einsetzen und den Sturm um die gurgelnden Growls und den erstickten Sprechgesang mit Beschwörungsformeln entfachen. Die Riffs sind eher simpler Natur, aber sonst wäre das Ganze auch definitiv zu überladen. Ein abgespecktes Solo darf trotzdem nicht fehlen.

„Ecclesia Diabolica Catholica“ ist ein weiterer offensichtlicher blasphemischer Angriff auf das konservative Christentum. Die Gitarren bilden mit dem Schlagzeug den musikalischen Teppich hinter den weitschweifigen Gesangslinien. Man fühlt sich hier an die erste Moonspell Scheibe erinnert –auch die Produktion hat wenig Modernes, die Gitarren hallen gerade noch im vernehmbaren Dumpf-Sound-Nebel. In den orchestralen/choralen Zwischenparts, die mir definitiv zu pompös und überladen daherkommen, tritt auch der Bass deutlich hervor. Der Geradlinigkeit des Songs hätte es gutgetan, das akustische Zwischenspiel am Ende wegzulassen.

„Bartzabel“ (wohl ein Dämon der hebräischen Mythologie) wartet mit kirchenchorähnlichen Chorälen auf, die mich ebenfalls in die 90er und die Hochzeit von Moonspell und Co. katapultiert. Musikalisch bewegt sich auch dieser Song wie auch „If Crucifixtion was not Enough“ eher im Midtempo-Bereich, was den Tracks Nachdenklichkeit, Erhabenheit und Mystizität verleiht. „Angels XIII“ zündet dagegen etwas mehr blackige Blastbeats, „Sabbath Mater“ konzentriert sich auf repetitive Tremolo-Gitarren, Chöre und Tom Tom- und beckenlastige Beats. „Havohej Pantocrator“ (da verlässt mich mein Polnisch, aber textlich ist das hier eine satanische Parodie des Vater Unsers) wartet mit Akustik-Gitarren und Streichern auf, unterbrochen von kurzen Blast-Passagen, so dass der melancholische hymnenartige Gebetscharakter gut hervorgehoben wird, bevor am Ende noch einmal kräftig drüber geschrubbt wird.

„Rom 5 8“ (eine Bibelstelle zur Gottesliebe und Christi Opfer aus dem NT) schlägt in eine etwas andere Kerbe. Hier liegt der Fokus mehr auf den Gitarrenriffs ohne zusätzliches Beiwerk. Diese wechseln sich mit dem vom Schlagzeuggewitter untermalten Gesang ab, der kraftvoll majestätisch daherkommt. Der bis auf das Outro letzte Song „We are the next 1000 years“ nimmt das Thema der Akustikgitarren noch einmal auf.

Alles in allem kann mich das Album nicht so recht überzeugen – orchestrale Bearbeitungen lösen bei mir keine Euphorie aus, die Riffs sind teilweise wenig spektakulär, der Sound meist zu wattig und trotzdem sorgsam überproduziert. Nergals Growls sind aber natürlich klasse und transportieren viel Emotion. Die Tracks sind fast alle recht knapp und damit radiotauglich gehalten, was schade ist, denn so kann sich der Bogen gar nicht erst richtig entfalten – bevor man sich hineingehört hat, ist fast jeder Song schon wieder vorbei. Und bei dieser wie bei jeder Parodie gilt: Wer sich nicht für die christliche Religion interessiert, wird sich vermutlich auch mit Satanismus nicht derart auseinandersetzen – es ist ja das Gleiche, nur andersherum – und ich mag es lieber ohne. Thematisch erscheint mir die CD also ebenfalls etwas ausgelutscht – Satanismus war in den 90ern im liberalen Europa en vogue. Das mag also, wie Nergal ja auch meint, ein Phänomen des erzkonservativen Polens sein, was dort sicherlich zur Provokation taugt. Trotz allem liefern BEHEMOTH hier sicher ein gutes massentaugliches Werk ab, bei dessen Kauf man vermutlich wenig falsch machen kann.