753514Genre: Atmospheric Dark Metal
Label: Season of Mist
Veröffentlichung: 15.02.2019
Bewertung: Klasse (8/10)

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ROTTING CHRIST müssen niemandem mehr etwas beweisen. Nach über 30 Jahren im Geschäft, mehr als 1250 Konzerte  und zwölf Alben mit diversen Stilwechseln, mal weg vom Black Metal, dann wieder angenähert, steht vor allem eines fest: die Griechen ziehen ihr Ding so durch, wie es ihnen passt. Was kann man also von dem dreizehnten Album erwarten?

Nun, ein Titel wie „The Heretics“ und ein Albumartwork, auf dem ein Bischof und ein Mönch vor einem aufgeknüpften Sünder stehen und sich im Hintergrund so etwas wie ein Totenkopf-Jesus anbahnt, legen die Vermutung nahe, dass es sich auf dem Album grob um Glaube und Kirche drehen könnte. Ich will die Spannung zwar eigentlich nicht von Anfang an zerstören, aber genauso ist es. Soweit also nichts bahnbrechendes aus dem Hause ROTTING CHRIST. Was danach allerdings in knapp 45 Minuten auf den zehn Songs musikalisch präsentiert wird, kann sich auf alle Fälle hören lassen. Nach dem ersten Durchhören schoss mir direkt der Begriff „Metal-Messe“ in den Kopf (das Wort „Metal-Gottesdienst“ wäre hier wohl nicht ganz angebracht). Und wer dabei jetzt direkt an POWERWOLF denken muss, sei beruhigt. ROTTING CHRIST nehmen das auf jeden Fall viel ernster. Schon aus diesem Grund macht ein Song zu Song Review bei diesem Album keinen Sinn. Zwar hat jeder Song etwas eigenständiges für sich und keiner verblasst in der Menge, aber dennoch fügen sich die Stücke ineinander, bauen aufeinander auf und besinnen sich auf bereits verwendete Motive zurück.

Und eins ist das neue Album mit absoluter Sicherheit: abwechslungsreich. Allein beim Gesang findet man Growls, Clean-Gesang, gregorianische Chorale, Kirchenchöre und gesprochene Passagen. Bei letzterem sind es berühmte Zitate, die den Songs so mehr Ausdruck verleihen. Zum Beispiel Thomas Paines „My own mind is my own church” fügt sich in das kritische Bild gegenüber der Kirche. Unbedingt erwähnt werden muss, das sich mit „ΠΙΣΤΕΥΩ“ (I Believe) auch wieder ein Song mit griechischen Lyrics auf dem Album befindet. Das klingt so böse, dass man sich wie immer fragt, warum es nicht mehr Songs in ihrer Muttersprache auf das Album geschafft haben. Hat bei „Κατά τον δαίμονα εαυτού“ doch auch super funktioniert. Dafür hat man durch internationale Gastsänger weitere Sprachen verwendet: Irina Zybina von GRAI auf „Vetry Zlye“ und Ashmedi von MELECHESH auf „The Voice of the Universe“.

Auch instrumental geht es schön kreativ zu. Melodiöse Gitarrenparts mit leckeren Riffs, wechseln sich mit harten Blastbeast ab, gefolgt von orgelgleichen Keyboardpassagen. Alles ist professionell produziert und abgemischt, kein Instrument verwischt hinter den anderen. Einzig der Bass könnte an mancher Stelle etwas kräftiger daherkommen. Wie sich dann die gesprochenen Passagen ins Live-Setup einfügen, lässt sich dann bestimmt in der Festival-Saison überprüfen. ROTTING CHRIST präsentieren sich auf diesem Album so divers, dass eine Einordnung in ein Genre die ein oder andere hitzige und bierlastige Diskussion hervorrufen wird. Teile vom Black Metal, ein bisschen Progressiv, irgendwie auch Gothic und über allem schwebt Death. Und wenn man nun irgendwo das Wort Melodic davor setzen will, wäre das auch nicht verkehrt.

Einigen wir uns einfach als Fazit darauf, dass hier alles Hand in Hand geht: Songwriting, Lyrics und Layout. So wie sich auf „The Raven“, dem letzten Stück, vor Edgar Allan Poe verneigt wird, kann man selber auch nur vor dieser Band den Hut ziehen, die nach über drei Jahrzehnten im Metal-Business, immer noch solche innovativen und eigenständigen Platten erschaffen. AMEN!