Misery Index Rituals of Power CoverGenre: Death Metal/Grindcore
Label: Season of Mist
Veröffentlichung: 08.03.2019
Bewertung: 9/10 (Bombe)

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Die Gebete wurden erhört! Endlich steht mit „Rituals of Power“ die neue Langrille von MISERY INDEX in den Startlöchern. Geschlagene fünf Jahre sind seit dem absoluten Oberhammer „The Killing Gods“ ins Land gezogen, was nicht bedeutet, dass der Vierer aus Baltimore faul war. Gefühlt haben die Herren an jeder Ecke mit einer funktionierenden Steckdose aufgelegt und waren überall in der Weltgeschichte unterwegs, um auch wirklich jedem Einzelnen dreckigen Death Metal in die Rübe zu knallen. Wie mir Sänger und Bassist Jason Netherton einmal hinter der Bühne sagte: „Wir trinken genauso hart wie wir spielen.“. Diese Aussage ergänze ich um den Halbsatz: Und mindestens genauso schnell. Wer MISERY INDEX bereits live erleben durfte, der sollte wissen, dass sich das Quartett jedes Mal maximal ins Zeug legt und wie ein gut geölter Chevy c10 nicht aufzuhalten ist. Thematisch beschäftigt sich die Platte mit dem Prinzip der Wahrheit zur Sicherstellung und Festigung von Macht im politischen und ideologischen Sinne. Vom studierten Politikwissenschaftler Jason Netherton kann man immer bissige und intelligente Kommentare und Blickwinkel in puncto Lyrics erwarten. Keine Spur von „Altersmilde“ also. Jetzt aber genug Fanboy gespielt. Rein den Krachkreis und maximalen Schub voraus!

Der erste Kandidat hört auf den Titel „Universal Untruths“ und im Vergleich zum Vorgängeralbum gefällt mir der Sound auf Anhieb besser, weil komprimierter und differenzierter. Ein schiebender Fiesling mit Doublebass, der das Album einleitet und somit als Introtrack funktioniert.

Im Anschluss hagelt es dann genau das, weswegen man MISERY INDEX so feiert: Blastbeats, hohes Tempo, grindiges Riffing und die keifende Stimme von Jason Netherton. Das Aggressionspotenzial wird bewusst weit oben angesetzt und „Decline and Fall“ knallt mal so richtig die Magneten aus den Boxen. Was ich immer gut finde, ist die Transparenz selbst in der Raserei. Bei vielen Bands verschwimmt hier und da die Rhythmik, wenn es fix wird. MISERY INDEX schaffen es allerdings im Gegensatz dazu alles super tight klingen zu lassen, sodass man selbst im größten Temporausch dem Geschehen folgen kann.

„The Choir Invisible“ glänzt danach mit ordentlicher Punk-Schlagseite in den Strophen und lädt im Refrain zum kollektiven Mitgrölen ein. Ein wenig kann man hier  D-Beatversatzstücke wahrnehmen, da trotz der Härte alles mit der genau richtigen Prise Melodie abgeschmeckt wurde. Im Soloteil fühlt man sich dank der Streicher und Glockentöne an „The Calling“ oder „Conjuring the Cull“ von der letzten Platte erinnert, was durchaus geil ist.

Keine Verschnaufpause, kein Durchatmen, „New Salem“ geht mit langgezogener Leadgitarre und einem dermaßen fetten Groove ins Rennen, dass ich mich wohl später bei den Nachbarn entschuldigen muss. Was inzwischen auffällt ist, dass die Stilistik auf dem Album mehr in Richtung Hardcore/Punk und Grindcore gewandert ist. Nach wie vor ist natürlich ordentlich Death Metal mit im Topf, aber man kann förmlich hören, wie angepisst die einzelnen Musiker sind und nimmt beinahe wahr, wie sie beim Spielen regelmäßig auf den Boden spucken.

Wer Futter für den Nackenmuskelkater braucht, wird bei „Hammering the Nails“ fündig. Midtempo trifft auf schiebende Drums und schönes Panzer-Riffing. Der Song wird sich gut im Set machen und eventuell sogar „The Spectator“ den Rang ablaufen können. In der Gesamtheit ist der Titel minimalistischer und zugänglicher als das vorige Material. Kurz und knackig auf den Punkt geballert.

Der Titeltrack müsste einer der längsten Song sein, den MISERY INDEX jemals geschrieben haben. 5:20 Minuten auf einer Death/Grind Platte? Normalerweise sind das etwa 4 Songs innerhalb dieses Metiers. Durch die jahrelange Erfahrung wissen die Amis aber genau, wie sie diese Zeitspanne interessant gestalten können. Mehr lang klingende Leadgitarren und coole Akkordwechsel malen ein sehr düsteres Bild der heutigen Gesellschaft und vertonen das coole (wenn auch sehr an Entombed erinnernde) Albumcover recht gut. Einer der stärksten Songs auf dem Album und absoluter Anspieltipp.

Dass das Quartett ursprünglich aus Protagonisten von Dying Fetus entstanden ist, kann man bei „They Alyways Come Back“ klar hören. Hier fällt mir auch zum ersten Mal die Stimme von Mark Kloeppel (Gitarre) auf, die der von Jason Netherton zwar sehr ähnelt, allerdings etwas eigenständige Charakteristik vermissen lässt. Der zweitlängste Song auf der Platte hängt im direkten Vergleich etwas hinterher, da sich die einzelnen Passagen etwas oft wiederholen und dabei leider an Wirkung verlieren.

Wer zwischendurch etwas die Blastbeats vermisst, dem wird mit „I Disavow“ Balsam auf die Seele geschmiert. Die Fills und Figuren, die sich Drummer Adam Jarvis hier aus den Armen und Beinen schüttelt, sind vielleicht nicht die innovativsten, aber sie sind verdammt effektiv. Und schnell. Und heavy. Und grooven wie nix gutes. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass Adam Jarvis den Groove und das Timing so dermaßen inhaliert hat, dass es mich nicht wundern würde, wenn man die Zeit, die seine Mutter für die Entbindung gebraucht hat, perfekt durch vier teilen könnte.

Der Rausschmeißer nennt sich „Naysayer“ und trumpft nochmal mit brutaler Härte und teils dissonant gespielten Klampfen, sowie seiner kompakten Spielzeit auf, sodass man sich nicht mit einem künstlich in die Länge gezogenen Outro herumschlagen muss.

Lobhudelei mal beiseite. MISERY INDEX knallen hier einen bitterbösen und reudigen Bastard zwischen technisch hoch versiertem Death Metal und wild gewordenem Grindcore (mit größerer Betonung auf -core) raus, der sich (nicht) gewaschen hat. Wer mit der punkigen „Fuck off“-Attitüde nichts anfangen kann und es dann doch eher sortierter haben möchte, der wird hier eher weniger glücklich. Im Kontext zum Vorgänger „The Killing Gods“ beschreiten die Mannen hier weniger „krampfhaft überlegt“ und deutlich geradliniger den Weg. Freunden der extremeren Gangart wird die Scheibe hingegen runtergehen wie ein dickes Kind auf einer Wippe.