Eruption of Corruption - Unchained Albumcover-minGenre: Thrash/Groove/Nu Metal
Label: Independent
Veröffentlichung: 06.12.18
Bewertung: 7/10 (Sehr gut)

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Metal muss nicht immer steif in ein Korsett passen und schon gar nicht dem ungeschriebenen Gesetz der genretechnischen Eingleisigkeit unterworfen sein. Eben so verhält es sich mit der Debüt EP des 2010 gegründeten Hamburger Vierers ERUPTION OF CORRUPTION. Das Datum der Veröffentlichung liegt zwar mit dem Dezember letzten Jahres recht weit zurück, jedoch wurde erst jetzt die Promophase so richtig eingeläutet, nachdem sich ein stabiles Line Up herauskristallisiert hat. Zahlreiche Auftritte auf den Bühnen Hamburgs ließen den Erfahrungsschatz wachsen und so präsentiert man sich jetzt mit stolz geschwellter Brust. Dass „Alternative Thrash“ ebenso wenig zutrifft wie auch nur eine der oben aufgeführten Musikstile, lässt sich im Folgenden gut beobachten.

Los geht es mit „Whistleblower“, welcher mit einer getragenen und geheimnisvollen Bassfigur beginnt. Kurz darauf kracht auch der Rest der Band mit dazu und ein harscher Stimmungswechsel wird vollzogen. Der Sound drückt schon mal amtlich nach vorne, auch wenn dem Bass leider etwas der Raum genommen wird. In Richtung Refrain dann das erste Aufhorchen. Sänger Davide Casarano überzeugt mit einer souveränen Leistung bei den Cleanvocals und tendiert mit seinem Timbre irgendwo klanglich zwischen dem kleinen Bruder von Ronnie James Dio und dem Kratzen von John Garcia. Ein Lob geht an Schlagzeugerin Jasmin für die sehr geil durchgezogene triolische Doublebass im B-Teil. Zum Ende liefert Bassist Neves ein Wettlaufen in Richtung der hohen Bünde seines Griffbrettes, welches auf dem Höhepunkt ausklingt und erneut in die Bassfigur vom Beginn mündet, bloß diesmal mit einem Reverse-Effekt. Guter Einstand mit schönem Drive, lediglich eine zündende Hook hätte ich mir gewünscht, die das Stück nochmal ordentlich steigert, nicht dass die vorhandene schlecht wäre, aber da hätte man vielleicht noch mit krachigeren Doubles und einer stärkeren zweiten Stimme mehr herausholen können.

Nach dem Einzähler zum nächsten Song „Unchained“ wird spätestens klar, dass das Label „Thrash“ wesentlich zu eng für ERUPTION OF CORRUPTION gefasst ist. Hier wechseln sich klassische Heavy Metal Anleihen mit Metalcore und ein wenig Progressivität ab. Die Vocals sind wieder spot on und wirklich einwandfrei vorgetragen, an dieser Front gibt es absolut nichts zu meckern. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich einen absoluten Faible für ordentlich gesungene Vocals habe und ebenfalls der Meinung bin, dass sich hier am Mikrofon ein deutlicher Wiedererkennungswert eingeschlichen hat. Im Soloteil wird das Tempo gekonnt gebremst und macht im Anschluss einer sphärischen Melodie Platz. Die Gitarrenarbeit ist indes mit dem treibenden Mainriff und den akzentuierten Akkorden im Refrain wirklich gelungen (verminderete Chords rulen immer heftig!).

Im Anschluss wird dann ordentlich breitbeinig gegangen. Ein tiefergelegtes Riff der Marke Black Label Society stampft mürrisch drauflos. Beim dritten Song vollzieht das Quartett damit also den nächsten stilistischen Wandel. Im Refrain geht es dann erneut in Richtung Heavy Metal, wobei die hohe Note im Gesang am Ende mal so richtig zeigt, wo der Cowboy den Kautabak hat. Im Solo und im daran anknüpfenden Riff geht man gar in Richtung Stoner Rock/Stoner Metal, inklusive Sabbath´schen Chorgesang. So langsam beschleicht einen das Gefühl, dass der Musikgeschmack der Truppe von Burzum bis Five Finger Death Punch reicht, und dass versucht wurde alles dazwischenliegende ebenfalls, in welcher Form auch immer, auszuloten. Nicht dass es falsch ist, verschiedene Stile bedienen zu können und diese miteinander zu verbinden, jedoch fehlt ein wenig der rote Faden, der erkennen lässt, wo ERUPTION OF CORRUPTION denn nun eigentlich zu Hause sind. „Unchained“ ist indes ein guter Song, der Durst auf Single Malt macht, allerdings bislang ziemlich deutlich aus dem Rahmen fällt.

Bei „Filler“ musste ich unweigerlich an „Wings for Marie“ von Tool denken, nur dass es hier weniger bodenlos traurig, sondern eher ziemlich zornig in Bezug auf die „YOLO-Gesellschaft“ zugeht. Zunächst sphärisch und viel Hall und dann plötzlich eine marschierende Strophe mit heiseren Shouts. Insgesamt eine sehr melodische Nummer, die irgendwie nicht so richtig zünden will, da die einzelnen Parts sehr kurzweilig sind. Man könnte jetzt böse behaupten, dass „Filler“ seinem Namen gerecht wird.

Im letzten Song „Limbless“ geht es dann sehr thrashig zu. Die schnellen Riffs treffen erneut auf den melodischen Klargesang und bilden eine groovige, flotte Nummer, die als Absacker mit seinem sich steigernden Aggressionspotential und rhythmischen Wechseln nochmal Eindruck macht. Besonders die Idee zwei verschieden gespielte Soli übereinander zu legen, die beide in denselben hymnischen Leadpart münden, ist ziemlich cool umgesetzt. Dadurch kommt dieser nochmal deutlicher zum Tragen.

Warum bin ich jetzt so explizit auf jeden einzelnen Song eingegangen? Die Musik, die ERUPTION OF CORRUPTION hier anbieten, ist vielschichtig, abwechslungsreich und handwerklich äußerst solide gemacht. Das Quartett beweist, dass es sich in allerlei Stilistiken bewegen kann und diese auch recht sicher beherrscht. Genau da liegt jedoch der größte Kritikpunkt. Es ist in Ordnung viele Einflüsse zu haben und diese auch als Inspiration heranzuziehen, doch irgendwo muss man die Waage halten, damit es kein allzu großes Durcheinander wird. Die Instrumentalisten und der Vokalist sind auf einem technisch guten Level, in Sachen „kohärentes Songwriting“ ist hingegen noch Luft nach oben. So sind auf „Unchained“ fünf Songs enthalten, die mehr oder minder für sich alleine stehen könnten. Nichtsdestotrotz macht die Mucke Laune und alle meine Punkte sind Jammern auf hohem Niveau, besonders wenn man bedenkt, dass es sich hier um das erste Klangerzeugnis handelt. Daher nochmal mein Eingangssatz: Metal muss nicht immer steif in ein Korsett passen und schon gar nicht dem ungeschriebenen Gesetz der genretechnischen Eingleisigkeit unterworfen sein.