Vitriol - To Bathe in the Throat of Cowardice AlbumcoverGenre: Death Metal/Technical Death Metal
Label: Century Media
Veröffentlichung: 06.09.19
Bewertung: 10/10 (Bombe)

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Frisches Blut benötigt der Death Metal! Man benötigt wahrlich nicht viel Zeit und Mühe um im Internet auf hunderte Technical Death Metal Bands zu stoßen. Doch so richtig zünden wollen nur die wenigsten. Ursprünglich gegründet wurden die aus Portland, Oregon stammenden VITRIOL 2013, aus den Resten der aufgelösten Deathcore Band THOSE WHO LIE BENEATH. Unter diesem Namen veröffentlichte das Trio ein Studioalbum und eine EP, bevor man sich entschied einen Neustart hinzulegen und den Bandnamen zu wechseln. 2017 veröffentlichte die Band unter neuem Namen die EP „Pain Will Define Their Death“, welche amtlich Wellen schlug. Nun steht (sozusagen) das Debüt bereit die Death Metal Welt auf links zu krempeln. Laut der Band ist Death Metal ein Genre der Angst, bei dem es keineswegs darum geht, sich in irgendeiner Art und Weise wohl zu fühlen. Dafür gehen die Herren stilistisch von technischem Death Metal und Grindcore bis hin zu Black Metal um zu erreichen was ihnen vorschwebt. Was „To Bathe From The Throat of Cowardice“ kann lest ihr hier.

Ohne langes Drumherum geht der erste Song „The Parting of a Neck“ nach vorn. Pfeilschnelle Blastbeats und schnelle technische Riffs geben sich die Klinke in die Hand. Jedoch wird die Tachonadel nicht durchgängig im roten Bereich angenagelt, sondern im Mittelteil wird Raum für ein fixes Shredder-Solo gelassen. Stimmlich erinnern Hauptvokalist Kyle Rasmussen und Bassist Adam Roethlisberger etwa an Jason Netherton von MISERY INDEX. Spannender Einstieg, der den Gehörgang ordentlich freipustet.

Jetzt wird geheadbangt! „Crowned in Retaliation“ legt mit fetter Doublebass und frickeligen Riffs im Midtempo vor. Die kurzen Stops die hier eingebaut wurden erfüllen mitnichten den Zweck durchatmen zu können, denn hier wird erbarmungslos geballert was das Zeug hält. Die Energie die hier zutage tritt pustet einen förmlich um. Vor allem die deutlich vernehmbaren Bassfiguren Roethlisbergers wissen zu gefallen. Teils absichtlich disharmonische Riffs und die schiebenden Drums von Scott Walker sorgen dafür das man ein Gesicht zieht, als hätte man sich frisch die Zähne geputzt und danach Orangensaft getrunken.

Höher, schneller, weiter. Der Beginn von „Legacy of Contempt“ ist einfach nur irrwitzig und absolut durchgedreht. Fast klingt es so, als würde Kyle Rasmussen ausschließlich Störgeräusche mit zufälligen Akkorden vermischen. Im Verlauf gibt es dann aber doch noch ein wenig Struktur, was nicht bedeutet das die Musik an Wucht verliert. Bereits so früh im Album steht fest, dass „To Bathe From The Throat Of Cowardice“ kein Album ist, das gerne gehört und besonders nicht genossen werden will. Hier kämpft jede Note (und davon gab es bis hierhin etwa 344.576) mit dem Hörer und fordert ihn heraus. Lediglich der Outropart gibt einigermaßen eine gerade Linie an.

Nach den ersten Takten von „I Drown Nightly“ wird man auf sehr angenehme Art und Weise an „Conquistadores“ von MISERY INDEX erinnert. Überdies ist es wahrlich bemerkenswert, dass VITRIOL ihre eigene manische Raserei immer wieder so gekonnt begrenzen können und man zwar an den totalen Rand der Belastbarkeit des Hörens gedrängt wird, dies aber mit den cleveren Arrangements aufgefangen wird. Besonders das Solo, welches dieses Mal ein wenig melodischer gehalten ist, lässt aufhorchen.

Den vorherigen Absatz Lügen strafend schießt „The Rope Calls You Brother“ sofort extrem nach vorn. Hier kommen die abwechselnden Vocalpassagen von Rasmussen/Roethlisberger besonders gut zur Geltung. Innerhalb des etwas über sechs Minuten andauernden Wutausbruchs verstecken sich diverse Tempovariationen und dissonante Harmonien. Der Missklang, der zwischenzeitlich auch in den Black Metal abwandert, breitet sich immer dichter über einem aus bevor ein mächtiger Groove der Sache halbwegs Einhalt gebietet. Eine beachtliche Leistung einen so langen Song derart  auf einem aggressiven Höchstlevel zu halten, ohne das es langweilig oder beliebig wird.

„A Gentle Gift“ lässt zunächst einen militärischen Trommelrhythmus inklusive Fliegersirene ertönen. Nicht lange jedoch und das Knäuel aus Formel-1-Riffs und derben Growls grätscht dazwischen. Die Kombination aus teils vertrackten Rhythmen, Akkord-Kaskaden und groovigen Panzerballett geht gut auf und verdammt schnell ins Bein.

Im Anschluss wird kräftigt die Nackenmuskulatur angesprochen. Der Tremoloriff am Beginn von „Violence, a Worthy Truth“ geht stoisch und martialisch in den Frontalangriff. Insgesamt geht es hier eher in Richtung Deathgrind, welcher aber weniger verkopft gehalten wird. Die Growls von Gitarrist Kyle Rasmussen gehen hier gefühlt nochmal zwei bis drei Etagen nach unten.

Die unbändige Raserei bricht einfach nicht ab und „Victim“ klöppelt erneut einen heftigen Teppich aus krassen Blastbeats und frickeligen Riffs. Was auffällig ist, ist die Tatsache, dass VITRIOL auf der schmalen Grenze zwischen Verstand und Wahnsinn (zumindest aus musikalischer Sicht) munter Purzelbäume schlagen und man sich nie sicher sein kann, ob nicht doch der nächste Part den Hörer wieder aus der Gewohnheit herausprügelt um das Hören möglichst unbequem zu machen. „Victim“ kann außerdem mit dem wohl fiesesten Riff des Albums aufwarten welcher den Unterkiefer nach vorne schiebt und die Augen zusammenkneifen lässt, während man mitnickt.

„Hive Lungs“ lässt ein wenig an die Tech Deather von ORIGIN denken, bei denen sich ebenfalls der Bass und die Gitarre harte Wettläufe liefern. Der Mittelpart und das Solo werden von einem Bergmassiv an Groove begleitet, was der Sache einen ziemlich majestätisches und getragenes Klangbild verlieht.

Der letzte Song hört auf den Namen „Pain Will Define Their Death“, was eine offensichtliche Anspielung auf die Debüt-EP von VITRIOL ist. Bei sage und schreibe sechs Minuten und dreiundvierzig Sekunden wird man schonmal skeptisch, ob es möglich ist eine so intensive Musik über diesen Zeitraum zu halten. Doch auch dieses Kunststück bringen die Amis fertig. Kaum ein Part wiederholt sich und technisch wird nochmal alles aufgefahren, was das Trio aus ihren Instrumenten herausholen kann. Schnelle Läufe an der Gitarre, aberwitzige Bassfills und eine absolute Ausnahmeleistung von Drummer Scott Walker. Ein wenig Black Metal-Romantik verliert sich ebenfalls in den Song, was gemessen an der Soundwand die hier über einem zusammenbricht, einen guten Kontrast liefert. Den Schluss zelebrieren VITRIOL dann ziemlich ausgedehnt. Während der letzte Riff hypnotisch wiederholt wird gesellen sich immer mehr Layer an Sounds und Samples dazu bevor auf dem Höhepunkt ganz abrupt der Stecker gezogen wird. Furia interruptus.

Machen wir es kurz und knapp: „To Bathe From The Throat of Cowardice“ ist so ziemlich eines der besten Death Metal Alben der letzten fünf Jahre. Das leidenschaftliche Spiel von Gitarrist Kyle Rasmussen, welcher stets und ständig ein Lick und einen Riff nach dem nächsten aus dem Köcher der Brutalität zieht, die völlig passenden und den Song sinnvoll ergänzenden Basslinien von Adam Roethlisberger die das Rückgrad der Songs stützen und das heftige und technisch meisterliche Drumming von Scott Walker kombinieren sich hier in einer Art und Weise die die Grenzen des Extremen bis in den letzten Winkel ausloten. Man fühlt sich zwar manches Mal etwas überfordert bei dieser schweren Kost, aber es dennoch zu schaffen das die Songs in sich stimmig sind und man eine eindeutige Handschrift erkennen kann erfordert immenses Talent. Chapeau, dieses Album muss man erstmal toppen können.