Jinjer Tourflyer 2019

Eine der momentan am meisten gehypten Bands überhaupt gastiert im Lido in Berlin. Als Gäste haben sich JINJER direkt noch THE AGONISTKHROMA und SPACE OF VARIATIONS eingepackt und versprechen somit einen Abend voll mit deftiger Kost und harten Nackenschellen.

Mal direkt Butter bei die Fische: Man muss die Musik der ukrainischen Band JINJER nicht mögen, allerdings muss man den Senkrechtstartern neidlos anerkennen, dass sie bis zur maximalen Belastungsgrenze touren, Alben releasen und nebenbei auch noch ihre Social Media-Präsenz derart im Griff haben, dass es beinahe unmöglich war innerhalb der letzten zwei Jahre an ihnen vorbei zu kommen. Was direkt nach Ankunft im Lido auffällt, ist die entsprechend hohe Anzahl an Shirts, welche den Namen der Headlinerband plakatieren. Das klingt jetzt zunächst erstmal alles andere als super ungewöhnlich, aber wann wart ihr das letzte Mal auf einem Konzert und nahezu 80% der Gäste trugen die Hauptband stolz als T-Shirtmotiv?

Den Anfang machten, leider früher als öffentlich kommuniziert, SPACE OF VARIATIONS. Der Deathcore mit elektronischen Einflüssen sorgte initial bereits für gute Stimmung und auch das Lido war zum Zeitpunkt des Anpfiffes gut gefüllt und die Meute wurde allmählich auf Betriebstemperatur gebracht. Durch das äußerst kurze Set ist es auch nur schwer, einen Eindruck der Band zu bekommen. Insgesamt war das Gebotene jedoch, soweit einschätzbar, eher beliebig und recht formelhaft.

Als zweite Band des Abends machten sich KHROMA bereit für die Bretter. Bereits beim Soundcheck für den Bass wusste ich: Das wird eine Herausforderung für die Wahrnehmung niedriger Frequenzen. Gespickt mit Samples, einzelnen Electro-Elementen und auf Knöchelhöhe getunten Gitarren hackte sich die finnische Band durch ihr Set. Auf Seiten des Vokalisten konnte man indes eine gewissen Nähe zu Trevor Phipps der amerikanischen Metalcorer UNEARTH ausmachen. Musikalisch war das aber hier nix. Die Songs waren alle recht eindimensional gestrickt und auch das durchgängig regierende Midtempo hat irgendwann genervt. Das Stakkato-mäßige Riffing und die passend dazu gespielten Doublebass-Akzente hat man in dieser Form bereits etliche Male gehört und zuweilen auch besser und vor allem insgesamt dynamischer und weniger unverbraucht. Die Samples und elektronischen Elemente schwankten zwischen „ganz cool“ und „furchtbar“ und waren einfach deutlich zu präsent und zu hoch frequentiert. Kann man jetzt trotzdem alles mögen, muss man aber nicht unbedingt.

Nach einer erneut ziemlich flotten Umbaupause (großes Lob an die Bühnentechniker an dieser Stelle!) standen nun die Co-Header THE AGONIST auf dem Menüplan. Das kanadische Kollektiv hatte in der letzten Zeit ziemlich mit sich selbst und vor allem auch mit Ex-Fronterin Alissa White-Gluz zu kämpfen. Es gab einige böse Worte, bei denen nicht klar ist, wer am Ende Recht hat. Nach dem verlorenen Labeldeal musste eine vollständige Neuerfindung her und diese haben THE AGONIST auch absolut großartig vollzogen. Mit der Neuverpflichtung von Sängerin Vicky Psarakis und dem erfolgreichen Release der neuen Platte „Orphans“ steht die Band nun wieder voll im Futter und hat mächtig Bock. Das gibt die Menge der Truppe auch dankend zurück und startet den ersten Circlepit des Abends. Im Raum verteilt beginnt sich Bewegungsdrang auszubreiten und reihenweise Hörner fliegen in Richtung Bühne. Zu neuen Songs wie „In Vertigo“, „Burn It All Down“ oder dem frisch ausgekoppelten Überhit „The Gift of Silence“ dirigiert Sängerin Vicky die Menge und feuert den Pit unablässig an, mehr Gas zu geben. Die Gitarristen Danny Marino und Pascal „Paco“ Jobin spielen sich gekonnt die Bälle zu und tauschen munter die Positionen, während Bassist Chris Kells die Backingvocals übernimmt und zusammen mit Drummer Simon Mckay ein knallhartes Fundament verlegt. Als abschließenden Knaller setzt es noch „As One We Survive“, bevor sich THE AGONIST verabschieden müssen. Musikalisch in allen Ehren hat mich die Musik der Kanadier nie so wirklich abholen wollen, live hingegen sind die fünf Musiker allerdings eine ziemliche Macht und definitiv empfehlenswert.

Nach dieser Packung hieß es schnell noch eine frische Hopfenkaltschale verköstigen, denn es wurde ziemlich heiß im Lido, da ist es wichtig sich anständig zu hydrieren. Nachdem das Licht gelöscht wurde, brandete euphorischer Applaus auf. Die LED-Wände, welche für Visualisierungen genutzt wurden, ließen einen drei minütigen Countdown herunterlaufen, bevor die JINJER fulminant mit „Teacher, Teacher!“ ins Set starteten. Der Pit, welcher sich bei THE AGONIST in Bewegung gesetzt hatte, wurde reaktiviert und prompt in seiner Größe verdoppelt. Der Sound ist glasklar und lässt jede Nuance zur Geltung kommen und auch die Lichtshow, nebst den angesprochenen LED-Wänden, macht ordentlich was her. Relativ früh im Set setzt es dann auch schon die erste Granate zum Niederknien namens „I Speak Astronomy“. Der Song, der JINJER maßgeblich zum Durchbruch verholfen hat, wird seitens des Publikums noch vor der ersten gespielten Note mit einem amtlichen Circlepit begrüßt. Sängerin Tatiana Shmailyuk hat die Menge fest im Griff und zelebriert mit ihren Musikerkollegen ein Feuerwerk in Sachen Performance. Die Gesangsleistung, die hier präsentiert wird, steht vollständig außer Konkurrenz und entlockt einem jedes Mal aufs Neue einen stattlichen Entenparka. Die Setlist balanciert sich ziemlich ausgewogen zwischen neuen und älteren Songs ein und bietet somit Abwechslung für jedermann.

Da der Club immer heißer und feuchter wird, streuen die Ukrainer eine Verschnaufpause in Form vom Song „Pisces“ ein. Der Pit gibt während des Songs einen interessanten Anblick ab. In den Strophen des Songs, welche ruhig und leise gehalten sind, liegen sich die Leute in den Armen und schunkeln gemeinsam im Takt der Musik, nur um sich im aggressiven Refrain wieder gegenseitig Backenfutter zu geben. Vereinzelt kann man sogar Crowdsurfer sichten, wobei der Begriff „Circlesurfer“ passender wäre. Die Bühne des Lido bietet keinen Graben, in dem Crowdsurfer aufgefangen werden könnten, aber die Menge ist einfallsreich und trägt die Crowdsurfer einfach im Kreis durch den gesamten Saal und um den Pit herum. Als gegen Ende dann mit „Captain Clock“ statt eines epischen Brockens ein rasanter und aggressiver Knaller aufgespielt wird, ist es schwierig im Konzertsaal auch nur eine einzige Person ausfindig zu machen, welche nicht die Haare fliegen lässt oder sich anderweitig bewegt. Die Intensität der Musik und die Energie der Band haben die etwa 600 bis 700 Gäste kollektiv angesteckt und in einen tobenden Partymob verwandelt. Nach gut 75 Minuten kann man sich die Klamotten auswringen und mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass JINJER nicht einfach nur eine Band sind, die einfach einen Hype genießt, sondern diesem auch in allen Aspekten gerecht wird. Davon zeugen allein die zahlreichen ausverkauften Venues, die noch auf dem (wieder einmal mehr als üppigen) Tourplan stehen.

Setlist JINJER:

  1. Teacher, Teacher!
  2. Sit Stay Roll Over
  3. Ape
  4. Judgement (& Punishment)
  5. I Speak Astronomy
  6. Dreadful Moments
  7. Who Is Gonna Be The One
  8. Retrospective
  9. Perennial
  10. On The Top
  11. Pit of Consciousness
  12. Just Another
  13. Words of Wisdom
  14. Pisces
  15. Captain Clock