Insomnium . Heart Like a Grave AlbumcoverGenre: Melodic Death Metal
Label: Century Media
Veröffentlichung: 04.10.19
Bewertung: 9/10 (Bombe)

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Irgendwo aus den Untiefen der finnischen Wälder, versteckt im östlichsten Zipfel des Landes, machten sich einst INSOMNIUM auf, die Welt des Melodic Death Metals zu revolutionieren. Seit dem Gründungsjahr 1997 veröffentlichte das Quartett sieben Alben, welche stilistisch immer progressiver und vielschichtiger wurden. Angefangen mit dem 2002er Werk „In The Halls of Awaiting“ und einer noch deutlich vernehmbaren klassischen Melo-Death-Schlagseite, erreichte die Band im Jahr 2014 mit „Shadows of the Dying Sun“ und zwei Jahre später mit „Winter’s Gate“ völlig neue Sphären in Sachen Songwriting und Einzigartigkeit. Besonders mit „Winter’s Gate“ konnten INSOMNIUM große Erfolge verbuchen. Beispielsweise erreichte die Truppe um Frontdenker Niilo Sevänen mit dem Album Platz eins der finnischen und Platz 17 der deutschen Albumcharts. Jetzt steht das achte Album ins Haus, welches mit den vorab veröffentlichten Singles auf Großes hoffen ließ. Inzwischen sind INSOMNIUM um einen dritten Gitarristen reicher. Jani Liimatainen sicherte sich den Posten des Neugeigers. Auch Liimatainen ist kein unbekannter in der finnischen Szene. So war Liitamainen Gründungsmitglied von Sonata Arctica, welche er allerdings 2007 verließ. Ob „Heart Like a Grave“ die nächste Offenbarung aus der skandinavischen Schmiede ist oder ob sich INSOMNIUM die Messlatte selber unerreichbar hoch gehangen haben, lest ihr hier.

Der Dosenöffner des Albums „Wail of the North“ beginnt mit seichten Pianotönen und Synths, entwickelt sich aber recht schnell in einen epischen Auftakt, welcher mit dem Opener vom Album „Shadows Of A Dying Sun“ verglichen werden kann. Der Introtrack bereitet dem ersten vollwertigen Song und der ersten Singleauskopplung „Valediction“ geschickt den Weg, da beide Titel flüssig ineinander übergehen.

„Valediction“ sorgt dann bereits das erste Mal für schwelgerisches Aufhorchen. Der klare Gesang und die allgemein bei INSOMNIUM etablierte hoffnungsvolle Melancholie breiten sich meilenweit vor einem aus und macht eine ungeheuer große Fläche, die mit seiner Melodie und seinem gezügelt aggressiven Riffing eine völlig eigene Farbpalette bereitstellt. Der Refrain, welcher sich durch die markanten Leads sehr gut abhebt, geht direkt ins Ohr und macht ordentlich Stimmung.

Beim anschließenden „Neverlast“ wird auffällig, dass sich INSOMNIUM zwar in ihrer Entwicklung durchaus fortbewegen, sie allerdings ihre Anfänge nicht verneinen. Vielmehr wird hier der Melo-Death vom Debüt „In The Halls Of Awaiting“ mit den melodisch-progressiven Aspekten von „Winter’s Gate“ kombiniert und fasst das Schaffen der Band perfekt zusammen. Wütendes und schnelles Riffing wechselt sich mit übermannshohen Leads ab und lässt Platz für Variationen. Die Möglichkeiten, die durch die Hinzunahme einer dritten Gitarre ins Repertoire zur Verfügung stehen, sind schier endlos und die Finnen wissen sehr genau, wie sie mit einer derartigen Instrumentierung umgehen müssen, um noch mehr aus den Songs herauszuholen. „Neverlast“ ist ein vielschichtiger Brocken, der selbst den hartnäckigsten Fluss augenblicklich gefrieren lassen sollte.

Mit „Pale Morning Star“ sollte es INSOMNIUM gelungen sein, einen weiteren Band-Klassiker einzuspielen. Der atmosphärische Beginn, mit Chören, Synths und Black Metal-esken Tremologitarren zieht einen bereits tief in den Strudel, doch als im Refrain dann die unfassbaren Leads seitens der Gitarristen Friman/Vanhala dazukommen, brechen einfach alle Dämme. Das immer weiter vorandrängende Crescendo aus todtraurigen Melodien und schiebenden Drums, samt Doublebass, vereint sich mit der markerschütternden Stimme von Niilo Sevänen und mündet in ein sehr starkes Solo. Der Song schafft es durch die völlig schlüssige Reihenfolge aus sich aufbauenden Soundwänden und ruhigen, sich zurück nehmenden Passagen, dass er beinahe wie ein akustischer Kinofilm wirkt. Das Outro des Songs wird erneut begleitet von Streichern, pompösen und wuchtigen Kriegstrommeln und diversen Hörnern, während im Hintergrund die einzig verbliebene Gitarre die Hauptmelodie weiterspinnt. Das hier Gebotene ist dem Songtitel entsprechend von einem anderen Stern und sollte kompositorisch eines der besten Melodic Death Metal-Stücke der Neuzeit sein.

Im folgenden „And Bells They Toll“ regiert vorrangig eine getragene Stimmung, die durch allerlei melancholische Melodien zum Tragen kommt. Im Refrain wird mit Clean-Vocals aufgetrumpft, was dem Song einen abwechslungsreichen Farbtupfer verpasst. Überraschend ist, dass die stattliche Spielzeit einfach so an einem vorüberfliegt. Das soll keinesfalls negativ gemeint sein, sondern zeugt nur abermals von der Finesse mit der INSOMNIUM ihre Songs arrangieren. Die geschickt eingeflochtenen Streicher und das Piano ergänzen das Klangbild zusehends, während weiter im Hintergrund die Gitarren unbeirrt das Konstrukt anschieben.

Und so bahnt sich das Kollektiv immer weiter seinen zugeschneiten und vereisten Weg. Im nach wie vor melodischen „The Offering“, welches mehr die Tendenz zum Voranpreschen besitzt und durch die teils gesprochenen Passagen und das geschmackvolle Solo glänzen kann, werden die orchestralen Elemente kontinuierlich zelebriert. Bei „Mute Is My Sorrow“ werden hingegen die Arrangements für drei Gitarren mehr als deutlich, wobei hier ein eher traditioneller Melo-Death-Ansatz das Klangbild bestimmt. „Mute Is My Sorrow“ ist zweifelsfrei ein guter Song, vermag aber keine wirklichen Highlights zu setzen, was in Anbetracht des bisher Gebotenen auch sehr schwer fällt.

Ein gewisses „Der Herr der Ringe“-Feeling kann man „Twilight Trails“ nicht absprechen. Die martialische Klangkulisse und die wieder gesprochenen Passagen wirken in diesem eher introvertierten Erzeugnis recht cineastisch. Der Song wirkt wie ein dahintreibender Eisberg: Losgelöst, unbeirrbar und stoisch vorantreibend.

Der Titeltrack „Heart Like A Grave“ vermittelt indes, gemäß des Namens, ein Gefühl als würde man in ein metertiefes Grab schauen. Der Build-Up in der Songmitte wendet das Blatt jedoch geschickt und schafft so einen Stimmungsumschwung von bodenlos traurig hin zu aufstrebend-melancholisch. Immer noch ein irgendwie negatives und verlorenes Gefühl, allerdings in sehr schönem Gewand.

Der letzte Titel hört auf den Namen „Karelia“, ist der Rausschmeißer und ein sehr langes Instrumental. Zunächst baut sich der Song sehr vorsichtig und nahezu fragil auf und entlädt sich später in ausufernden Melodien, die immer wieder aufgegriffen und in veränderter Version erneut wiedergegeben werden. Wobei die Hauptmelodie mit seinen Akkordwechseln ein wenig an „Das Boot“ von U96 erinnert. Komische Zufälle gibt es.

„Heart Like A Grave“ ist in der Gesamtheit, trotz seiner teilweise bockstarken Songs, kein wahnsinnig innovatives Album. Die Detailarbeit, die man den Finnen hier einfach absolut attestieren muss, nimmt streckenweise schon sehr extreme Züge an und hier und da hätte es auch ein wenig mehr auf den Punkt gespielt sein können. Die riesigen Melodiebögen und das allgemein vorherrschende Gefühl der Leere und Verlorenheit kommt zwar in jedem der Stücke rüber, dennoch startet nicht jeder Song sofort durch wie beispielsweise „Pale Morning Star“. Nichtsdestotrotz ist das hier gerade Jammern auf Champions League Niveau. Als Soundtrack für die verregneten Herbsttage und den bevorstehenden Winter bietet „Heart Like A Grave“ nämlich genau die richtige Kost zum Schwelgen, Innehalten und Nachdenken, und genau für diese Zielgruppe wurde das Album letztlich auch produziert.