GosT - Valediction AlbumcoverGenre: Synthwave/Industrial/Dark Wave
Label: Century Media
Veröffentlichung: 04.10.19
Bewertung: 6/10 (Gut)

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Reitet die Welle! Die US-Amerikaner von GOST, allen voran der Chefdenker Baalberith, sind seit etwa 2013 unterwegs und haben es sich zur Aufgabe gemacht, die rohe und aggressive Art des Metal mit schwebender Elektronik und 80er Jahre Synthwave zu vermischen und ihre ureigene Interpretation von Dark Wave auf die Massen abzufeuern. Seit dem Gründungsjahr war die Truppe sehr umtriebig und veröffentlichte bislang fünf Alben und vier EP’s. Die Wurzeln der Musiker liegen eindeutig sehr tief im Black Metal, was letztlich das düstere Auftreten samt Corpsepaint und die morbiden Melodien erklärt. Doch ist die Musik von GOST nur eine müde Eintagsfliege oder besitzen die Kompositionen einen revolutionären Pioniergeist, der die scheinbar unvereinbaren Welten Metal und Electronica zusammenführt?

Kaum angefangen folgt auch schon das erste erschrockene Aufhorchen. Ist das wirklich das richtige Album? „Relentless Passing“ startet mit schnellen Blastbeats, bedrohlichen Orgeln und dem Black Metal typischen Keifgesang. Jedoch gesellen sich später im Song die ersten Synthies dazu. Auch der Gesang wechselt vom Keifen zum Cleangesang. Am Ende schwenkt der Song jedoch wieder um und präsentiert in der Kombination aus Blastbeats und Electro-Elementen eine Mischung die entfernt an Anaal Nathrakh erinnert.

„Wrapped in Wax“ hingegen startet direkt düster-melodisch und mit deutlich höherer Synthiefrequentierung. Die Vocals von Sänger Baalberith kann man irgendwo zwischen Neil Tennant (Pet Shop Boys) und Dave Gahan (Depeche Mode) einsortieren. Der Song ruft vor dem geistigen Auge, zusammen mit seinen wechselhaften Gesang und der Dynamik, Bilder vom Film „Judge Dredd“ wach, der ein ähnlich dystopisches Bild zeichnet. Der Beat am Schluss weist einen leichten Dubstep-Flair auf.

In „Dreadfully Pious“ kann man den typischen Sound von Depeche Mode vernehmen, welcher beispielsweise in einem der bekanntesten Songs der Band „Just Can’t Get Enough“ zu hören ist. Der 80s-Vibe und die Kombination aus hintergründig düsterer aber vordergründig fröhlicher Stimmung, sowie der super poppige Refrain nebst den Kraftwerk-mäßigen Synthies machen aus „Dreadfully Pious“ eine einwandfrei tanzbare Nummer. Die Bilder von Filmen wie „Tron“ oder dergleichen schweben vor dem geistigen Auge auf und ab.

Der krasse Stilbruch vom Beginn hält auch in „Timeless Turmoil“ wieder Einzug. Black/Grind schraubt sich mit schiefen und morbiden Synthies fies ins Gehör. Doch die Musik verharrt nicht lange in diesem Metier. Die Synthies bleiben zwar, doch wechselt man von Grind mit Vocals à la Cattle Decapitation hin zum Sample-geschwängerten Dubstep. Die Fliegersirene gegen Ende weckt Erinnerungen an „Silent Hill“ und die Nummer entwickelt sich zu einem sich hypnotisch wiederholenden Goth-Disco-Tanzparkettfeger. An diesem Titel ist zu merken, dass das Experiment aus derben Metal-Einlagen und elektronischen Klangfacetten durchaus glücken kann, wenn man, wie hier geschehen, ein Händchen für geschickte Arrangements hat.

Natürlich darf auch ein kurzer Klischee-Klumpen nicht fehlen. „Bloody Roses“ ist in seinem Soundbild und der poppigen Struktur ein textlich formelhafter Zwischenhappen für Vampirliebhaber. Auch wenn die Synthie-Melodie an sich ganz gut ins Ohr geht, sollte dieser Song maximal Pluspunkte bei Leuten sammeln, die sich immer noch Bilder von Victoria Francés über’s Bett hängen.

Mit „Call of the Faithful – Faithless“ gesellt sich dann der erste Song ins Repertoire, welcher eine Nähe zu Pertubator aufweist. Interessanterweise wissen GOST hingegen besser zuzupacken. Zwar ist die Mischung vergleichbar (Dark Wave mit bösen Melodien), jedoch trumpfen die Amis mit ihrem Gesang und dem allgemein deutlich wahrnehmbaren Metal-Charakter eher auf. Gut zu hören an dem hier gespielten und ziemlich sludgigen Bass- und Gitarrenriff, welcher eine sinnvolle Ergänzung abgibt. Aber warum zum Henker muss ich ständig an „Stranger Things“ denken?

„She Lives in Red Light – Devine“ geht erneut melodiös ins Rennen und hat einen leichten 16-Bit-Flair zu bieten. Die Musik und der Gesang klingen schon beinahe so, als würde im nächsten Moment Peter Steele von Type O Negative zu hören sein. Der Refrain geht wieder mehr in Richtung Depeche Mode und besticht mit Melodien, die man von Eurythmics kennt. Die Vocals werden hier auch ein wenig experimenteller und spielen mit mehrstimmigen Gesang und Phrasierungen.

Einer der coolsten Songs verbirgt sich hinter „Ligature Marks“. Die Keys, welche an eine Mystery-Serie erinnern, und die im etwas tieferen Register angesetzten Vocals vereinen sich mit dem stampfenden Beat der in Richtung New Order geht und bilden so eine Symbiose aus bitterböser und gleichzeitig eingängiger Melodie. Der verzerrte Synth-Bass und das eiskalte Gekeife lassen diesen Song wohl am meisten zünden. Nichtsdestotrotz wirkt es dennoch ein wenig gehemmt, so als wollte man gar nicht zu extrovertiert agieren. Anhand der exotischen Mischung ist dies allerdings recht schade, denn man wartet auf DEN einen Beat oder DIE eine große Melodie, die nach vorne geht und zum Bewegen animiert. Die Musik soll weitesgehend tanzbar sein, also warum geht man nicht zur Abwechslung in die Vollen und lässt es krachen?

Diese Tanzbarkeit findet man auch in „Push“ wieder, wobei es hier schon fast EDM- und House-lastig klingt. Wären zwischendurch nicht die Einschübe der verzerrten Keys könnte man den Song sogar in normalen Großraumdiskotheken laufen lassen und niemand würde es merken. Allerdings nur bis zur Hälfte. Denn dann setzt auch wieder der Keifgesang ein und die Melodie wird böser und hektischer.

Der abschließende Song „Severance“ geht nach dem kurzen trancigen Start in eine ziemlich straighte Richtung. Black Metal und Grindcore mischen sich mit stampfenden Beats und elektronischen Blastbeats und wickeln alles in fiese Harmonien ein. Hier taucht dann auch endlich ein Up-Tempo-Beat auf, auf den man so lange gewartet hat und der sich deutlich abhebt.

Ist das Experiment nun geglückt? Zu größeren Teilen ja. Die Mischung aus finsteren Keys, Beats und Black Metal-Anleihen ist wie gemacht für Gothic-Parties und weiß durch seine harmonischen Farbtupfer schon zu überzeugen. Allerdings wären mehr zwingende Momente sehr wünschenswert gewesen. Zumeist wabert die Musik von GOST zu sehr dahin und es entwickelt sich nicht wirklich viel Dynamik. Der 80s-Vibe ist natürlich nicht erst durch Serien wie „Stranger Things“ entstanden und auch keineswegs eine Anbiederung an den momentanen Hype um das Jahrzehnt. Die leicht düstere Aura, welche perfekt zu Neon, Nebel und dem Nachtleben in schummerigen angeschwärzten Diskotheken passt, hält sich seit Jahren in der Gothic-Szene und versprüht immer diesen androgynen aber dennoch sinnlichen Flair, zu dem man sich einfach bewegen möchte. Doch bei GOST hat man eher das Gefühl in einem Ohrensessel zu sitzen, während um einen herum Menschen in knappen Outfits in Käfigen tanzen, während man selber Rotwein schlürft und Sartre liest. Auch cool, aber abgehen tut das jetzt nicht unbedingt.