OFDRYKKJA - Gryningsvisor Albumcover-minGenre: Black Metal/Folk Metal/Post Black Metal
Label: AOP Records
Veröffentlichung: 29.11.19
Bewertung: 6/10 (Gut)

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Düstere Zeiten liegen hinter OFDRYKKJA. Die schwedischen Musiker, die sich hinter der Band verbergen vereint eine schwierige Lebenszeit, bestehend aus psychischen Problemen, stoffgebundenen Abhängigkeiten und diversen Disputen mit dem Gesetz. Doch Musik ist Therapie und durch die Kanalisation der Negativität in ihrem Leben schafften es die Akteure, alles Schlechte kreativ zu bannen. Stilistisch wurde sich dazu passend der Black Metal auserkoren, wobei durchaus auch luftige Folk-Momente eingewoben werden. Begonnen hat die Reise Band mit dem 2014-er Album „A Life Worth Losing“, welches 2017 das Nachfolgealbum „Irrfärd“ nach sich zog. Nun steht mit „Gryningsvisor“, was sich als „Morgendämmerung“ übersetzen lässt, das dritte Album bereit um erneut tief schwarze Pfade zu bewandern.

Angetreten wird die Reise mit dem Introstück „Skymningsvisa“. Der zarte Beginn stimmt den Hörer direkt schwermütig und macht mit seinem sich hypnotisch wiederholenden Thema klar, wie es im Folgenden weitergehen wird. Das Intro vermittelt bereits das Gefühl von Wärme und Kälte gleichzeitig, was sich auch weiter im Album widerspiegeln wird.

„The Swan“ startet ebenfalls sehr vorsichtig und fragil. Der Sound der Gitarre klingt indes schön old school und reudig-kratzend, ist allerdings eher weiter in den Hintergrund gemischt, was der Atmosphäre ziemlich zuträglich ist. Die Drums bedienen ebenfalls eher eine äußerst songdienliche Komponente und sind sehr zurückhaltend, während die Vocals zwischen Gekrächze und klarem Gesang hin und her wechseln. Die emotionalen Aspekte stehen bei der Musik von OFDRYKKJA im Vordergrund und die Musik ist ziemlich stimmig, bedenkt man doch, welche Schicksale sich hinter den Musikern verbergen.

Das sich anschließende „Swallowed by the Night“ beginnt erneut mit einem akustischen Intro, welches sehr dicht am Mikrofon aufgenommen wurde. Man kann jedes Rutschen auf den Saiten oder das Knacken des Griffbretts wahrnehmen. Wenn man genau hinhört, kann man sogar den Klang hören, den die Fingerkuppen beim Zupfen geben. Das schafft eine ziemliche Nähe und Intimität zwischen Hörer und Musiker. Der weibliche Gesang, welcher ebenfalls mit eingebunden wird, schafft interessante Harmonien und bedient sich folkiger Melodien, die allerdings sehr zurückhaltend und keineswegs aufdringlich fröhlich sind. Der männliche Konterpart am Mikro bietet eine interessante Dynamik und steigert oder reduziert die Intensität, mit der gesungen wird. Der elfengleiche Gesang wirft einem Bilder von Frauen in weißen Kleidern in den Kopf, die mit Blüten in den Haaren, in Zeitlupe vor einer schneebedeckten skandinavischen Bergkulisse Hand in Hand im Kreis tanzen, während in deren Mitte ein verwundeter Krieger gen Himmel blickt und seine letzten Atemzüge macht.

Minimalistisch geht es auch mit „Ensam“ weiter, welches sich als akustisches Interlude entpuppt, welches an das Albumintro erinnert und die Atmosphäre weiter verdichtet.

„Wither“ ist im Anschluss so ein Fall für sich. Hier wurden diverse Experimente versucht, von denen nicht unbedingt alle so geglückt sind wie sie vermutlich sollten. Zunächst wurde das Tempo hier etwas weiter oben angesiedelt, was nach den langen und getragenen Passagen in den vorigen Stücken eine willkommene Abwechslung ist. Allerdings klingt das erste Drittel, mit seinen gesprochenen Texten, etwas unrund und nicht wirklich tight gespielt, sondern eher lapidar dahingezockt, nach dem Motto: „Ich starte jetzt die Aufnahme und wir loopen das einfach ein paar mal.“. Die Stärken bei OFDRYKKJA kann man eher im schmachtenden und leidenden Tempo sehen, denn hier sind die Schweden durchaus kreativ und agieren zuverlässig, was sich im späteren Songverlauf auch beweist. „Wither“ verliert sich insgesamt allerdings etwas in sich selbst.

Interessant ist der Ansatz beim neuerlichen Interlude „In i natten“. Der mittlerweile etablierte Frauengesang wirkt hier eher beschwörend und die Stimmung wirkt hier etwas angespannter als noch bei „Ensam“.

„As The Northern Wind Cries“ setzt danach erneut auf die Kombination aus 3/4 Takt, dezenten Drums und akustischen Elementen. Diese Formel bedient die Band innerhalb des Albums häufig und hebt damit verschiedenste Stücke aus der Taufe. Klar macht „As The Northern Wind Cries“ mit seinen Streichern und dem experimentellen Gesang was her und sicherlich kann man das emotionale Gebräu der Herren nachfühlen, dennoch wäre der eine oder andere Stimmungswechsel oder die eine oder andere innovative Passage nicht verkehrt gewesen. Das letzte Bisschen Substanz bleiben OFDRYKKJA einem irgendwo immer schuldig.

Während „Herr Mannelig“ hauptsächlich mit weiblichen Gesang und akustischer Gitarre aufwartet, wird einem klar, wie zart Black Metal manches Mal sein kann und es eben nicht immer nur um Tod und Teufel gehen muss.

Insgesamt ist „Gryningsvisor“ ein sehr emotionales Album, dem man anmerken kann, dass es den Musikern wichtig ist, sich auszudrücken und negative Elemente zu verarbeiten. Die Songs sind teilweise sehr lang und zeitgleich in sich selbst ruhend, was bedeutet, dass man hier keine extreme Raserei oder überbordende Arrangements erwarten muss, sondern eher eine ziemlich auf sich bezogene und reflektierte Sichtweise des eigenen Handelns vorliegt. Streckenweise kann man hoffnungsvolle Klänge vernehmen, die allerdings wieder, beabsichtigt, in melancholischen Strukturen begraben werden. Am Ende bricht doch immer ein neuer Tag an und man hat eine lange und angsterfüllte Nacht überstanden, in der man dem eigenen Abgrund getrotzt hat. Jedoch birgt ein jeder neuer Tag nur eine weitere Nacht in sich. Man muss allerdings für diese Art der Musik empfänglich sein, was heißt, dass sich „Gryningsvisor“ nicht mal eben als kurze Bespaßung nebenher weghören lässt. Was auch vollkommen in Ordnung ist, jedoch fehlt es den Songs an manchen Ecken an zwingenden Momenten, um sie wirklich tief im Gedächtnis und im Nervenkostüm zu verankern.