Dass SMV einen Bericht über das Fuck Cancer Festival 2020 abliefern kann, mag wohl so einige Metalheads überraschen. Zum einen erinnern sich sicherlich noch viele an einen nicht so grandiosen Bericht unsererseits über dieses Festival, zum anderen ist Corona-Zeit. Glücklicherweise war das Fuck Cancer Festival noch nicht vom Veranstaltungsverbot betroffen, sodass wir den grandiosen Bands in Juki 42 in Ahrensburg beiwohnen konnten, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln, nämlich für das Kinderhospiz Sternenbrücke.
Dieses Jahr sind wir sogar in drei Positionen vertreten. Unser hauseigenes Maskottchen Alex ist als Fan und Schreiber vor Ort, unser Quoten-Ostdeutscher Marko ist in der Crew und der talentierteste unserer Redaktion, Johnny, ist als Musiker von SURFACE vertreten.
Da dachten wir uns, wir schreiben einfach mal zwei verschiedene Berichte. Los geht es mit dem von Alex.

– Das Fuck Cancer Festival hat mittlerweile einen festen Termin für viele Hamburger Metalheads, so wundert es auch nicht, dass sich die lokale Metalprominenz vor Ort zum Feiern trifft. Bereits vor offiziellem Einlass treffen schon etliche Fans ein, um schon einmal vor dem Eingang ein kühles Getränk zu sich zu nehmen und das Essensangebot genauer zu begutachten.

Das Fuck Cancer startet etwas ungewöhnlich, denn mit TILL BURGWÄCHTER steht dieses Mal keine Band als Opener auf der Bühne, sondern ein Autor, welcher eine Lesung hielt. Eine Lesung auf einem Metal-Festival? Kann das gehen? Ja, geht. Till, oder Marc Halupczock, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, schreibt für die größte deutsche Metal-Zeitschrift und ist seines Zeichens Metalfan der frühen Stunde, was man an der Auswahl seiner Texte auch merkt. So liest TILL BURGWÄCHTER einige Auszüge aus seinen Werken „Die Wahrheit über Wacken“, „Tillicus, Glossicus, Metallicus“ (Hörbuch) oder „Voll die Blamage“. In diesen verteilt der Braunschweiger reihum verbale Schelten an den Mainstream, allerlei Klischees und knöpft sich auch den mittlerweile omnipräsenten und heiß gehassten deutschen Schlager vor.
Auf humoristische Weise bekommen so allerlei Künstler ihr Fett weg und auch die eigene Subkultur des Metal darf (und kann) zeigen, dass sie über sich herzlich lachen kann.
Sicherlich eine gut gemeinte Idee, allerdings scheint dieses Programm nicht genau den Nerv der Fans zu treffen, denn das Juki ist noch relativ leer, was allerdings auch an der frühen Stunde liegen kann. Auch wir waren anfangs von Till nicht überzeugt, aber er hat richtig abgeliefert.

Weiter geht es mit dem ersten musikalischen Act des Tages, der COFFIN CREW. Wer von der COFFIN CREW noch nie etwas gehört hat, dem sei gesagt, es sind quasi Motörhead bestehend aus Fischköppen. Sehr solide, sehr geil – mehr muss man da nicht wissen. Der Saal ist mittlerweile deutlich gefüllter, wenngleich auch noch immer viel zu leer für eine derart gute Band. Die COFFIN CREW spielt sich richtig in Ektase und feiert auf der Bühne ordentlich ab. Kurz vor Ende stellt ein mutiger Vater dann noch seine kleine Tochter auf die Bühne, die noch schnell eine Gitarre umgehängt bekommt und man versucht sie zum Spielen des Instruments zu bewegen. Sicherlich eine süße Aktion, aber ob das sein muss?

Coffin Crew

Weiter geht es mit ANTILLES, die sicherlich die Überraschung des Tages sind. Death Metal mit hohem technischen Niveau und extrem anspruchsvoll. Bei Death Metal ist es meist so, dass es kein „Zwischending“ gibt. Entweder suckt eine Band live einfach nur oder sie reißen alles ab. ANTILLES sind von bessere Zeiten Sorte und liefern ordentlich ab. Ob SURFACE hinter der Bühne stehen und Muffensausen haben, weil sie nach einem so geilen Auftritt später auch noch auf die Bühne müssen? Man weiß es nicht, aber ANTILLES geben absolut alles. Hier werden die Nackenmuskeln ordentlich beansprucht und die Gehörgänge freigeblasen. Eine richtig solide und hammergeile Show.

Weiter geht’s: Stilbruch.
Was genau VLADIMIR HARKONNEN spielen, vermag wohl keiner so richtig zu sagen. Irgendwas zwischen Thrash und Punk, aber eines ist gewiss: Auf die Fresse!
Die Band gehört nicht zu meinen persönlichen Favoriten, allerdings bin ich im Thrash auch alles andere als bewandert. Dennoch kann ich der Band ein gewisses Können attestieren. Den Fans scheint es zu gefallen, hier wird ordentlich eskaliert. Aufgrund der Tatsache, dass Thrash jetzt aber gar nicht meine Baustelle ist, nutze ich den Moment, um vor der Tür ein paar Lose für die Tombola zu kaufen und das kulinarische Angebot in Anspruch zu nehmen.

Vladimir Harkonnen

Weiter geht es mit TERRA ATLANTICA, die gleich zu Anfang für ein wenig Verwirrung sorgen. Während des Soundchecks noch in voller Besetzung, scheint zu Beginn wer zu fehlen. Ein paar Songs und wilde Spekulationen später stellt sich dann heraus, dass man den Einstand des neuen Bandmitglieds pompös gestalten wollte. Daher auch der Spannungsbogen. Power Metal ist nicht jedermanns Geschmack, die vielen Backing-Tracks und die hohen Gesänge sorgen aber auf jeden Fall für gute Laune beim Publikum. Ob man das Genre und die Musik nun mag oder nicht sei mal dahin gestellt, spielerisch ist das aber ganz großes Tennis. Um derart frickelige Riffs zu spielen, bedarf es einer Menge Können. Obwohl das Ganze alles andere als einfach ist, machen die Jungs auf der Bühne noch ordentlich Show und heizen das Publikum zum Mitfeiern und Mitsingen an – mit Erfolg.

Weiter geht es mit etwas Melodic Death Metal, abgeliefert von SERPENTIC. SERPENTIC fahren so ziemlich alles auf, was man auffahren kann. Eine richtige Wand aus Instrumenten schallt den Besuchern ins Gesicht. Ob es nun an den paar Hopfengetränken liegt, vermag zu diesem Zeitpunkt keiner mehr zu sagen, aber der geneigte Besucher zählt doch tatsächlich drei Gitarren + Bass + Keyboard auf der Bühne. Obwohl der Platz auf der Bühne schon recht gut ausgefüllt ist, findet Sänger Christian überall noch ein paar Lücken, um von A nach B zu flitzen und den Fans nochmal einzuheizen. Hier und da springt der Funke zwar nicht ganz über, aber die Band macht das mit einer energiereichen Liveshow wieder wett, sodass auch hier von einem sehr gelungenen Auftritt gesprochen werden kann.

SerpentiC

Über die nächste Band, kann man eigentlich nur dasselbe schreiben, wie schon die dutzenden Male zuvor. NIGHT LASER machen einfach immer Stimmung. Kaum eine Band ist derart symphatisch und vermag es, das Publikum derart mitzureißen und zum Feiern zu animieren. Klar, das Genre ist etwas speziell und der Gesang von Sänger Benno sicherlich nicht für jeden was, aber selbst Grumpy Cat würde hier das Herz aufgehen, denn die Jungs machen einfach gute Laune. Worte können die Atmosphäre hier schlecht beschrieben. Wer also nicht da war, sollte sich schämen und die Band umgehend bei der nächsten Gelegenheit live begutachten.
Apropos immer geil: Jetzt wird es olympisch. Wer sich unter dem Genre Olympic Death Metal, das die Band SURFACE eigens für sich kreiert hat, nichts vorstellen kann, dem sei gesagt, dass die Band leider keine Bühnenshow hat, die aus Diskuswerfen, Fechten und Weitsprung besteht.
Aber wenigsten bleibt Sänger Tom dank des Gewichthebens dem Genre treu. Auch die Fans werden vom Genre immer wieder animiert, sich auf den Boden zu setzen und zu rudern.nDie Fans rudern dank Surface sogar so heftig, dass Deutschland im Doppelzweier, wenn SURFACE mit dabei gewesen wären, 2016 Gold geholt hätte – und nicht Kroatien. SMV – hier, wo lesen bildet. Aber genug Stumpfsinn: Sicher ist auf jeden Fall, dass die Band, wenn Geknüppel und Headbangen olympisch wäre, jedes Mal Gold nach Hause holen würde. Das liegt zum einen an der unfassbaren Livepräsenz von Sänger Tom, zum anderen aber auch an dem machtvollen Gestampfe von Basser Tim, der über die Bühne stampft.
SURFACE sind einfach Kult und haben zu recht schon eine sehr große Fangemeinde. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wieso diese Band noch nicht große Festivals headlined und immer „nur“ im Vorprogramm von großen Festivals auftritt. Das sollte man mal schnellstmöglich ändern. –

Surface 2

Das war die Meinung unseres Herausgebers Alex.
Hier findet Ihr nun die Meinung vom langjährigen Fan und Crewmitglied Marko:

Das fünfte Fuck Cancer Festival öffnet seine Pforten und lädt unter dem Banner „Love Metal! Hate Fascism! Help Children!“ erneut zur einer Benefizveranstaltung der besonderen Version ein. Die Einnahmen des ehrenamtlichen Festivals gehen zu 90% an das in Hamburg ansässige Kinderhospiz „Sternebrücke“ und zu 10% an die Initiative“Inklusion muss laut sein!“, welche es körperlich eingeschränkten Personen ermöglicht, Konzerte oder Festivals zu besuchen und Veranstaltungen barrierefrei zu gestalten.
Eine super Sache also, welche in Ahrensburg angestoßen wurde, und die sich zunehmend größerer Beliebtheit erfreut.Ausgetragen wird das Festival im JuKi 42, welches ebenfalls der Austragungsort des HOLSTEINER DEATH FEST und inzwischen des UNLEASH THE KRAKEN Festivals ist. Sieben Bands geben sich erneut die Klinke in die Hand und sind, nach dem letztjährigen eher Death Metal-lastigen Line Up, kunterbunt im Genre vermischt.

Als Teil der Crew, die das Event betreut, war natürlich die Aufregung groß. So hat man doch Jahr für Jahr eine neue Herausforderung vor sich, das Event weiter zu verbessern und sauberer abzuwickeln. Doch dieses Jahr schien es gut mit dem Festival zu meinen und so wurde nun im fünften Jahr der Fluch der „kurzfristig abgesprungenen Band“ gebrochen.nAls kulinarisches Angebot wurden zwei Foodtrucks aufs Gelände gestellt, die sowohl die Karnivoren als auch die veganen Besucher anständig mit Mahlzeiten zwischen 3,50.- und 7,50.- versorgen konnten.
Ebenfalls wieder am Start war die beliebte Tombola, bei der man gegen eine Spende von 2,50.- pro Los diverse Merchgegenstände verschiedenster Bands aus dem Underground oder vom internationalen Parkett gewinnen konnte. Mit beinahe 800 Preisen, die dafür sorgten, dass den Damen, die die Preise nummerierten, die Etiketten ausgingen und die bereits noch vor der Halbzeit des Festivals restlos weggingen, wurde ebenfalls ein neuer Rekord aufgestellt.

Noch vor dem offiziellen Anstoß und dem ersten Programmpunkt konnte man bereits zahlreiche bekannte Gesichter begrüßen und unendlich viele Hände schütteln (ein Glück wurden die Restriktionen in Bezug auf Corona erst später eingeführt). Ebenfalls waren noch vor Beginn der Veranstaltung Tim und Johnny von SURFACE vor Ort, welche die diesjährige Edition als Headliner bestritten. Jedoch der Reihe nach.

Während sich schon einige Gäste vor dem JuKi in Stimmung brachten (und scheinbar die Bedeutung des Wortes „kalt“ einfach nicht kennen), wurde drinnen ein Auftakt der etwas anderen Art zelebriert. Mit TILL BURGWÄCHTER stand dieses Mal keine Band als Opener auf der Speisekarte, sondern ein Autor, welcher eine Lesung hielt. Warum nicht mal mit einer Lesung anfangen? Ein wenig Abwechslung schadet niemandem. Till, oder Marc Halupczock wie er mit bürgerlichem Namen heißt, schreibt für die größte deutsche Metal-Zeitschrift und ist Metalfan quasi seit Anbeginn der Zeit, was man an der Auswahl seiner Texte auch merkt. Der Braunschweiger liest Auszüge aus seinen Werken „Die Wahrheit über Wacken“, „Tillicus, Glossicus, Metallicus“ (Hörbuch) oder „Voll die Blamage“, in welchen er sich den Mainstream, einige Klischees und den zum Brechen animierenden „Heile-Welt-Schlager“ vorknöpft. Auf humoristische Weise bekommen so allerlei Künstler ihr Fett weg und auch die eigene Subkultur des Metal darf (und kann) zeigen, dass man Selbstironie beherrscht. Leider war das Auditorium etwas spärlich besetzt, was dennoch der guten Stimmung keinen Abbruch tat und so wurde der Schriftsteller mit gebührendem Applaus verabschiedet. Experiment geglückt! (Über die Ossi-Schelte müssen wir aber nochmal reden, Kollege! 😉 )

Till Burgwächter 2

Als erster musikalischer Act war es nun an COFFIN CREW, den Laden aufzuheizen und das ließ sich die Truppe aus Lunden in Schleswig-Holstein auch nicht nehmen und servierte eine ansteckende Mischung aus rotzigem und rockigen Metal à la MOTÖRHEAD, wovon der auch der Look ihres Bassisten Manni (norddeutsch = Lemmy) deutlich Zeugnis ablegt. Der Saal hat sich inzwischen gut gefüllt und lässt auch prompt zum Song „Open Your Gates“ des aktuellen Albums die Hüften kreisen und die Hacken ins Parkett knallen. COFFIN CREW zeigen, dass sie eine eingespielte Truppe sind, denen dieser erdige Sound einfach im Blut liegt und den sie bis in die Haarspitzen fühlen. Gekonnt wird sich in Pose geworfen und die Musiker können sich das Grinsen nicht mehr aus Gesicht wischen. Ein amtlicher Einstand!
Mitten im Set möchte sich dann urplötzlich eine der wohl jüngsten Konzertbesucherinnen an der Gitarre versuchen und erntet, trotz eher mäßigem Erfolg, amtlichen Applaus. Ein cooler Einstand mit mächtig Pfeffer!

Setlist COFFIN CREW:
1. Intro – 60 Seconds to What? (Ennio Morricone)
2. Open Your Gates
3. Awesome Life
4. Too Drunk
5. Ladies Drinking Pussy Beer
6. Rock On
7. With Friends
8. Glory Ride
9. Go CC Go
10. Devils Name
11. Last Man Standing
12. The Trap
13. Eye of the Whirlwind

Im Anschluss wird es bereits Zeit für eine der musikalischen Überraschungen des Tages. ANTILLES aus Münster treten an und bringen knallharten und technisch hoch versierten Death Metal mit.
Das JuKi füllt sich erneut bis an den Rand und lässt sich zielgerichtet umpusten. Die Songs der Münsteraner erbringen problemlos den Spagat zwischen brutaler Knüppelei und melodiösem Hochleistungs-Gefiedel. Wie würden BEHEMOTH wohl klingen, wenn sie nicht dauernd schlecht gelaunt wären und stattdessen ihre eigene Interpretation der neueren DEATH Diskographie zocken würden? Wahrscheinlich ziemlich genau so wie ANTILLES. Während sich die Gitarristen Oskar und Conrad kreuz und quer auf ihrem Griffbrett austoben, zimmern Drummer Alex und Bassist Niels ein meterdickes Fundament unter die komplexen Stücke. Dass vier Instrumente (plus Gesang) so fett abliefern, ist nicht selbstverständlich und fährt vollkommen zurecht im JuKi Jubel von den Rängen ein. Apropos DEATH: ANTILLES haben sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, „Crystal Mountain“ zu covern. Was sehr leicht in die Hose gehen kann, wurde hier jedoch mit Bravour bestanden und hat somit den Siegeszug vollkommen gemacht. Nach diesem gelungenen Cover hätten ANTILLES auch ihren Laptop anmachen können, um SCOOTER abzufeuern und es hätte die Leistung nicht geschmälert. Sauber!

Setlist ANTILLES:
1. The Great Unknown
2. Helios
3. The Intricate Path of Creation
4. Crystal Mountain (Death Cover)
5. The Gift of Finiteness
6. Black Mountian
7. Misery

Antilles

Dass das Fuck Cancer Festival für eine breite Vielfalt an Musik steht, wird spätestens mit VLADIMIR HARKONNEN klar. Thrash Metal mit einer ordentlichen Punk-Schlagseite und einer ziemlichen „Fuck Off“-Attitüde. Nach dem Intro geht der Reigen unmittelbar auch los und die ersten Pogo-Tänzer finden genau ihren Sound zum Feiern. Besonders das eingestreute SLIME Cover „Schweineherbst“ kommt mit der leichten Thrashnote noch ein ganzes Stück aggressiver rüber als im Original und weiß durchaus zu gefallen. Sänger Philipp wandert unablässig von links nach rechts über die Bühne und sucht den Kontakt zu den Gästen, während seine Mitmusiker mit viel hörbarer Energie zu Werke gehen. Insgesamt in meinen Augen zwar nicht ganz mein Geschmack, nichtsdestotrotz musste ich dank des Covers an meine „Sturm und Drang-Zeiten“ in fiesen (musikalischen) Punk-Gefilden denken, und hatte dennoch hin und wieder ein wippendes Bein, einen nickenden Kopf oder ein Lächeln im Gesicht. Unterm Strich eine coole Performance, die die Stimmung erfolgreich weiter steigen ließ.

Setlist VLADIMIR HARKONNEN:
1. Intro
2. 13 Minutes
3. Tangle Foot
4. In The Good Old Days
5. Dreadnought Forever
6. Anomie
7. Ram It Down
8. (Intro) Death For Profit
9. The Chips Are Down
10. Irukanji
11. Schweineherbst
12. Mozambique Shot
13. Flatties
14. Reign In Vlad
15. Perfect Storm
16. Roadkill BBQ
17. Outro

Hamburg einig Power Metal Land! Als nächste Band entern die nautischen Lokalkapitäne von TERRA ATLANTICA die Planken des JuKi und schmettern ihren von den Sagen um Atlantis inspirierten Power Metal ins Volk. Mit ihrem aktuellen Longplayer „A City Once Divine“ konnten TERRA ATLANTICA bereits gute Resonanzen erzielen und anders sollte es auch diesmal nicht sein. Ab der ersten Sekunde steht der Saal Kopf und es wird gesungen, getanzt, geheadbangt und geklatscht. Für die Optik wurde hier ebenso gesorgt. So wurden die Drums mittels Fischernetz und die Bühne mittles antik anmutender „Steinsäulen“ verschönert. Auch die Bühnenoutfits der Musiker sind dem Imperialistisch/Maritimen angelehnt und versprühen so, passend zur Thematik, ordentlich frische Seeluft. Während der ersten Songs agieren TERRA ATLANTICA noch als Trio, doch dann ergänzt Neuzugang Frederik an der Gitarre das Gespann und feiert damit seine frenetisch bejubelte Livepremiere. Besonders das pfeilschnelle und komplexe“The Avenging Narwhal“ sorgt für Begeisterung, da sich hier Tristan und Frederik gegenseitig die Bälle zuspielen können.
Als besonderes Leckerli servieren die Hamburger ihre eigene Version des alten Gassenhauers „Hamborger Veermaster“ und lösen damit kollektives Schunkeln und Singen bei den Gästen aus. Als Abschluss setzt es noch, zumindest für mich, den Hit des Abends „Atlantica“. Den Jungs ist anzumerken, dass sie unheimlich Spaß haben, was eine entsprechnd ausgelassene Stimmung beim Publikum als Gegenreaktion erzeugt. Insgesamt eine sehr überzeugende Leistung!

Setlist TERRA ATLANTICA:
1. Intro
2. Sails In The Night
3. When Walls Will Fall
4. Quest Into the Sky
5. The Avenging Narwhal
6. Age of Steam
7. HamborgerVeermaster
8. Atlantica

Terra Atlantica

Bühne frei! Hier kommt der einzige Melodic Death Metal Act des Abends! SERPENTIC scheppern wie nix gutes mit dem Opener „End Of Greed“ sofort los und machen keine halben Sachen. Wer die Band aus Bad Oldesloe bereits erleben durfte, weiß, dass es hier eine Nackenschelle nach der nächsten gibt und so ist auch kein Wunder, dass der Raum vor der Bühne gerammelt voll ist. Sänger Christian flitzt wie ein Angestochener über die Bühne und zelebriert die Musik mit Leibeskräften, während seine Mitmusiker einen schwedischen Aufguss nach dem nächsten aus dem Hut zaubern. Bewaffnet mit drei Gitarristen und Keys zogen SERPENTIC mit „Call Me Sick“ auch unmittelbar eine straffe Abrissbirne durchs Gebäude. Bei einer derart aufwendigen Instrumentierung kommt es definitiv auf den Sound an, damit die Wirkung nicht flöten geht, doch die Crew des Fuck Cancer Festivals beweist, dass sie ihr Handwerk versteht und zaubert einen klaren und druckvollen Sound aus der Anlage, welcher der Musik gerecht wird.
Bemerkenswert war die Leistung besonders von Drummer Stefan, der mit einem arg angeschlagenem Bein an den Start ging, sich aber ohne Rücksicht auf Verluste durchs Set planierte, als wäre nichts und danach seine Mühen hatte, vernünftig aufrecht zu gehen. Das ist Leidenschaft! Und wahrscheinlich auch ’ne Menge Adrenalin. Umso eindrucksvoller mit welcher Präzision die Rhythmusfraktion sich durch Songs wie „Havoc“ oder „Anthems Of A Dying Will“ brettert. Die zweistimmigen Einlagen an den Sechssaitern, welche im Gesamtbild in Richtung DARK TRANQUILLITY abdriften, kann man sich einfach immer geben und werden nie langweilig. Jetzt braucht die Menge nur endlich einen handfesten Longplayer des Septetts!

Setlist SERPENTIC:
1. End of Greed
2. The Raven
3. Call Me Sick
4. Anthems Of A Dying Will
5. Havoc
6. Wings
7. King of Yours
8. Mundane
9. Damnation

NIGHT LASER sollten als nächstes das Eisen am glühen halten, jedoch habe ich mich draußen gnadenlos verquatscht und habe daher nicht allzu viel von den Wahl-Hamburgern mitbekommen. Was allerdings hängen blieb, war eine energetische Bühnenshow mit allem, was das Glam-Herz begehrt. Bunte Kostüme, viel Testosteron und Posen bis zum Abwinken. Das Quartett konnte mit einem sehr sympathischen Fronter und ziemlich fetzigen Hymnen über die schöne und leichte Seite des Lebens das JuKi auf jeden Fall bis zum letzten Rang füllen und lieferte den Gesichtern der Leute, welche am Ende den Saal verließen, ein eingebranntes Grinsen. So soll es sein. Ich ärgere mich indes weiter, dass ich dieses Spektakel beinahe gänzlich verpasst habe.

Setlist NIGHT LASER:
1. Chaos Crew
2. Fighting the Blues
3. Key to Madness
4. Bread and Circus
5. Prime Minister of Rock ’n‘ Roll
6. Trouble (in the Neighborhood)
7. Street King
8. Wrecked
9. Laserhead
10.Heaven is Hell
11. On My Own

Night Laser

Als krönenden Abschluss war es nun an SURFACE das einzureißen, was die anderen Bands vor ihnen stehen gelassen haben. Die Hamburger Death/Thrash Livemacht feierte passend zum Jubiläum des Festivals seinerseits sein Zehnjähriges. Grund genug die Setlist komplett zu überarbeiten und so einige Perlen aus der Historie mit in den sehr üppigen Kranz zu flechten, welche zuvor noch nie live dargeboten wurden. Bereits ab dem Intro johlt die Meute angeregt und es wird klar, dass sich hier viele Leute eingefunden haben, um den Headliner gebührend zu feiern und auch auf ihn gewartet haben. Mit fliegenden Haaren und vielen gereckten Fäusten starten SURFACE dann auch fulminant mit „Where The Gods Divide“ ins Set. Man merkt den Hamburgern an, dass sie durch das Quasi-Heimspiel besonders angestachelt sind und so befeuern die netten Herren unablässig das Publikum noch mehr zu geben und noch lauter zu mitzubrüllen, was dieses, höflich wie es ist, natürlich auch befolgt. Mit Songs der Marke „Poseidon“, „River of Souls“ oder „Ode To The Sun“schmettern SURFACE antike Bretter ins Volk, die sich gewaschen haben und lesen eine mehr als amtliche Messe. Bassist Tim und Frontmann Tom teilen sich routiniert den Stimmeinsatz und tauschen zusammen mit Axtpartner Johnny fröhlich die Positionen, während Drummer Marco mit seinem kompaktem Spiel den Laden fest im Griff hält. Die Interaktion mit dem Publikum hat bei SURFACE einen hohen Stellenwert und so wird zwischen den Songs natürlich auch ausgiebig geplaudert und geflachst. Kann man eigentlich zu einem Konzert von SURFACE gehen und am Ende, trotz der derben Mucke, keine gute Laune haben? Offenbar ist dies genauso unwahrscheinlich, wie Schnee im Sommer oder ein Festival ohne Kater. Stramme Leistung ebenfalls von Bassist Tim, der schon länger mit einer fiesen Erkältung anlag und den Gig trotzdem eisenhart durchgezogen hat. Großes Kompliment an dieser Stelle! Mit einer kräftigen Kelle werden auf der Schlachtplatte ebenfalls Songs wie „Hateful Fury“ oder „Back To The Roots“aufgeschüttet und ziemlich überzeugend dargeboten. So sind diese Songs doch bereits neun Jahre alt, fügen sich allerdings wunderbar ins Set ein, als wären sie schon immer dabei gewesen.
Am Ende heißt es Spiel, Satz und Sieg für SURFACE und die feiernde Meute darf sich einen denkwürdigen Gig in die Erinnerung tackern.

Setlist SURFACE:
1. Where The Gods Divide
2. Exit The Light
3. Back To The Roots
4. Olympic Warmachine
5. Poseidon
6. Kill The Heretic
7. Spear of Light
8. Titans From Olympus
9. Hateful Fury
10. Hera
11. Ode To The Sun
12. River of Souls
13. Olympus Has Fallen
14. Rise of Kronos
15. The One I Hate

Surface

In der anschließenden (inoffziellen) Aftershowparty wurden dann gemütlich noch zig Hopfenhülsen vernichtet sowie viele lustige Geschichten ausgetauscht, während ANTILLES und NIGHT LASER sich gegenseitig beim Karaoke überflügelten und mit den Anwesenden Limbo tanzten. Death Metal und Glam Metal hassen sich? Die Zeiten sind wohl schon lange vorbei und wir sind alle ein bisschen erwachsener. Schlussendlich können sich alle Beteiligten stolz auf die Schulter klopfen. Das Fuck Cander Festival 2020 war ein voller Erfolg und hat erneut eine Menge Leute angezogen, die sich sowohl für den Underground als auch für die Solidarität stark gemacht haben und allein dies sollte Aufhänger genug sein, dieses Festival weiterzuführen und auch im nächsten wieder alles zu geben. Wer das ganze Spektakel verpasst haben sollte, den verweisen wir gerne auf das Video von HEAVY HARLEQUIN, der sich stets unter die Masse mischte und bewegte Einblicke in das Festival in Ton und Farbe präsentiert. (Link)

Fotos mit freundlicher Genehmigung von el.tees_heavy_shots, Lars Thoke Concertphotography (Link)