Was gibt es Besseres, als überall seinen Senf dazuzugeben? – Richtig, das war eine rhetorische Frage.
Die Metalszene bietet viele Themen und Eigenheiten an, die sich gut diskutieren lassen, ob nun alteingesessene Klischees oder neueste Entwicklungen, da ist für jeden etwas dabei. Mit unserer neuen Rubrik wollen wir genau diesen Diskussionen ein Forum bieten: Eine Person aus dem Team stellt eine These auf, zu der sich die anderen aus der Redaktion auslassen.

Den Anfang macht folgende Aussage:

„Grindcore ist für Menschen, deren Niveau nicht über „Pipi-Kacka-Witze“ hinausgeht.“
Iris: „Ich würde jetzt nicht sagen, dass das Niveau von Fans, denen so etwas gefällt, insgesamt niedrig ist – manche von denen haben bestimmt auch einen Hochschulabschluss oder hören nebenbei auch richtige Musik. Aber das Niveau der Musik trifft das definitiv. Die Grenze zwischen Quatsch bzw. Comedy (und nur das ist Grindcore) und Musik mag bei dem einen oder anderen schon mal ab einem gewissen Promille- oder Prollgrad verschwimmen, so dass es auch zu einer Rückkehr in die anale (Einpissen etc.) oder orale (Kotzen) Phase kommen kann, was ja mal passieren kann. Und auch wenn im modernen Zeitalter Arbeiten mit Fäkalien als Kunst zählt (Andy Warhol: Oxidation Painting – Urin auf Kupferplatte), bringt mich die Drei-Ton-Musik von Grindcore von Jungs mit Klobürsten, verkleidet als Penisse oder in Lack als SM-Show (in denen meist Frauen erniedrigt werden), maximal auch in die orale Phase (Kotzen). Nicht umsonst rammeln sich vor allem männliche Fans vor der Bühne und ihre die Ellenbogen in die Rippen, mit einem schmierigen Grinsen auf den Lippen. Könnte damit auch ein Geschlechterproblem sein. Fazit: Nicht witzig, nicht musikalisch, redundant – und natürlich Kacke und zum Kotzen.“

Chris: „Generell mag einem dieser Gedanke in den Sinn kommen, wenn man manch jüngere Grind-Kapellen (ob nun freiwillig oder nicht) hört oder sieht. Wobei letzteres wohl der ausschlaggebendere Effekt ist, weil man nur so die Akteure auf und vor der Bühne in ihrer natürlichen Umgebung betrachten kann. Aber gerade bei den Veteranen des Genres muss ich hier vehement mein Veto einlegen, auch wenn ich dem Genre nicht sonderlich geneigt bin. So könnte die Idee oder besser gesagt die Motivation die hinter der Geburtsstunde des Grindcore steckt, nicht weiter entfernt sein von dieser These. Man nehme nur die Urväter NAPALM DEATH. Diese wollten harte Musik spielen, hatten keine Lust auf Fantasy oder Satanismus in ihrer Musik, wie es im Death Metal oder Black Metal oft vorkommt. Sie wollten Bezug auf die kalte Realität nehmen und prangerten (bis heute) soziale und politische Missstände an. Hier vermischen sich Ideen aus links-alternativen und antikapitalistischen Lebenswelten mit einer ordentlichen DIY-Attitüde. FÜr mich steht Grindcore dem Punk auch wesentlich näher als dem Metal. Und unabhängig davon stagnieren diese Bands auch nicht, entwachsen ihrem anfänglichen Dilettantismus und entwickeln extreme Musik weiter, wie das Beispiel von CARCASS zeigt. Auch jüngere Grindcore-Bands zeigen wie ernst der Grindcore heutzutage sein kann.
Insofern würde ich in der These das Wort Grindcore durch Porngrind und/oder Goregrind ersetzen. Dies entspricht nämlich eher dem angesprochenem Niveau.“

Marko: „Steile These mit rasantem Abgang. Nein, Grindcore besteht nicht nur aus „Pullermannwitzen“. Gerade wenn man sich ansieht aus welcher Jugendkultur der ursprüngliche Grindcore entwuchs, sollte klar sein, dass die Intention dahinter sicherlich nicht daraus bestand herauszufinden wie viele Worte man auf „Penis“ reimen kann (nicht viele, ich habe echt darüber nachgedacht). Vielmehr sollte Grindcore ein Spiegelbild für die Gesellschaft sein und gezielt Dinge ansprechen, die man sich sonst nur im Punk traut. Er sollte bewusst hässlich, unbequem, anstrengend und chaotisch sein. So, wie es unsere Gesellschaft eben auch ist. Doch eine Sache darf man dabei nicht vergessen: Grindcore ist dementsprechend recht einfach zu machen. Das wiederum zieht viele Leute an, aus einem ursprünglich bierernstem Thema eine Comedy-Show zu machen. Sicherlich muss nicht immer alles absolut seriös sein und man sollte auch nicht vergessen, dass Musik, egal welcher Couleur, durchaus nicht nur Kunst sondern eben auch schlichte Unterhaltung sein darf (Helge Schneider anyone?). Dennoch kann man ein ganzes Genre, mit Größen wie NAPALM DEATH oder CARCASS, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nicht auf die Bands reduzieren, die tatsächlich aus dem Rahmen fallen und den doch eher einfachen Humor bedienen. Habe ich bereits bei GUTALAX das Tanzbein geschwungen? Ja. Hat mich das unterhalten? Sehr sogar. Denke ich deshalb in antiquierten chauvinistischen Mustern und wandele auf hedonistischen Pfaden meinen einzig für das Testosteron bestimmten Weg, da mir Fäkalhumor und Machismo ein heiliges Gut sind? Teufel noch eins, nein! Und selbiges trifft auch auf die Akteure und Anhänger dieses Genres zu. Grindcore ist kritisches Denken, ist alternative Herangehensweise, ist kontra-gesellschaftlich, ist nicht für jedermann. Abgesehen davon habe ich vor gut zwei bis drei Monaten beim Einkaufen eine Szenerie in Bezug auf Klopapier in diesem Land beobachten dürfen, die jede humoristische Bühnenaktivität von Grindcore-Bands locker im Schatten verblassen lässt.“

Alex: „Ich glaube, hier sollte man differenzieren. Klar gibt es Bands, deren alleinige Thematik aus eben solchen Witzen besteht und bei denen die Fans genau das verlangen, allerdings gibt es auch viele Bands, die deutlich mehr Tiefe aufweisen können, als man es zuerst vermuten mag. Gerade die älteren Bands sind hier deutlich anspruchsvoller und häufig sehr politisch, als man es vermuten mag. Die „Pipi-Kacka-Fraktion“ ist eher bei jungen Bands mit – leider – hohem kommerziellem Erfolg. Hier haben sich ja auch Subgenres des Grindcore entwickelt, die explizit auf stumpfe Themen aufgemacht sind. Porngrind oder Goregrind zum Beispiel, die wohl beide eher weniger durch TIefe überzeugen. Dass gerade derart stumpfe Bands heutzutage so erfolgreich sind, ist wohl noch einmal ein ganz anderes Thema, sollte aber auf keinen Fall auf eine ganze Szene projiziert werden.
Dass Grindcore dementsprechend nur etwas für relativ niveaulose Hörer ist, würde ich demnach nicht so unterschreiben, allerdings würde ich soweit gehen und dem heutigen Grindcore eine Gewisse Affinität zum Stumpfsinn zuzusprechen.“