nightwish-human-natureGenre: Symphonic Metal 
Label: Nuclear Blast 
Veröffentlichung: 10.04.2020 
Bewertung: Klasse (8/10) 

Website

Das neue Album der Symphonic Metal Veteranen NIGHTWISH ist in so vielen Aspekten außergewöhnlich, dass man gar nicht weiß, welchen man als ersten herausstellen will. Fangen wir also mit dem offensichtlichsten an, dem Titel: Mag „Human. :II: Nature.“ im ersten Augenblick sperrig wirken, eröffnet sich bereits nach dem ersten Durchhören das Konzept des Albums. Nun ist das Album aber kein Konzeptalbum im klassischen Sinne, sondern greift Thematiken wie Kunst, Schönheit, Zerstörung, Gleichgewicht und Umwelt auf. Kurz gesagt, hier wird das Natürliche dem vom Menschen geschaffenen Dingen gegenüber gestellt. Dieser Kontrast zeigt sich in vielen weiteren Aspekten, wie zum Beispiel den Songnamen („Music“ und „Noise“) oder daran, dass die zweite Hälfte des Albums aus rein instrumentalen Songs besteht, die eher dem Genre „Filmmusik“ zuzuordnen wären. Und schließlich in den verschiedenen musikalischen Stilrichtungen, in denen zwischen den Songs gesprungen wird.

So beginnt „Music“ erwartungsgemäß entspannt und langsam und lässt in der ersten Hälfte nach einem schamanischem Intro eher an ABBA als an Nightwish denken. Zum Glück erinnern sich die Finnen schon bald an das zweite Wort in ‚Symphonic Metal‘ und packen rhythmisch-verzerrte Gitarren und Drums dazu. Der Trend wird in „Noise“ zum Glück fortgesetzt. Hier geht es schon wesentlich härter zu. Ob deshalb dieser Titel gewählt wurde, konnte nicht herausgefunden werden. Natürlich wird hier ordentlich aufgefahren, mit Chor und Orchester und über allem ragt der monumentale Gesang von Floor Jansen, die seit 2013 als festes Mitglied mit von der Partie ist. „Shoemaker“ ist der Song zum „Kopf-rhytmisch-mitnicken“ mit Ohrwurm-Potenzial und hat eine schöne Balance zwischen Tempo und Entspannung. Generell erzählen die Songs Geschichten und brechen aus klassischen Songstrukturen heraus, um der Erzählung einen Spannungsbogen zu bieten.

Immer wieder dürfen auch Bassist Marko Hietala und Uilleann Pipes-Spieler (irischer Dudelsack) Troy Donockley ihr gesangliches Talent unter Beweis stellen. So auch bei dem sehr folkigen „Harvest“, bei dem man spätestens beim zweiten Hören den Refrain direkt mitsingen muss. Das folgende „Pan“ erinnert zumindest den nicht NIGHTWISH-Fan am meisten an die Hits der Finnen, die man zwangsläufig kennt: ein treibender Metal-Chanson. „How’s The Heart“ ist dann wieder diese Gratwanderung zwischen überbordenden Kitsch und eingängigen Hooks und Gesang, bei dem man zwangsläufig mitwippt. Sollte der Song auf einem Festival gespielt werden, sehe ich mich auf jeden Fall schon mit gerecktem Bier den Refrain mitgrölen. Vor dem großen Finale lädt „Procession“ dann zum Durchschnaufen ein und drückt ordentlich auf die Bremse. Wohingegen „Tribal“ nochmal den bösen „Metal-Köter“ von der Leine lässt und mit den titelgebenden Stammesgesängen experimentiert. „Endlessness“ leitet mit seinen über sieben Minuten Spielzeit zur zweiten Albumhälfte über.

Diese besteht wie bereits weiter oben geschrieben aus instrumentalen Stücken. Allesamt epische Arrangements, bei denen NIGHTWISH ihre zweite kreative Seite ausleben können. Die Stücke eignen sich dabei zur Untermalung schöner Naturaufnahmen („The Green“), epischer Schlachtfelder der schottischen Highlands („Moors“) oder dem Ritterturnier („Aurorae“). Wie auch in der ersten Albumhälfte presst Bandchef Tuomas Holopainen, seines Zeichen Hauptkomponist, Texteschreiber und Keyboarder, seine musikalische Kreativität wie eine Zitrone aus. The London Session Orchestra vertonen diese Limonade.

NIGHTWISH erschaffen hier also nicht nur ein weiteres Album, sondern wollen Kunst auf ganz hohem Niveu erlebbar machen. Die Diskussion ob ihnen dies gelingt, wird die Metal-Gemeinde wohl wieder in verschiedene Lager spalten: die, die es feiern, die die es nicht tun und jenen, denen es völlig egal ist. Aber: man kann mit ihrer Musik nicht das Geringste anfangen und kommt trotzdem nicht drumherum, die Kreativität, die Abwechslung und die vielen Facetten wertzuschätzen. Darüber hinaus ist das Album ordentlich produziert und setzt sowohl im Arrangement, im Design und im Gesamtkonzept Maßstäbe. Natürlich setzen hier auch genau die Kritiken an: es wirkt alles etwas klinisch-steril, zu perfekt und aufgeladen.