In dieser Ausgabe unseres Diskussionsformats geht es um eine heikle und heiß diskustierte These:

„Politik hat auf der Bühne nichts zu suchen. Musik muss unpolitisch bleiben! Ich kann sehr wohl Musik toll finden und hören, auch wenn die Musikerin/der Musiker dahinter extreme politische Ansichten hat.“

Chris: „Nie und nimmer! Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich finde es großartig, wenn Musiker ihre Bühne und Reichweite nutzen um sich beispielsweise gegen Rechtsextremismus stark zu machen. Auch kann ich es auf den Tod nicht ab, wenn es Künstlern oder Konzertveranstaltern egal ist, dass sich „ein paar schwarze Schafe“ vor ihren Bühnen tummeln. Dann scheint das Geld ja wichtiger zu sein, als das eigene gute Gewissen. Und auch als Fan muss ich doch hinterfragen, welche Art Mensch ich dort auf der Bühne supporte. Und wenn sich dort extreme politische Ansichten finden, mit denen ich nicht einverstanden bin, dann höre ich den Kram nicht. Gerade im Black Metal stößt man ja leider immer wieder auf braunes Gedankengut. Da kann die Musik noch so gut sein, wenn da Nazi-Scheiße aus den Boxen ballert, schalte ich ab. Auch wenn der- oder diejenige „nur“ in einem anderen Projekt solche Ansichten heraus posaunt, muss mir als Fan doch bewusst sein, dass das Geld, was ich für die eine Band ausgebe, genauso gut an anderer Stelle in fragwürdige Projekte fließen kann.“

Marko: „Ob Musik immer politisch sein muss kann man vortrefflich diskutieren. Eine Sache die definitiv absolut nichts in der Musik zu suchen hat ist politische Extremität. Dieses Gedankengut spaltet mehr als das es eint und das sollte niemals der Leitgedanke in der Kunst sein. Aufrütteln, aufklären, erklären oder karikieren ist immer gern gesehen, jedoch hört das Verständnis meinerseits an der Stelle auf, an der es zu ernsthafter Beeinflussung kommt. Ganz klar kommt ein Genre wie Grindcore oder Punk nicht ohne politischen Charakter aus und es ist auch wichtig eine stringentere Stimme im Diskurs zu haben, allerdings muss diese immer noch am tatsächlichen Diskurs interessiert sein und nicht einfach alles sinnfrei niederbrüllen. Es gibt ja genügend Metalfans die keine Schmerzen dabei haben Musiker zu unterstützen, die sich politisch am ganz braunen Rand bewegen und sich dann von der Message freisprechen, die dieser Musik zugrunde liegt. Das halte ich für absoluten Blödsinn. Hinter jedem dieser Künstler steht eine Motivation und eine Absicht, wenn er oder sie mit heiklen Themen jongliert oder bewusst auffallen will und diese ist zumeist gar nicht so verschleiert wie man es immer annehmen mag. Daher kann ich nicht verstehen wie man politische Extreme durch finanzielle Zuwendung weiter unterstützen kann. Ich mag meine Musik auch das eine oder andere Mal provokant, allerdings in gemäßigtem Ton und immer mit Kopf und Herz gedacht, statt mit der Faust, denn wohl formulierte Worte treffen meistens besser als plump dahergeredeter Phrasenmüll.“

Juli: “ Man kann tatsächlich argumentieren, dass alles an Musik politisch ist – bis zu einem gewissen Grad natürlich. Und wenn die Band ihre Kunst nicht politisiert, werden es einige ihrer Fans tun. Ich bin der festen Überzeugung, dass Künstler mit ihrer Kunst machen und ausdrücken können, was sie wollen.
Wenn sie sich allerdings dazu entscheiden, extreme politische Einstellungen zu vertreten, sollen sie nicht rumheulen, wenn Leute sie boykottieren. Insbesondere Bands, die bewusst mit einer gewissen Symbolik und Rhetorik spielen, legen das lauteste „mimimi“ an den Tag, wenn man sie deswegen kritisiert. Noch einmal für die Leute in den letzten Reihen: Meinungsfreiheit bedeutet, dass man alles sagen darf, man aber nicht immun gegen Konsequenzen und Kritik daran ist (das ist ebenfalls Teil der Meinungsfreiheit) – und man trägt Verantwortung für das, was man sagt.
Musiker haben ebenfalls ein Recht darauf, ihre Meinung öffentlich auszudrücken und sie können ihre Band bzw. Kunst als Sprachrohr dafür nutzen. Wem es nicht gefällt, der sucht sich eben was anderes.“

Alex: „Ich glaube dies ist eine typische Aussage von Leuten, die musikalisch einige Bands mit fragwürdigen politischen Ansichten geil finden und sich so die Tatsache, dass sie deren Musik hören, vor sich selbst rechtfertigen wollen.
Prinzipiell ist Musik immer etwas persönliches. Jeder Musiker, der Texte schreibt, lässt auch persönliche Erfahrungen oder Werte mit einfließen, daher ist eine Trennung von beidem eher selten möglich. Die Schaffung von Musik – oder Kunst im allgemeinen – sollte natürlich frei von politischen Ansichten sein, wobei sich dann das Problem ergibt, ob man Musiker mit einer verqueren politischen Anschauung unterstützen darf oder soll. Die Aussage „ich finde nur die Musik toll -den Rest nicht“ ergibt ab dem Moment keinen Sinn mehr, in dem man sich Musik, Merch, etc. von eben einer solchen Band zulegt. Dennoch wäre es genauso falsch diese Gruppen komplett zu ignorieren, da so die Aufmerksamkeit direkt auf diese Gruppen gezogen wird.
Also ja, Politik hat nichts auf der Bühne zu suchen aber sie ist nicht von der Bühne zu entfernen. Und dann ist es doch besser, mit offenen Karten zu spielen und als Band auf der Bühne Statements zu setzen, als immer nur zwischen den Zeilen Statements abzugeben.
Dies gilt übrigens für alle Künstler. Daher werde ich auch weiterhin „Die neun Pforten“ von Roman Polanski schauen.“

Sabrina: „Musik sollte schon politisch „durchsichtig“ sein, um es so zu nennen. Ich möchte gerne wissen, welche Ideologie die Band oder einzelne Member vertreten. So ist es doch schon leider des Öfteren vorgekommen, dass sich plötzlich Äußerungen von Bands oder deren Mitgliedern aus dem Nichts aufgetan haben. Ich habe bisher von den meisten Bands im Slam-/Death-Bereich nur positives Verhalten erlebt, indem sie diejenige Person aus der Band geworfen haben (auch wenn es zehn Jahre zurück liegt). Ich finde einfach, dass dies die beste Reaktion ist um keinerlei Diskussionen in den Raum zu werfen á la „Der hat sich doch aber entschuldigt“/“Gesagt ist getan“ und um hinter diesem „Kapitel“ einen schnellen Punkt zu setzen bevor in der Szene der Bandname zu sehr durch den Dreck gezogen wird.
Was ich aber ehrlich nicht sonderlich gut finde, wenn nach jedem Song eine Ansprache gehalten wird. Ich finde diese Art von Meinungsäußerung gut und bin auch völlig dafür aber ich habe schon erlebt, dass es sich wie ein roter Faden durch den kompletten Konzertabend gezogen hat und irgendwie war die Stimmung trotz Bier usw gedrückt und an der Bar wurde über nichts anderes geredet. Ich finde ein Konzert ist auch da, um mal für einen Moment abzuschalten und die Eindrücke und die vielleicht aktuelle Situation ein bisschen in den Hintergrund rücken zu lassen.“