Without Mercy CoverGenre: Death/Thrash Metal
Label: Bloodblast Distribution
Veröffentlichung: 20.11.2020
Bewertung: Schwach (4/10)

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Mit dem zweiten sieht man besser. Auch wenn es die kanadische Trümmertruppe WITHOUT MERCY bereits seit 2004 gibt, war der musikalische Output eher übersichtlich. Zuletzt erschien mit Mouichido 2016 die dritte EP der Combo, während das letzte reguläre Studioalbum Without Mercy satte 11 Jahre zurückliegt. Nichtsdestotrotz konnte man sich für den Zweitling illustre Gäste sichern. So veredeln die amerikanischen Flitzefinger Jeff Loomis (Arch Enemy, ex-Nevermore) und Chris Broderick (ex-Megadeth) jeweils einen Song mit einem Gast-Solo. Irgendwo gefangen zwischen Death und Thrash sucht sich das Quartett seine eigene Nische und zollt, laut ihrer eigenen Aussage, beiden Genres den gebührenden Respekt, den sie verdienen. Für den Song „Uprooted“, welcher das Album beschließt, wurde ebenfalls ein Musikvideo gedreht, welches ihr euch hier ansehen könnt. Jegliche Veröffentlichungen der Band wurden von ihr selbst verlegt, veröffentlicht und verwaltet. Ein Label zu haben schien den Kanadiern wohl scheinbar ein Klotz am Bein zu sein. Dennoch entschied man sich bei der aktuellen Platte Seismic jemand externen heranzuziehen, der das Mixing übernahm. So wurde Dave Otero (u.a. Cattle Decapitation) hinter das Mischpult geschnallt, welcher der Platte die passende Durschlagskraft angedeihen lassen sollte.

Ohne langes Drumherum oder viel Theatralik scheppert „Thunderbird“ direkt mit vertrackten Rhythmen los. Der Sound ist klar, dezent dreckig und im Prinzip typisch amerikanisch. Sänger Alex Friis verwaltet indes mit räudigen Growls, allerdings auch mit teilweise sehr hohen Screams, das verlegte Fundament. Insgesamt ist der Song, mit seinen konsequenten Tempowechseln etwas sperrig, gleichzeitig aber auch moderner, als man es anhand der Genrebezeichnung vermuten würde. Am Ende des Songs erwartet den Hörer ein ziemlich überraschender Umschwung, den man so niemals hätte kommen sehen, denn urplötzlich wird es melodiös.

WITHOUT MERCY scheinen es sich allerdings zur Aufgabe gemacht zu haben, es dem Hörer nicht leicht zu machen. Bereits im zweiten Song „Abysmal“ mischen sich wütende Deathcore-Salven, thrashiges Tempo und viel Griffbrett-Akrobatik mit einem völlig aus dem Rahmen fallenden ruhigen, bluesig/jazzigen Zwischenstück. Falls die Band die Songs mithilfe eines neunseitigen Würfels schreibt, würde das erklären, weshalb alles beinahe so überladen wirkt. Selbiges wildes Durcheinander findet man in „Left Alone“ ebenso wieder. Der Chorus des Songs wandert, zumindest vom Riffing her, sogar fast in klassische Heavy Metal-Gefilde, wobei der Rest zwischen Tech Death und groovigen Deathcore-Spagat macht.

In „Wiindigo“ streift die Band sogar haarscharf an Mathcore vorbei, verbindet dies jedoch wiederum mit einem barocken Feeling und energiezehrenden Notenkaskaden. Ich kann durchaus verstehen, dass man sich tendenziell eher weniger zurückhält, wenn man, wie die hier abliefernden Musiker, technisch sehr versiert ist. Jedoch ist es immer eher schwierig, so viele Stile zu mischen und dann am Ende zu erwarten, dass das Ergebnis in sich Sinn macht. Als gutes Gegenbeispiel könnte man hier die australischen Tech Deather Allegaeon anführen, die es trotz technisch immenser Fähigkeiten immer wieder schaffen, den Hörer auch mitzunehmen.

Ob nun doch etwas Death Metal-lastiger und zwischendurch schleppender („Disinfect The Soul“) oder aggressiver zugreifender („Possessed“), allen Stücken ist gemeinsam, dass sie vor Ideen überlaufen und man einfach den Faden verliert, da sich so auch keine wirklich authentische und eigenständige Handschrift erkennen lässt. Sicherlich holzen die Musiker kräftig was weg und garantiert wurden sich beim Songwriting auch Gedanken gemacht, allerdings wäre es schön, wenn man das als Hörer auch wahrnehmen könnte und nicht von einem Moment auf den nächsten von rasanter Cryptopsy-Raserei zu pumpendem Slam Death und über progressiven Deathcore wieder zurückkommen würde.

So bleibt nach Ende des Album der Eindruck zurück, als wäre man einen 1000 Meter Sprint gelaufen, während man in den Schuhen Reißzwecken hatte und von einer Horde bewaffneter Schimpansen auf wütenden Nashörnern gejagt wurde. Verdammt intensiv, schnell und nervenaufreibend, aber ob das sinnvoll ist und ob man das wieder braucht, steht auf einem anderen Blatt. Es reicht einfach nicht, alles was man beherrscht, gleichzeitig umsetzen zu wollen. Wenn ich mir etwas Kompliziertes anhören möchte, was ich nicht verstehe, dann gehe ich in eine Mathe-Vorlesung und höre mir kein Death Metal Album an.