Altarage - Succumb CoverGenre: Black Metal/Death Metal
Label: Season of Mist
Veröffentlichung: 23.04.2021
Bewertung: 8/10 (Klasse)

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Ominöse Dinge gehen in Bilbao, Spanien vor sich. Nicht nur hat die Extreme Metal Kombo ALTARAGE innerhalb von sechs Jahren drei Alben („NIHL„, „Endinghent„, „The Approaching Roar„) und eine Demo („MMXXV„) hervorgebracht, wobei „Succumb“ inzwischen Nummer vier darstellt, sondern auch die Identität der Mitglieder hat es bis dato geschafft ein Geheimnis zu bleiben. ALTARAGE setzt sich aus drei bis vier Musikern zusammen, die vergleichsweise extremer zu Werke gehen, als andere Kollegen. Sogar das zuständige Label Season of Mist, welches durchaus dafür bekannt ist Musik zu fördern, welche die Grenzen der Belastbarkeit auslotet, gibt zu Protokoll, dass es hier ziemlich heftig wird. Man fühlt sich beinahe wie in der Vorführung eines neuen Splatter-Films, dem der Ruf vorauseilt „wirklich hart zu sein und das manche sogar das Kino verlassen mussten, weil ihnen übel wurde“. Stilistisch bewegt sich die Band in verschiedensten Sparten. Zwischen Black Metal, Death Metal, progressiven Fragmenten, Funeral Doom und grindigen Noise-Einwürfen wird alles ins Pentagramm gelegt, was sich zur Psychosenausbildung eignet. Mit etwas über einer Stunde Laufzeit ist „Succumb“ ebenfalls alles andere als ein Leichtgewicht, was unter Umständen aufgrund der befahrenen Route ziemlich anstrengend werden kann. Doch man soll ein Buch ja nicht nach seinem Einband beurteilen, also Film ab und zurücklehnen.

Der erste Akt nennt sich „Negative Arrival“ und diese Ankunft beginnt definitiv ziemlich unerfreulich. Die Dissonanz mit der ohne Pause gebolzt wird ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Die Drums fetzen sich unaufhörlichen Blast Beats voran und die heiseren Vocals vollenden ein Stück das bereits die Grenzen absteckt, in denen sich weiterhin bewegt wird. Anders verhält es sich in Szene zwei, „Magno Evento“ ebenfalls nicht. Teilweise muss man an die amerikanischen Rumpel-Chaoten von Imperial Triumphant denken, die ebenfalls für ihre unkonventionelle Herangehensweise bekannt sind und kein Problem damit haben einen nahezu ungenießbaren Song zu schreiben. Ganz so schlimm ist es bei „Magno Evento“ nicht, da in der zweiten Hälfte etwas Luft zum atmen gelassen wird. Doch dieser so wichtige Atemzug wird im dritten Teil der Handlung „Maneuvre“ im Keim erstickt. Walzend, bitterböse und psychotisch kriecht das Wesen „Succumb“ vorwärts und streckt seine widerwärtigen Klauen aus um den Hörer mit in den Sumpf aus Hass und Morast zu ziehen.

In „Forgone“ könnte man zu Beginn an rostige Gittertore denken, die vor einem zugeschlagen werden und einen so in eine Welt aus kaltem Mauerstein einsperren, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Vocals fallen hier das erste Mal etwas mehr auf und über dem Gegurgel liegt ein zusätzlicher Effekt, der die Stimme doppelt und um einen Halbton verschiebt, was eine ziemlich fiese Dissonanz und dämonische Präsenz ergibt, vergleichbar mit der Stimme von Pazuzu aus „Der Exorzist“, während er in Gestalt des kleinen Mädchens Regan nicht jugendfreie Dinge mit einem Holzkreuz anstellt. Der Mittelteil ist etwas gradliniger, dafür aber mit rituellen Trommel untermalt, als würde eine düstere Seance abgehalten. Stimmungsvoll ist das allemal!

Bemerkenswert ist, dass ALTARAGE es schaffen, die langen und unbequemen Passagen gut abzufangen und neben den ganzen schiefen und krummen Akkorden auch vereinzelt nachvollziehbare Notenabfolgen einzubauen. Die Atmosphäre wird dadurch verdichtet wie Kranplätze und man bleibt gespannt am Geschehen. Das die Basis für den tonalen Kosmos jedoch Death Metal ist, kann man bei „Drainage Mechnism“ und „Watcher Witness“ wohl am meisten herausfiltern. Beide Songs verschreiben sich eher dem Geballer und lassen die Reibereien zwischen disharmonischen Noten auch mal beiseite. Doch als dann urplötzlich, noch vom Schluss von „Watcher Witness“ eingelullt, das Instrumental „Fair Warning“ reingrätscht, fragt man sich ob jetzt allmählich der Punkt erreicht ist entweder einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen, um den Pegel zu halten oder ob ein Gang zum Therapeuten angezeigt ist. Der Übergang ist derart abrupt das man wirklich überrumpelt wird. Stark gemacht!

Die an Intensität zunehmenden disharmonischen Riffings und Passagen lassen erahnen, dass im Abspann dieses Streifens kein Happy End zu erwarten ist, sondern vielmehr nur noch weitere Agonie und schlimmere Schmerzen. „Forja“ möchte beispielsweise nichts anderes als dem Hörer weh tun und wehrt sich mit allen Mitteln gegen aufgeschlossene Ohrenpaare. Schwarze Teerwellen schwappen über einem zusammen und verschlucken einen in undurchdringbarem Dunkel, während sie dabei stechen wie tausend glühende Nadeln. Nein, diese „Musik“ will nicht gehört werden, diese „Musik“ ist Katharsis und Fegefeuer, bloß ohne reinigenden Effekt und mit dem Ziel Leid zu verursachen. Bei „Vour Concession“ angekommen haben sich die Vocals auch inzwischen beinahe komplett aus der Handlung verabschiedet und es regiert nur noch der klaustrophobische Klangkosmos von ALTARAGE. Und als man dachte man hat es geschafft und darf wieder ans Sonnenlicht setzen die Spanier mit „Devorador De Mundos“ die 21 minütige Funeral Doom-Grabplatte über das ausgehobene Grab. „Succumb“ ist ein Kampf den man nur am Stück bestreiten sollte und der sich keineswegs dazu eignet in Scheiben genossen zu werden. Wenn man sich allerdings der hier gebotenen Atmosphäre hingeben kann erwartet einen eine ziemlich coole Platte mit viel Kunst und Können. Jetzt erstmal eine Tablette Vitamin D3 und ein Spaziergang, sonst bleibt man im mentalen Gefängnis aus Verzweiflung und existentieller Krise eingesperrt, welches durch die Kopfhörer um einen herum errichtet wurde. Uff from Hell.